Wir schreiben einen Fantasy-Bestseller! (2)

Wir haben bereits die Heldin (sie lebt in einem Dorf irgendwo am A. . . der Welt, wie wir aus dem Fantasyfragebogen gelernt haben) namens Tanira, und sie hat eine weise – na ja, sagen wir mal: zumindest annehmbare – Führerin namens Raina. Die Herausforderung ist auch schon da: Tanira soll gegen das Böse kämpfen.

Da Tanira aber nicht dumm ist, wie wir auch schon wissen, rennt sie nicht gleich mit verdrehten Augen los und stürzt sich auf das nächstbeste, das sie für das Böse hält (wir erinnern uns: die Windmühlenflügel), sondern überlegt erst einmal, wo sie das Böse finden könnte.

Die nächste Überlegung, die sie anstellt, ist, wie sie das alles allein bewältigen soll, und das führt uns zu einer unverzichtbaren Zutat jedes Fantasyromans: der bunt zusammengewürfelte Haufen Freunde und Gefährten jeglicher Spezies. (Die Zitate stammen immer aus dem Fantasyratgeber, den ich am Anfang erwähnte, das stammt also nicht von mir.)

4. Stellen Sie Ihrem Helden einen bunten Haufen Gefährten an die Seite

Der Verlierer/Held muß eine Truppe verschiedener menschlicher Rassen mit sich herumschleppen: Zwerge, Elfen, Rotarier usw. Jeder Gefährte kann nun irgend etwas besonders gut, beispielsweise mit dem Schwert herumfuchteln, ohne sich zu verletzen, oder Lasso werfen und das Ziel treffen. Diese Fähigkeiten werden sich irgendwann im Lauf der Geschichte als sehr praktisch erweisen.

Die Rotarier . . . na ja, das ginge ja noch, aber Elfen und Zwerge – damit habe ich es nicht so, also bleiben wir doch bei der menschlichen Rasse an sich. Gnome sind auch immer so häßlich, ich bevorzuge Schönheit für meine Charaktere.

Also da gibt es doch garantiert einen schüchternen Jungen im Dorf, der schon lange in Tanira verliebt ist, aber es nicht zu zeigen wagt. Sie weiß es natürlich trotzdem, aber es interessiert sie nicht. Der wäre bestimmt sofort bereit, ihr zu helfen.

Und dann gibt es da das Mädchen, das alle anderen immer nur auslachen, weil sie so tolpatschig ist. Gibt man ihr einen Tonkrug in die Hand, um Wasser zu holen, wird sie ihn nicht heil wieder zurückbringen. Aber . . . wenn sie auf ein Pferd steigt, ist sie unschlagbar. Sie ist auch in Tanira verliebt, hat aber noch nicht gewagt, sich das einzugestehen – geschweige denn Tanira.

Dann gibt es da noch einen Hund (ja, das ist auch ein Gefährte, der beste sogar), der vielleicht ein bißchen intelligenter ist als normale Hunde. Vielleicht ist er auch gar kein Hund, sondern eine nicht-menschliche Spezies mit höherer Intelligenz – man weiß es nicht. Außerdem braucht man noch so ein paar männliche und weibliche Rüpel, die einfach so mitlaufen, ohne Sinn und Verstand, weil sie nichts Besseres zu tun haben.

5. Das Land, in dem der Held herumreist

Das erste Abenteuer der bunten Truppe ist eine Reise durch ein riesiges Land mit unterschiedlichsten geographischen Gegebenheiten. Fantasy-Länder weisen jede nur erdenkliche Landschaftsform und jedes vorstellbare Klima auf – Berge, Wüsten, Sumpfgebiete, Gletscher, Urwälder – zufällig in der Gegend verteilt und bar jeglicher geographischer oder ökologischer Regeln.

Beachten Sie: Fantasy-Welten sind alle irgendwie quadratisch. Wie eine Doppelseite in einem aufgeschlagenen Taschenbuch.

»Laßt uns aufbrechen und das Böse suchen«, sagt Raina mit einem Blick auf die immer noch sabbernden Männer am Fenster, die sie mittlerweile durch ihre stupiden Blicke langweilen.

Sie wirft ihre langen blonden Haare mit einer Handbewegung zurück (ganz unpraktisch zum Kämpfen, diese langen Haare, aber wir kennen das ja: Statt eines praktischen Lesbenkurzhaarschnitts tragen diese Amazonen alle lange Haare, die sich im ungünstigsten Fall um ihr Schwert wickeln und sie zu Fall bringen. Außerdem verfilzt das so leicht, draußen im Urwald, in dem sie ständig übernachten. Keine Badewanne, keine Dusche, kein Shampoo – aber die Haare glänzen immer wie frisch gefönt, selbst nach dem blutigsten Kampf).

»Du erinnerst mich an jemand«, sagt Tanira, ihr Bündel bereits geschultert (Eltern haben anscheinend bei so etwas nie etwas zu bestimmen) und zieht krampfhaft überlegend die Augenbrauen zusammen.

»Meine Mutter Aphrodite bestimmt«, sagt Raina entsagungsvoll seufzend, als hätte sie das schon tausendmal gehört. »Ihr habt ja auch einen Tempel für sie.«

»Oh . . . ja.« Tanira lacht. »Stimmt. Du siehst aus wie die Statue, die dort steht. Nur . . .«, sie betrachtet Raina von oben bis unten, »größer und . . .«, sie räuspert sich, »muskulöser.«

Raina seufzt von ihrer erhabenen Höhe auf Tanira hinunter. »Mein Vater war ein Gladiator. Meine Mutter steht auf so was.«

»Dann bist du ja eine Halbgöttin«, bemerkt Tanira erstaunt. Irgendwie hat Raina nichts Göttliches an sich. »Dein Vater war ein Mensch und deine Mutter eine Göttin.«

»Ja, so ist es.« Raina betrachtet angelegentlich ihre Fingernägel. »Nur weil meine Mutter auf solche Muskelprotze steht, sehe ich jetzt so aus. Ich war schon immer zu groß für mein Alter.« Sie schaut auf ihre Muskeln und verzieht angewidert das Gesicht. »Und zu kräftig.«

»Ich find’s gut«, sagt Tanira grinsend. »Du siehst irgendwie klasse aus.«

»Ja, wirklich?« Raina sieht plötzlich aus wie ein kleines Kind, dem man versprochen hat, ihm ein Eis zu kaufen. »Na ja . . .« Sie zuckt die Schultern. »Für manche Sachen ist es nützlich, aber meistens . . .«, sie schaut auf die Männer, »eher weniger.« Mit einer entschiedenen Bewegung strafft sie ihre Gestalt und schaut über die Köpfe der anwesenden Truppe. »Ziehen wir los.«

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  • Ruth Gogoll
  • Rabea
  • angie.brand
  • catsoul
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Wie man sieht, stammt dieser „Fantasyratgeber“ aus dem Jahre 2008, ist also schon eine Weile her. Und wie man auch sieht, ist das alles nicht ernst gemeint. Ich bin kein Fan von Fantasy, ich bin eher ein Fan von Phantasie, das heißt, ich möchte, dass Autorinnen sich eine schöne, phantasievolle Geschichte ausdenken, die in der Gegenwart spielt.

    Allerdings, nachdem wir jetzt das neue Genre des Handyromans eingeführt haben, wäre ich durchaus nicht abgeneigt, einen utopischen Kurzroman wie [url=http://www.amazon.de/Neue-Welt-ebook/dp/B0093NCME2]„Neue Welt“[/url] oder eine Uber-Fanfiction zu „Voyager“ wie [url=http://www.amazon.de/Galaktische-Gefühle-ebook/dp/B0092GEDSI]„Galaktische Gefühle“[/url] zu veröffentlichen. Wenn die Geschichte gut ist, jederzeit.

    Beim [url=http://www.elles.de/index.php?option=com_content&view=article&id=934&Itemid=13]Handyromanwettbewerb[/url] hat jede Autorin die Chance, auch Fantasy einzureichen, auch wenn es kein Fantasywettbewerb ist.

    Freitag, 31. August 2012 17:09
  • Rabea

    Permalink

    Find ich ja schon gemein :) da nimmt man am Schreibwettbewerb teil, mit einem Fantasy-Roman und wird nur runtergemacht.... und hier lernt man jetzt wie man einen schreibt.... heisst das es kommt auch mal ein Wettbewerb für Fantasy :)?

    Freitag, 31. August 2012 15:44
  • hallo fr.gogoll ihre geschichte macht mich neugierig auf mehr. :-) davon zu lesen.es gibt viel zu wenige lesbische fantasyromane ;)wann gehts mit den beiden weiter? vielleicht 2009 als buch zu lesen ;)wäre toll

    Dienstag, 5. August 2008 15:50
  • Hi Ruth,

    hab herzlich grinsen müssen. Wann gehts denn weiter? ;)

    Liebe Grüße

    cat

    Donnerstag, 17. April 2008 23:55

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