Gehirnjogging

Gehirnjogging ist eine tolle Sache. Im Gegensatz zum richtigen Joggen auf der Straße oder im Wald sitzt man einfach nur da und läßt sein Gehirn für sich arbeiten. Ganz bequem.

Unser Gehirn ist eine Maschine, die – im Gegensatz zu uns selbst beziehungsweise dem Rest unseres Körpers – eigentlich nie ausruhen muß. Es arbeitet weiter, auch wenn wir schlafen, findet Lösungen, während wir gar nicht merken, daß wir nach ihnen suchen.

Erinnern Sie sich, das letzte Mal, als Sie nach einer Lösung für ein Problem suchten? Sie saßen da, und der Kopf rauchte. Verbissen versuchten Sie eine Lösung zu finden, aber je länger Sie sich damit beschäftigten, desto weniger schien die in Sicht. Im Gegenteil, Ihre Gedanken drehten sich nur noch im Kreis.

Erschöpft gingen Sie endlich ins Bett, schon fast ohne jede Hoffnung. Und dann wachten Sie am nächsten Morgen auf – und die Lösung war da. Einfach so. Als ob sie aus der Luft erschienen wäre.

Aber das war sie natürlich nicht. Ihr Gehirn hatte – indem Sie sich zur Ruhe begaben und es nicht mehr dabei störten – in der Nacht unbehelligt weitergearbeitet, alle Informationen zueinander in Beziehung gesetzt und – nun, da Ihr Bewußtsein es nicht mehr daran hinderte – die beste Lösung gefunden.

Unser Bewußtsein ist der Flaschenhals für jede kreative Gehirnaktivität. Es kann nur einen Bruchteil dessen erfassen, was unser Gehirn leisten kann. Deshalb ist es immer von Vorteil, unser Bewußtsein einmal für eine kurze Zeit auszuschalten.

Das muß nicht unbedingt der Schlaf in der Nacht sein, die gleiche Wirkung kann man auch durch einen Spaziergang oder durch die Beschäftigung mit etwas völlig anderem als dem, wofür man die Lösung sucht, erreichen.

Insbesondere etwas »hirnlose« Tätigkeiten wie Kochen oder Geschirr spülen eignen sich für diese Art von Ablenkung und Erholung. Mir sind beim Kochen schon sehr gute Ideen gekommen, wenn ich eine ganze Weile vor dem Computer gesessen hatte und nicht mehr weiterkam.

Bei einer Tätigkeit wie meiner – der Schriftstellerei – ist es oft so, daß man nicht einfach das tun kann, was man in diesem Moment tun möchte. Ein Buch zu schreiben ist sicherlich selbst eine Art von Gehirnjogging, aber auch das kann man nicht endlos betreiben, wenn man Erfolg haben will. Man muß sich zwischendurch einmal mit leichteren Dingen beschäftigen, die das Gehirn nicht so anstrengen.

Es gibt – wie zu praktisch allem heutzutage – Studien darüber, wie man sein Gehirn am besten nutzen kann. Ein Beispiel ist eine Studie, bei der man zwei Gruppen auf verschiedene Art ein Problem lösen ließ. Die eine Gruppe hatte dafür zwei Stunden Zeit, in denen sie unablässig an dem Problem arbeitete. Die andere Gruppe wurde nach einer gewissen Zeit aus der Arbeit herausgerissen und ihr wurde eine zweite, jedoch weitaus leichtere Aufgabe gestellt. Nachdem sie diese Aufgabe ohne große Anstrengung gelöst hatten, in dieser Zeit aber nicht an das erste Problem denken konnten, wurden sie wieder an das erste Problem gesetzt.

Welche Gruppe ist zum Schluß wohl schneller und einfacher zu einer Lösung gekommen? Richtig. Die Gruppe, die ihre Arbeit zwischendurch unterbrochen hatte. Die Beschäftigung mit dem zweiten, leichter zu lösenden Problem hatte dem Gehirn Gelegenheit gegeben, allein – ohne den Flaschenhals des störenden menschlichen Bewußtseins – an dem Problem weiterzuarbeiten und »seinem« Menschen die Lösung wie auf dem Silbertablett zu servieren.

Ebenso wie man bei körperlichem Training zwischendurch ausruht, um den Muskeln Gelegenheit zu geben, die meiste Kraft und Flexibilität zu entwickeln, kann man auch das Gehirn zu höheren Leistungen animieren, wenn man ihm zwischendurch einmal Ruhe gönnt.

Aber – und das ist ebenso wichtig – das Gehirn muß zu diesen Leistungen auch fähig sein. Ein Mensch, der in der Schule nie das kleine Einmaleins gelernt hat, wird bei einer mathematischen Aufgabe nie zu einem Ergebnis kommen, wie viele Pausen er auch macht.

Deshalb ist es schon in der Schule wichtig, sein Gehirn richtig zu trainieren. Das wird in den heutigen Klassenzimmern leider oft versäumt. Genauso schlimm war es, als früher noch der Rohrstock regierte, denn wer kann schon lernen, wenn er befürchten muß, bei einer falschen Antwort verprügelt zu werden?

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