Wer schreibt, bleibt

Je älter ich werde, desto mehr mache ich mir Gedanken darüber, was von mir bleibt, wenn ich tot bin. Ich habe keine Kinder, also meine Gene werden nirgendwo erhalten bleiben, physisch werde ich einfach fort sein, ohne eine Spur. Was aber bleibt, sind meine Bücher. In elektronischer Form können sie sogar Jahrhunderte überleben.

Ein höchst merkwürdiger Gedanke. Obwohl es auch heute Texte gibt, die schon Hunderte von Jahren alt sind. Die Nibelungen zum Beispiel. Auch Goethe ist schon eine Weile nicht mehr unter uns. Shakespeare. Viele, viele Menschen, die in früheren Jahrhunderten geschrieben haben. Und dennoch kennen wir immer noch ihre Namen.

Also ist Schreiben sozusagen eine Garantie für Unsterblichkeit. Fast schon ein erschreckender Gedanke.

Shakespeare weiß nichts von seinem heute immer noch vorhandenen Erfolg. Goethe ebenso wenig. Was für eine Bedeutung sollte das alles also haben?

Die einzige Bedeutung, die es haben kann, ist wohl die im Hier und Jetzt. In meiner eigenen Befindlichkeit.

Warum schreiben Menschen? Immer mehr tun es, obwohl die Gesellschaft gleichzeitig immer digitaler wird. Noch vor hundert Jahren hätten sich Autorinnen und Autoren nicht träumen lassen, dass man heutzutage Bücher nicht mehr mit der Hand schreibt, sondern mit einem Computer. Dass die Buchstaben nicht physisch abgespeichert werden, sondern in einem Code, den wiederum nur eine Maschine lesen kann. Dass Texte in Bruchteilen von Sekunden über den ganzen Erdball versendet werden können.

Und dass sie für die Ewigkeit aufbewahrt werden können. Daten vergilben nicht wie Papier, verlieren nicht ihre Farbe wie Tinte. Sofern man sie immer den modernen Entwicklungen anpasst, können sie wirklich unendlich zur Verfügung stehen. Und nehmen keinen Platz weg.

Damit hat der alte Spruch „Wer schreibt, der bleibt“ eine völlig andere Bedeutung erhalten. Auch früher schon war man sich dessen bewusst, dass rein mündlich erzählte Geschichten die Zeit kaum überleben werden, in der sie entstehen und mündlich weitergegeben werden. Eine Geschichte, die in ganz früheren Zeiten von einem Geschichtenerzähler an einem Feuer erzählt wurde, ohne aufgeschrieben worden zu sein, kennt heute niemand mehr.

Ganz anders Shakespeares Dramen oder Goethes Werke. Obwohl damals noch nicht die technischen Möglichkeiten zur Verfügung standen wie heute, sind diese Geschichten noch erhalten, werden immer noch erzählt und gelesen, als Theaterstücke aufgeführt, in Filme oder vielleicht sogar Videospiele umgesetzt. Dickens’ Weihnachtsgeschichte gibt es mittlerweile in fast unzählbar vielen Variationen (eine auch von mir cool), obwohl Charles Dickens bereits 1870 gestorben ist. Agatha Christies Krimis gibt es immer noch, obwohl sie seit 1976 tot ist. Und obwohl die Sprache manchmal etwas altertümlicher ist als unsere heutige, sind die Inhalte so allgemein menschlich, dass sie von jedem verstanden werden können.

Das finde ich das Erstaunlichste daran: Dass Dramen, die Shakespeare so um 1600 herum geschrieben hat – vor über 400 Jahren – heute noch aktuell sind. Denn sie handeln von menschlichen Leidenschaften, die tief in uns wurzeln.

Liebe gab es damals wie heute, Eifersucht, Neid, Missgunst, sexuelles Begehren, Schadenfreude, Freude und Leid generell. Auch gab es schon immer das Streben nach Höherem, Versagen und Erfolg, Sehnsucht und Verlangen nach den verschiedensten Dingen, das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen und sie zu unterstützen ebenso wie das Gegenteil, sie zu sabotieren, lächerlich zu machen und zu zerstören, Leben und Tod, Aufstieg und Niedergang.

Dieses Urmenschliche spiegelt sich in unserem täglichen Leben wider und tat es offensichtlich auch damals. Shakespeare schrieb seine Dramen zum Vergnügen des Publikums, um Geld zu verdienen. Er war nicht reich und konnte nicht als Hobby schreiben. Alles, was er schrieb, musste sich finanziell lohnen. Das tat es in erster Linie, weil es Stücke waren, die aufgeführt wurden. Heute wäre Shakespeare wahrscheinlich Drehbuchautor und würde Filme schreiben. Ihm ging es immer in erster Linie darum, sein Publikum zu erreichen. Für die Schublade zu schreiben konnte er sich nicht leisten.

Deshalb war er sehr produktiv und deshalb haben wir heute noch so viel von dem, was er geschrieben hat. Er war kein vergeistigter Dichter, der nur für sich selbst schrieb, sondern er hatte immer diejenigen im Blick, für die er schrieb.

So ähnlich geht es mir auch. Schreiben ist mein Beruf, ich bin nicht reich und muss schreiben, um zu leben, ich schreibe viel und habe Spaß daran, aber es geht mir immer um die Leserinnen. Ich möchte nichts Abgehobenes schreiben, sondern Geschichten, die Vergnügen machen und die man versteht.

Natürlich kann ich heute noch nicht sagen, was in 400 Jahren sein wird, und ich werde es auch nicht erleben, aber ein bisschen wünsche ich mir schon, dass etwas von mir bleibt, dass vielleicht auch nach meinem Tod noch einige Leute meine Bücher lesen und sich dafür begeistern, mit mir weinen und lachen.

Wenn ich manchmal Bücher lese, die vor einhundert, zweihundert oder dreihundert Jahren geschrieben wurden, frage ich mich schon, wie es sein kann, dass sich die Welt so wenig verändert. Technisch verändert sie sich, aber menschlich ist so vieles gleich. Menschen ändern sich offenbar nicht so leicht.

Das gibt Hoffnung, dass die Menschen auch noch in ein paar hundert Jahren Interesse an dem haben, was wir heute schreiben.

Es ist ein schöner Gedanke, dass es so sein könnte.

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