Die Suche nach der verlorenen Zeit

Der Titel bezieht sich auf Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, ein Riesenwerk bestehend aus sieben Bänden – für manche das bedeutendste Werk der französischen Literatur überhaupt –, das er zwischen 1908 und 1922 geschrieben hat, also zu einer Zeit, als es noch kein Internet gab, noch nicht einmal eine Vorstellung davon, dass es so etwas geben könnte. Trotzdem scheint es auch damals schon das Problem mit der Zeit gegeben zu haben.

In der Tat ist Auf der Suche nach der verlorenen Zeit so etwas wie eine Vorausschau auf das Internet, denn der Erzähler beschäftigt sich nur mit sich selbst und kreist nur um sich selbst. Seine Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle werden minutiös geschildert. Es gibt nichts Wichtigeres als ihn, und alle Menschen und Dinge um ihn herum sind nur Staffage.

So ähnlich stellt sich das Internet heute auch dar. Jeder einzelne kreist um sich selbst, es gibt keine wirklichen zwischenmenschlichen Beziehungen mehr, dafür Selfies. Facebook und Co. machen es selbstverliebten Selbstdarstellern leicht, sich als den Mittelpunkt des Universums zu betrachten.

Genau wie bei Marcel Proust ist es auch heute so, dass die Menschen eher zu viel Zeit haben als zu wenig. Nur deshalb können sie ihre Zeit mit solchen Dingen wie der minutiösen Betrachtung und Dokumentierung ihres unwichtigen Lebens verschwenden.

Marcel Proust war privilegiert, er stammte aus einer reichen Familie, musste nicht arbeiten, reiste herum, wohnte in Grand Hotels und schrieb dort. Damals war das eine Ausnahme, heute ist es die Regel, dass die meisten Menschen nur noch einen Bruchteil ihres Lebens mit Arbeit verbringen. Die 40-Stunden-Woche wäre zu Marcel Prousts Zeiten für weniger Privilegierte als ihn ein Traum gewesen, da schon Kinder bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten mussten, nur am Sonntag gab es eine kurze Pause, um zur Kirche zu gehen.

Deshalb hätte damals niemand außer den Reichen Zeit dafür gehabt, sich Gedanken über etwas anderes als das pure Überleben zu machen, die schwere Aufgabe, jeden Tag wenigstens das Essen für die eigene Familie zu verdienen, das man brauchte, um nicht zu verhungern.

Wer muss sich heute darüber noch Gedanken machen? Wir sind alle mehr als gut versorgt. Im Gegenteil, heute ist Abnehmen ein großes Thema. Weil wir so viel zu essen haben, dass wir immer mehr Fett ansetzen. Wer muss sich heute noch darum sorgen zu verhungern, wenn er nicht ununterbrochen arbeitet?

Das heißt, das, was zu Prousts Zeiten Luxus war, etwas, das sich nur ganz wenige leisten konnten: Freizeit, selbst zu bestimmen, wie man seine Zeit verbringt, ist heute das, womit alle jungen Menschen schon als Selbstverständlichkeit aufwachsen.

Und ebenso wie Marcel Proust suchen sie Möglichkeiten, die Zeit auf irgendeine Art zu nutzen, da sie keine wirkliche Beschäftigung haben oder nur stundenweise pro Tag beschäftigt sind und den Rest ausfüllen müssen. Selbst wenn man acht Stunden am Tag arbeitet, hat man sechzehn Stunden pro Tag nichts zu tun. Wovon man einen Teil schläft, aber was ist mit dem Rest? Und was ist mit den Wochenenden?

Als das Thema Zeit jetzt aufkam, fiel mir sofort Marcel Proust ein, weil es heutzutage oft so ist, dass behauptet wird, man hätte zu wenig Zeit, aber das Gegenteil ist der Fall. Wir leben in einem Luxus, der es uns erlaubt, viel Zeit zu haben. Viel freie Zeit, die wir selbst gestalten können.

Das Internet wurde ursprünglich aus Gründen der Informationsvermittlung entwickelt, aber darum geht es schon längst nicht mehr. Es geht um Selbstdarstellung. Und viele Leute haben viel Zeit, das zu tun, nehmen sich selbst ungeheuer wichtig, weil sie jede Minute ihres Tages mitteilen können, ob es jemanden interessiert oder nicht.

Wir haben offenbar einen Hang dazu, uns so wichtig zu nehmen. Besonders wenn wir Zeit dazu haben.

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People in this conversation

  • Barbara
  • Ruth Gogoll
  • Barbara

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    Viel Zeit? Wenig Zeit? Eine gute Frage.
    Ein Tag hat 24 Stunden. Davon arbeiten viele mindestens 8 Stunden, viele viele natürlich mehr. In dieser kurzen Sequenz von zum Beispiel 8 Stunden, ein normaler Arbeitstag, muss so viel hinein gepackt werden… Ich meine vor allem das mit immer mehr, immer schneller, immer mehr. Hat man diese 8 Stunden hinter sich, so hat man ja rein theoretisch noch 16 Stunden zur Verfügung.
    Aber viele haben dann 8 Stunden puren Stress hinter sich – eventuell kommt noch der Weg/der Stau im Straßenverkehr dazu. Vielleicht haben sie noch einen Job, in dem sie sich nicht wohlfühlen, vielleicht werden sie zusätzlich noch gemobbt. (Ich spreche da nicht von mir. Ich hab's zum Glück gut. Aber jede kennt in ihrem Umfeld doch solche Menschen oder?)
    Dann hat man die 8 Stunden also gerade mal geschafft. Was dann?
    Man muss den angestauten Frust ablasen… stopft dann vielleicht Essen in sich hinein, schreit seine Partnerin an oder bekommt einen Groll auf den Nachbarn und und und… Und am Schluss sind solche Menschen nicht mehr sich selbst, brauchen X Ventile und wenn es ganz dicke kommt, startet einer durch und holt zum Amoklauf aus.
    Wären wir alle in der Lage, nach getaner Arbeit oder nach was auch immer, einen Gang herunter zu schalten, unser Gleichgewicht zu finden, so könnte - so glaube ich - sehr viel Übel verhindert werden. Aber darf man sich den Luxus überhaupt gönnen? Sieht es das Umfeld oder vor allem die Leistungsgesellschaft nicht lieber, wenn man ein Wahnsinns-Mensch ist – ein Übermensch, der sich von einem Stress in den nächsten stürzt? Wow… heißt es dann. Sieh dir den oder die an…. Wahnsinn, was die oder der leistet… und mindestens jeder zweite denkt, dass er nacheifern… oder eher nachäffen muss… mit was für Folgen?
    Ja, so gesehen, stimmt der Artikel hier: Zeit haben wir wirklich… mehr als genug… Die Frage ist nur, wie wir sie nut;)zen.

    Freitag, 30. Januar 2015 7:55
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Keiner macht sich doch mehr Gedanken, es wird gleich gegoogelt.

    Ich finde, dieser Gedanke von Nanni passt hierhin. Es stimmt, aber das hat Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist eindeutig der, den Nanni hier nennt: Eigene Gedanken sind unbequem und anstrengend, also schaue ich lieber, was andere darüber denken. Das war aber schon immer so. Wenn ich mich nur daran erinnere, wie sehr eigene Gedanken in Seminararbeiten an der Uni verpönt waren ... :) Man musste immer tausend Quellen nennen. Sonst war das, was man hinschrieb, nichts wert. Dumm war nur, wenn man sich eigene Gedanken machte, die sich vorher noch niemand gemacht hatte, die man nicht durch Quellen belegen konnte. Dann bekam man eine schlechte Note.

    Der Vorteil des Googelns und des Internets ist aber, dass heutzutage viel mehr Informationen zur Verfügung stehen, wenn man etwas wissen will. Das gefällt mir. Selbst in Diktaturen können nicht erwünschte Ideen nicht einfach so unterdrückt werden. Man weiß nicht nur, was in der Nachbarschaft um die Ecke los ist, sondern auch, was in der Welt passiert. Nicht dass das immer so wichtig wäre, aber es ist eindeutig ein Vorteil für Gruppen wie z.B. auch uns Lesben, die sich so über große Entfernungen treffen können, obwohl das in der eigenen Stadt nicht so einfach möglich ist.

    Freitag, 30. Januar 2015 7:20

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