Wir schreiben einen Fantasy-Bestseller! (3)

Die »Guten« kennen wir jetzt – zumindest zum Teil –, aber das reicht für eine spannende Geschichte nicht aus, denn uns fehlt noch das Entscheidende:

6. Der Feind

In jeder Fantasy-Welt gibt es einen finsteren Bösewicht, einen (fast) allmächtigen Erzschurken, der die Welt zerstören will. Was ihm das bringen soll, weiß niemand. Auf jeden Fall verfügt der Bösewicht über riesige Armeen, die völlig ohne Nahrung, Bezahlung oder sonstige Versorgung Tausende von Kilometern zurücklegen und Städte endlos belagern können, ohne je Nachschubprobleme zu haben. Das alles ist überhaupt kein Problem, jedoch hängen Macht und Zauberkraft des Bösewichts von einem unbedeutenden Gegenstand wie einem Ring oder einem Steinsplitter oder so ab.

Für unsere Geschichte ist der Bösewicht natürlich weiblichen Geschlechts. Ist sie nicht herrlich
böse?

* * *

»GAAAAAAAAAARRROLLL!« quiekte es wie aus den Kehlen von hundert Schweinen durch die große Halle.

Ein Gnom stolperte durch die Tür. »Ja-jawohl, meine große Herrscherin des Nordens*, Ihr habt gerufen?« sprach er zum glitschigen Lehmboden, auf dem er stand, wobei seine Nase beinah seine Zehenspitzen berührte.

»Wo treibst du dich immer herum, wenn ich dich brauche?« quietsch-quäkte es ihm entgegen.

Er hob den Kopf vorsichtig und stieß einen spitzen Schrei aus. Instinktiv trat er einen Schritt zurück, stolperte über eine Wurzel und fiel in die nächstgelegene Pfütze.

»Du blöder Trottel! Steh gefälligst auf und komm endlich her!«

Garroll rappelte sich hoch, versuchte sich dabei den Schlamm von den Kleidern zu wischen und ging, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, auf die Hexe Andrana zu.

»Und jetzt nimm dieses widerliche Ding von meiner Nase herunter!« krächzte sie und reckte dem Gnom ihren dürren Hals entgegen.

Einen aufkommenden Würgereflex unterdrückend hob Garroll langsam seine Hand, hielt jedoch in der Bewegung inne.

»Du elender Weichling, jetzt reiß dich zusammen, oder ich mache eine Kloschüssel aus dir!« quiekte die Hexe, wobei sie ihren Kopf mit der langen Nase noch weiter zu dem Gnom hinunterbeugte.

Zitternd reckte er seine Hand weiter nach oben, ergriff schließlich den auf der Warze seiner Gebieterin thronenden Schmetterling und rannte hinaus.

Andrana ließ sich in ihren Stuhl zurückfallen und schloß die Augen. »Ein Glas Spinnensaft auf den Schreck!« befahl sie. Doch nichts geschah. Ein Augenlid hob sich. »Verdammt noch mal, wo – ach so, ja.« Die Hexe nahm ihren Zauberstab, schrieb drei Kreise in die Luft, und mit einem Puff verwandelte sich die Wurzel in einen Gnom, der sich die Schulter rieb.

»Blöder Idiot«, murmelte er. »Haut mir seine Hacken direkt in die Arthritis rein.«

»Jetzt jammer hier nicht rum, bring mir endlich den Spinnensaft!« röchelte es heiser.

Der Wurzelgnom verließ murrend den Raum.

Da teilte sich plötzlich die von Kristallen besetzte Decke, und durch den Spalt fuhr ein gewaltiger blauer Blitz auf die Hexe herab und verwandelte sie in eine grüne, leuchtende Masse. Wenige Sekunden erstrahlte die riesige Höhle in grünlich-blauem Licht, dann schloß sich die Decke wieder, und Andrana fiel wimmernd zu Boden.

Garroll eilte herein, Schweißperlen auf seiner Stirn. »O furchtbare Herrscherin Hexe Andrana, es tut mir so schrecklich leid, ich wollte ganz vorsichtig sein, doch da stand dieser Eimer, der war vorher nicht da, ich konnte ihn nicht sehen, es war so dunkel, ich –«

»SCHWEIG!« fuhr Andrana ihn an. »Du Unglücksseliger! Du Nichtsnutz! Taugenichts!« quäkte sie röchelnd. Ihre knochigen Finger klammerten sich an den Stuhlbeinen fest, langsam zog sie sich hinauf und sank auf dem Sitz zusammen.

Garroll stand wie versteinert. Er wagte kaum zu atmen. Solange Andrana noch zu erschöpft war, sollte er sich vielleicht vom Acker machen, dachte er, doch zu spät. Sie hatte bereits den Zauberstab in der Hand.

»Kawostel!« sprach sie müde und zeichnete drei wacklige Kreise in die Luft.

Pfoff machte es, dann stand statt des Gnoms eine schiefe Kloschüssel vor ihr.

»Der Spinnensaft.« Der Wurzelgnom hatte sich unbemerkt herangeschlichen. Dann fiel sein Blick auf den mißglückten Gegenstand. »Hat er schon wieder einen Schmetterling zerquetscht?« entfuhr es ihm. Mit aufgerissenen Augen starrte er Andrana an. War sie noch zornig? Würde sie ihn jetzt ebenfalls verwandeln?

Doch die Hexe nickte nur müde. »Sieh zu, daß du einen Ersatz für ihn findest. Ich habe nicht vor, ihn so schnell wieder zurückzuverwandeln.«

Der Wurzelgnom verbeugte sich und huschte davon.

»Dieses Personal heutzutage . . .«, murmelte die Hexe in ihren nicht vorhandenen Bart. Sie reckte sich, trank den Becher Spinnensaft leer und krallte sich entschlossen ihren Zauberstab. Nach vier Luftkreisen schwebte eine riesige Kristallkugel vor ihr im Raum. Schwarz leuchtende Augen starrten hinein. Ein diabolisches Grinsen verzerrte die ohnehin nicht ansehnlichen Gesichtszüge zu einer furchterregenden Grimasse. »Bald, sehr bald . . .«, zischte die Hexe, dann drehte sie die Kugel ein Stück. »Nicht mehr lang, und es ist endlich vollbracht – dann gehörst du ganz und gar MIR!« hallte es dann von den Wänden wider, gefolgt von einem häßlichen Gackern. Die Kugel drehte sich ein weiteres Mal. »Dann werde ich euch alle vernichten, ihr kleinen Würmer! Ha-ha-ha!«

 * * *

Na, da läßt sich doch noch einiges erwarten von dieser Bösewicht-Tante, oder? Was wird wohl geschehen, wenn Tanira und Raina sich ihrem dunklen »Turm der Finsternis« nähern?

 


* Wir erinnern uns: Laut Fantasy-Fragebogen leben alle bösen Herrscher im Norden.

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People in this conversation

  • Becci
  • angie
  • Becci

    Permalink

    es gibt nur ganz wenige lesbische fantasy romane wie z.b das geheimnis der nebelinsel ;)

    Samstag, 31. Oktober 2009 21:16
  • angie

    Permalink

    bin gerade auf dieser seite gelangt, wäre nicht schlecht endlich mal ein fantasy-lesbenroman zu lesen.
    leider gibts davon wenig :(
    hoffentlich findet sich mal eine autorin die so eine geschichte verfasst und ein buch daraus wird.
    warten wir voller hoffnung ;) ;D

    grüsse angie

    Donnerstag, 30. April 2009 16:58

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