Orthorexie – Gesunde Lebensweise oder Krankheit?

Die Orthographie, also die Rechtschreibung, ist ja eine gute Sache. Würde jeder so schreiben, wie er spricht oder wie er sich das gerade denkt, gäbe es wohl große Probleme, einander schriftlich etwas mitteilen zu wollen. Rheinländerinnen schreiben rheinisch, Bayerinnen schreiben bayrisch … keine versteht keine. Das gäbe ein Chaos. Deshalb ist es nützlich, dass irgendwann (vor gut einhundert Jahren) eine Regelung getroffen wurde, Wörter im ganzen deutschsprachigen Raum gleich – oder zumindest ähnlich – zu schreiben.

Wir wollen hier jetzt gar nicht näher darauf eingehen, inwieweit das tatsächlich so ist, wer die deutsche Rechtschreibung – und insbesondere die Zeichensetzung – wirklich beherrscht. Obwohl man alles im Duden nachschlagen kann, ist es erschreckend, wie wenig offenbar nachgeschlagen wird.

Mir geht es hier jedoch gar nicht um die Rechtschreibung, sondern um einen Begriff, der so ähnlich klingt, aber gar nichts damit zu tun hat, nämlich um die Orthorexie. Wenn man dieses Wort noch nie gehört hat, denkt man da nicht automatisch, es hätte etwas mit Rechtschreibung zu tun? Orthós heißt auf Griechisch „richtig“, und darin besteht die Übereinstimmung. Bei der Orthographie geht es um „richtig schreiben“, bei der Orthorexie geht es um „richtig essen“.

Umgangssprachlich kennen wir Ermahnungen von Müttern wie „Jetzt iss doch mal richtig!“ Das kann sich auf alles Mögliche beziehen. Darauf, dass man beim Essen nicht gerade sitzt, sondern rumlümmelt, darauf, dass man lieber einen Burger oder eine Pizza isst statt ordentliche deutsche Hausmannskost, darauf, dass man zu wenig isst und die Mutter sich Sorgen macht, man könnte vom Fleisch fallen, darauf, dass man sich von Fertiggerichten ernährt statt selbst zu kochen.

Um diese Art des „richtigen“ Essens geht es bei der Orthorexie jedoch nicht. Die Orthorexie ist eine – wenn auch bislang nicht anerkannte – Ess-Störung. Der Name wurde von der Anorexie abgeleitet, umgangssprachlich Magersucht. Im Gegensatz zu letzterer ist es jedoch unwahrscheinlich, dass man an Orthorexie stirbt, denn man isst ja – nur eben lediglich ausgewählte Lebensmittel.

Entstanden ist dieses Krankheitsbild wohl daraus, dass es zu einem gewissen Zeitpunkt wichtig wurde, „gesund“ zu essen. Unsere Großeltern und Urgroßeltern haben sich darüber noch keine Gedanken gemacht, da ging es hauptsächlich darum, überhaupt etwas zu essen zu haben. „Gesund“ oder „ungesund“ war überhaupt kein Kriterium. Es gab noch keine industriell hergestellten oder verarbeiteten Lebensmittel, die Ernährung bestand aus dem, was Flora und Fauna hergaben, dem, was auf den Feldern reifte oder in Ställen, die noch nichts mit der heutigen Massentierhaltung zu tun hatten, heranwuchs.

Meine Großmutter, die Bäuerin war, erzählte mir oft von ihrem Bauernhof, und heutzutage klingt das wie das reine Idyll. Künstliche Düngung war völlig unbekannt, Felder wurden mit dem Mist der Tiere aus den eigenen Ställen gedüngt, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine oder auch Pferde. Obst und Gemüse zog man im eigenen Garten, die Hühner rannten auf dem Bauernhof frei herum, und wenn man ein Ei essen wollte, musste man eventuell lange suchen, um zu finden, wo sie es abgelegt hatten. Alles wurde auf dem Hof hergestellt, Einkäufe in der Stadt waren kaum nötig. Vom Brot, das aus dem eigenen Mehl aus dem Roggen und Weizen von den eigenen Feldern selbst gebacken wurde, über die Butter, die selbst im Butterfass hergestellt wurde, bis hin zu Käse und Schinken, der Bauernhof war unabhängig. Und über „gesund“ oder „ungesund“ hat niemand nachgedacht. Es gab keinen Grund, das zu tun.

Mit der Industrialisierung der Gesellschaft, mit der Entfremdung der meisten Menschen von der eigenen Scholle, mit dem Umzug vom Land in die Stadt änderte sich diese Lebensweise. Nun musste man Lebensmittel einkaufen statt sie wie zuvor selbst herzustellen. Notgedrungen wusste man also mit der Zeit nicht mehr, was in diesen Lebensmitteln enthalten war. Man konnte es nicht kontrollieren. Statt Bauern, Bäckern oder Metzgern gab es auf einmal Supermärkte, und die Lebensmittel stammten aus dem Regal.

Lange Zeit ging man einfach davon aus, dass die Herstellung trotzdem noch den alten Prinzipien folgte, dass Bäcker ihr Brot genauso backten, wie man es selbst früher auf dem Bauernhof getan hatte. Dass die natürlichen Umstände nicht geändert wurden.

Aber Lebensmittelkonzerne sind keine Bauern und keine Bäcker. Ihr einziges Interesse ist Profit. Und das wirkte sich dann mit der Zeit aus. So entstanden die Massentierhaltung und die Verarbeitung der Lebensmittel, die früher einfach so auf den Tisch kamen. Wer brauchte Konservierungsmittel? Wenn etwas länger haltbar gemacht werden sollte, wurde es eingeweckt, gepökelt oder geräuchert, und viele Dinge aß man einfach frisch. Mehrmals in der Woche wurde Brot gebacken, wenn es trocken wurde, machte man irgendwelche Restegerichte daraus, oder die Schweine freuten sich darüber. Es gab keinen Plastikabfall, keine Verpackungen – außer vielleicht Butterbrotpapier oder Holzkübel und -kisten. Es gab keine Umweltverschmutzung.

Damals gab es bestimmt auch nicht eine einzige Person mit dem Krankheitsbild Orthorexie. Das wäre absurd gewesen. Alles, was auf den Tisch kam, war gesund.

Nun aber, im Zeichen der Industrialisierung und der Entfremdung von den eigenen Ursprüngen auf dem Land, konnte man das nicht mehr so richtig wissen. Lebensmittelskandale zeigten, dass in Lebensmitteln Dinge enthalten waren, die wir nicht essen würden, wenn wir gewusst hätten, dass sie da drin waren. Dass sogar schädliche Dinge enthalten waren, die gar nicht für den Verzehr geeignet waren, uns krank machten. Dass dafür der Anteil dessen, was früher unsere gesunde Ernährung ausgemacht hatte, immer mehr sank. Allergien, Unverträglichkeiten, schlechter oder gar nicht mehr vorhandener Geschmack – da konnte man wirklich verzweifeln. Tomaten aus Holland schmeckten nur noch nach Wasser, nicht mehr nach Tomate.

Und so entstand immer mehr das Bedürfnis, gesund zu essen. Sich von den billigen, industriell hergestellten Lebensmitteln zu entfernen. Zurück zur Natur.

Das ist ein verständliches Bedürfnis, und dem wurde Rechnung getragen. Es gab immer mehr Bio-Produkte (wo dann wieder Zweifel aufkamen, ob das alles bio ist, was da drin ist), das Bewusstsein wuchs, dass man die Qualität eines Lebensmittels auch bezahlen muss. Biologisch organisch (also so wie bei meiner Oma auf dem Hof) gezogene Tomaten schmecken wieder nach Tomaten, aber sie sind auch teurer.

Heutzutage ist es ganz normal, dass man beim Einkauf auf die Inhaltsstoffe achtet (aus meiner Kindheit kenne ich das nicht. Zumal damals auch auf kaum einem Lebensmittel irgendwelche Inhaltsstoffe standen, das hätten die Leute sehr komisch gefunden), dass man versucht, gesunde Sachen zu essen und sich Ungesundes weniger erlaubt. Aus Genussgründen gibt es das auch mal, aber man hat ein schlechtes Gewissen.

Das ist eine allgemeine Entwicklung, und die ist sicher nicht besorgniserregend. Wir wissen mittlerweile viel mehr über Ernährung als früher, auch darüber, wie sie uns schaden kann. Darüber, was Fett und Zucker im Übermaß in unserem Körper anrichten.

Ein kleiner Teil der Bevölkerung jedoch ist damit noch nicht zufrieden. Sie wollen mehr Gesundheit als andere. Nur noch gesunde Sachen, nichts Ungesundes mehr, nur frische Produkte, nichts Verarbeitetes, sie wollen über jede einzelne Zutat Bescheid wissen, und ist das nicht möglich, essen sie das Produkt nicht.

Das ist ja grundsätzlich nicht falsch. Wenn man sich die ganzen Fast-Food-Ketten so anschaut und was die Leute da in sich reinschaufeln, würde man sich wünschen, dass da etwas mehr Gesundheitsbewusstsein herrschte. Aber … die Meinungen über das, was gesund oder ungesund ist, wechseln leider häufig. Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse, die Lebensmittel, die bislang als gesund galten, plötzlich in die „böse“ Ecke einordnen. Lange Zeit galt beispielsweise Soja als gesund, mittlerweile esse ich nichts mehr, was mit Soja zu tun hat.

Deshalb bin ich allerdings noch lange nicht der Orthorexie anheimgefallen. Bei mir sind es nur wenige Lebensmittel, die ich fragwürdig finde (das meiste industriell Verarbeitete hat mir ohnehin nie geschmeckt). Da ich Vegetarierin bin, esse ich hauptsächlich Gemüse, bio oder manchmal auch nicht bio, aber auf jeden Fall im Großen und Ganzen sicherlich nicht ungesund.

Für Leute, die an Orthorexie leiden, wäre diese Einstellung viel zu lasch. Für sie ist „gesundes Essen“ zu so etwas wie einer Ersatzreligion geworden. Es gibt „gute“ und „böse“ Lebensmittel, da geht es nicht nur um die Inhaltsstoffe, das ist gleichzeitig schon eine Frage der Moral. Dass man grundsätzlich kein Fleisch isst und keine Fleischprodukte, ist selbstverständlich, das ist noch einigermaßen nachvollziehbar. Aber im Grunde genommen steht jedes Lebensmittel unter Verdacht.

Solange man noch etwas findet, das man essen kann, ist es ja gut, aber oftmals führt diese Störung zu einer sozialen Isolation. Denn wenn man zusammen ins Restaurant gehen will, wird es schwierig, „gutes“ von „bösem“ Essen zu unterscheiden. Man weiß ja nicht, welche Zutaten der Koch verwendet hat und wo sie herkommen. Selbst bei einem Salat kann man sich nie sicher sein.

„Komplett vegan, ausschließlich pflanzlich, nur glutenfrei, ölfrei, zuckerfrei, mehlfrei, ohne Dressing oder Soße.“ So beschreibt eine amerikanische Bloggerin ihren Lebensstil. Man fragt sich, was da noch schmeckt. Außerdem ist es wohl sehr aufwendig, sich so zu ernähren, denn man muss alles selbst zubereiten. Ein Stück Pizza unterwegs ist da nicht drin. Nun ja, man kann sich immer ein paar Möhren zum Knabbern mitnehmen, die scheinen noch erlaubt zu sein. Nüsse schon nicht mehr, denn die enthalten Öl.

Manchmal denke ich, Orthorexie ist eine logische Folge der politischen Korrektheit, die oft auch über das Ziel hinausschießt und damit das Gegenteil erreicht. Man will alles richtig machen, und dabei kann es passieren, dass man es übertreibt.

Grundsätzlich ist gegen eine gesunde Ernährung natürlich absolut nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber für mich gehört auch mein Olivenöl dazu, in dem ich mein Gemüse zubereite, und Soßen liebe ich. Meine Salatsoßen bestehen heutzutage meistens aus Joghurt, weil mir das am besten schmeckt, aber auch Essig und Öl kann es mal sein. So eine richtig schöne Vinaigrette aus Balsamico und Olivenöl, dazu ein paar Kräuter – ein Genuss.

Es gibt sicherlich einiges, was man bei der Ernährung weglassen kann, jede Menge Süßigkeiten, zu viel Fett, das muss alles nicht sein. Aber übertreiben muss man es auch nicht. Im Restaurant esse ich eine Pizza oder Bratkartoffeln richtig gern. Man sollte sich immer überlegen, was wichtiger ist: die eigene Lebensqualität oder eine streng durchgehaltene Ideologie?

Also ich bin für Lebensqualität. laughing

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