Wir schreiben einen Fantasy-Bestseller! (1)

Vor einiger Zeit hatten wir hier den Fantasy-Fragebogen zum Ankreuzen, anhand dessen man einen Fantasy-Bestseller schreiben könnte, wenn man wollte. Auf dem Internet gibt es noch mehr Texte, die sich über Fantasy lustigmachen, weil das Genre für viele kein ernstzunehmendes ist.

Aber wie wäre es, wenn wir ein ernstzunehmendes Genre daraus machen würden? Wir nehmen einmal einen solchen Text als Vorlage und schreiben tatsächlich einen Fantasy-Bestseller?

Wir müßten nur ein wenig etwas verändern, weil die meisten Leser von Fantasy eher unbedarfte junge Männer sind und deshalb normalerweise der Held ein junger Mann ist. Wir machen daraus eine junge Frau.

Ich zitiere hier aus einem Fantasyratgeber:

1. Der Held

Fantasy-Romane werden in der Regel von verklemmten, unsicheren, wenig selbstbewußten jungen Männern gelesen, mit einem Wort: von Verlierern. Damit diese sich im Roman wiederfinden, muß der Protagonist also ein Verlierer sein. Ziellos, unsicher, feige, ängstlich, kränklich, faul – suchen Sie sich was aus.

So geht''s natürlich nicht. Feige sollte unsere Heldin schon mal gar nicht sein und ängstlich oder ziellos? Nein, das gefällt mir auch nicht. Unsere Heldin ist eine ganz normale junge Frau mit viel Phantasie.

Das gefällt mir schon besser. Unsere Heldin ist sechzehn. So eine Fantasygeschichte dauert Jahre, und sie soll ja am Ende keine alte Frau sein, also muß sie jung anfangen.

Zudem ist unsere junge Heldin kein Mädchen, das seine Zeit mit Gänseblümchenpflücken verbringt wie die anderen Mädchen aus ihrem Dorf – und sie starrt auch nicht den jungen Kerlen hinterher. Sie beschäftigt sich lieber mit Büchern. Mit geheimnisvollen Büchern am liebsten.

Bis sie aus ihrer beschaulichen Ruhe gerissen wird:

2. Geben Sie Ihrem Helden eine Herausforderung

Dem Verlierer wird aus heiterem Himmel mitgeteilt, daß das Schicksal der ganzen Welt – oder irgendeiner anderen Welt – in seinen linkischen, ungeschickten Händen ruht. Um die Welt zu retten, muß er eine Aufgabe erfüllen, sich einem namenlosen Feind stellen, eine mysteriöse Fähigkeit erlernen o.ä.

Wir wissen ja schon, daß unsere Heldin anders ist, weder ungeschickt noch linkisch, sondern durchaus dem Leben gewachsen. Sie ist nur aufgrund ihrer Jugend noch sehr unerfahren. Also braucht sie jemand, der ihr einiges an Erfahrung voraushat: eine geistige Führerin.

3. Der weise, aber nutzlose Führer

Der Führer ist schrecklich weise und weiß alles, aber er erzählt nix und läßt die anderen im dunkeln tappen. Er scheint immense Zauberkräfte zu besitzen, die er aber auf keinen Fall anwenden wird, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.

Nein, nein, nein. So kommen wir doch zu nichts. Diese angeblich weisen Führer mit den endlos langen weißen Bärten nützen uns nichts. Wir brauchen jemand, der uns weiterbringt. Wie wäre es mit einer attraktiven 40jährigen, knackig und in allen Zauberkünsten geübt, dabei noch eine geschickte Schwertkämpferin? Ja, genau, die nehmen wir.

Diese hinreißende Frau kommt also – gekleidet in so eine Art Xena-Outfit, denke ich mal – eines Tages in das Dorf unserer jungen Heldin und teilt ihr folgendes mit:

»Du, Tanira, bist auserwählt, den Kampf gegen das Böse zu führen.«

Die Köpfe aller jungen und älteren Männer, eigentlich aller Männer vom Knirps bis zum Greis, stecken in den Fenstern der Hütte von Taniras Eltern fest, weil sie sich darum drängen, diese nur knapp mit schwarzem Leder bekleidete Person, die wie aus heiterem Himmel erschienen ist, aus der Nähe zu betrachten.

»Was? Wie? Wer bist du?«

(Tanira ist natürlich überrascht. Die Helden sind immer überrascht und haben noch nie etwas von einer solchen Herausforderung gehört.)

»Ich bin Raina« (Verzeihung, mir fällt gerade nichts Besseres ein) »und ich werde dir zur Seite stehen«, sagt die attraktive Vierzigjährige mit den aufreizend muskulösen nackten Beinen.

»Zur Seite stehen? Wobei?« Tanira ist verwirrt.

»Bei deinem Kampf. Denn er wird lang und blutig sein.« Raina wirft ihre wallenden blonden Haare nach hinten und lacht. »Aber wir werden siegen!«

»Na, schön, daß du dir da sicher bist«, sagt Tanira. Langsam erinnert sich sich daran, daß sie schon mal so etwas Ähnliches in einem Buch gelesen hat. In einem ihrer geheimnisvollen Bücher. »Aber was hat das mit mir zu tun?«

Erklärung: Der Held oder in unserem Fall die Heldin lehnt die Herausforderung immer erst einmal ab. Keiner rennt sofort los und schreit: »O ja, o ja, laß uns kämpfen!« Das gehört sich irgendwie nicht für einen Helden. Und für eine Heldin schon gar nicht.

Raina schaut sie irritiert – nein: genervt – an. Sie hat keine Erfahrung mit Kindern, hatte nie welche und wollte auch keine  . . . und erwähnte ich schon, daß sie ein bißchen zickig ist?

»Du bist auserwählt«, wiederholt sie, als ob das alles erklären würde.

»Ja, okay, auserwählt.« Tanira, die bislang gesessen und in einem Buch geblättert hat, steht auf. »Aber was heißt das? Ich wüßte schon gern ein bißchen mehr darüber.« Tanira ist nicht dumm, sie läßt sich kein X für ein U vormachen.

»Das Böse«, erwidert Raina betont und atmet durch, weil ihre Nerven sie gleich im Stich lassen. Sie wirft einen flirtenden Blick auf die Männer am Fenster – nur um zu testen, wie sie reagieren. Die Männer sabbern. »Schon mal davon gehört?«

»Ja  . . . na ja  . . . das Buch, das ich gerade lese, spricht auch davon«, antwortet Tanira. »Aber hat das Böse denn keinen Namen?«

»Das Böse hat keinen Namen, es ist einfach da.« So hilfreich, wie wir am Anfang dachten, ist Raina wohl doch nicht. »Du mußt es besiegen. Das ist deine Aufgabe.«

»Aha.« Tanira legt überlegend einen Finger an die Lippen. »Es hat keinen Namen, es ist einfach da – wie soll ich es dann finden, wenn ich nicht weiß, wie es heißt und wo da ist?«

Kluges Kind. Ja, das ist jetzt die Frage.

Weiter zu Teil 2

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment
  • No comments found

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche