Positives Denken macht Versager?

Pünktlich zum 31. Dezember 2015 – also rechtzeitig, um noch die guten Vorsätze zum neuen Jahr darauf abstimmen zu können – erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit dem Titel: »So erreichen Sie Ihre Ziele – wissenschaftlich erprobt«.

Wissenschaftlich erprobt klingt ja immer gut, da hat also jemand geforscht. Mittlerweile wissen wir, dass das nicht unbedingt etwas heißt, aber in diesem Fall geht es um eine richtig langfristige Erforschung, nämlich über zwanzig Jahre. Heißt immer noch nichts, aber zumindest ist es kein Schnellschuss.

Die Psychologieprofessorin Gabriele Oettingen hat sich über diese lange Zeit dem Thema »Positives Denken« gewidmet und dabei Erstaunliches herausgefunden: Positives Denken führt nicht immer zum Erfolg. Manchmal bewirkt es sogar eher das Gegenteil.

Nun ja, so erstaunlich ist das auch wieder nicht, denn jeder Mensch kann sich wohl vorstellen und hat es ganz sicher auch schon selbst einmal erfahren: Wünschen allein genügt nicht. Und positives Denken ist so etwas wie ein Wunsch, den man sich erfüllen will. Aber ebenso wenig, wie es genügt, über etwas zu reden, nützt es auch, sich einfach nur etwas zu wünschen. Man muss etwas tun, um seine Ziele zu erreichen.

Wirklich nichts Neues, aber vielleicht hatte Frau Oettingen eine sehr schöne Kindheit und hat immer bekommen, was sie sich gewünscht hat. wink

Was allerdings stimmt, ist, dass in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Welle aus Amerika in die halbe Welt herüberschwappte, die »Positives Denken« hieß. Das Konzept gab es schon sehr viel länger, aber die sehr leichtgläubigen und naiven und dazu oft ungebildeten Amerikaner waren natürlich leichtere Opfer für solche Heilsversprechungen als die im allgemeinen gebildeteren und an kritischeres Denken gewöhnten Europäer.

Je länger nach dem zweiten Weltkrieg der amerikanische Einfluss auf die Industrienationen jedoch zunahm, desto naiver und offener für die oberflächlichen amerikanischen Sichtweisen wurden auch Menschen auf anderen Kontinenten. Zudem ist Bequemlichkeit ein allgemein menschliches Phänomen, und einfache Lösungen waren schon immer gefragt. Welche, über die man nicht nachdenken musste. Und obwohl in dem Begriff »Positives Denken« irreführenderweise das Wort »Denken« steckt, hat es mit der intellektuellen Gehirntätigkeit, die man mit diesem Wort verbindet, nichts zu tun. Es folgt eher dem Prinzip der in Amerika so beliebten volksverdummenden Wanderprediger (die mittlerweile meistens nicht mehr wandern, sondern ihre eigenen Fernsehstationen haben, für die sie den Leuten, die naiv genug dazu sind, das Geld aus der Tasche ziehen).

Aber ist positives Denken – wenn es denn schon nichts mit Denken zu tun hat – denn wenigstens positiv? Nein, sagt Gabriele Oettingen, es ist sogar eher negativ. Eben aus dem Grund, den ich anfangs schon nannte: Ziele zu erreichen ist meistens mit etwas mehr Anstrengung verbunden als nur vor sich hinzuträumen.

Wobei Anstrengung relativ ist. Das bedeutet nicht, dass man vierundzwanzig Stunden am Tag wie ein Lastesel ackern muss. Manchmal reicht es, wenn man nur den ersten Dominostein anstößt, dann fallen die anderen um und eröffnen einem ganz neue Horizonte. Manchmal muss man sich ein bisschen mehr anstrengen, aber selbst den ersten Dominostein anzustoßen ist eine Tat, nicht nur ein Wunsch oder eine Vorstellung.

Es ist besser, positiv zu denken als negativ, das können die meisten von uns wahrscheinlich bestätigen. Leute, die immer nur sagen: Das schaffe ich ja sowieso nicht, schaffen es auch nicht. Aber sie schaffen es nicht deshalb nicht, weil sie so denken, sie schaffen es deshalb nicht, weil sie nichts dafür tun, es zu schaffen. Diese beiden Dinge muss man unterscheiden, denn wenn man sagt Das schaffe ich ja sowieso nicht, aber ich kann es ja mal versuchen, sind die Aussichten, es zu schaffen, tausendmal besser, als wenn man den Versuch unterlässt.

Die größte Gefahr im »Positiven Denken« besteht deshalb darin, sich trotz seiner positiven Gedanken von Taten fernzuhalten – genauso wie diejenigen, die das tun, weil sie negativ denken, meinen, es sowieso nicht zu schaffen. Da beide nichts tun, hat es überhaupt keinen Einfluss, ob sie positiv oder negativ denken: Das Ergebnis ist immer dasselbe. Misserfolg. Versagen. Schlechte Noten. Da nützt einem das positive Denken dann auch nichts. Höchstens dabei, den Misserfolg als unwichtig zu betrachten. Negativdenker spielen dann vielleicht eher mit dem Gedanken an Selbstmord.

Das also hat Gabriele Oettingen in zwanzig Jahren herausgefunden: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.« Das Sprichwort gibt es glaube ich schon eine Weile länger als zwanzig Jahre, das kannten schon unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Und mit ein wenig gesundem Menschenverstand hätte man sich die zwanzig Jahre Forschung wohl auch sparen können. Aber es ist doch immer gut, wenn man etwas schwarz auf weiß nach Hause tragen kann. laughing

Jedenfalls haben wir nun einige wissenschaftlich untermauerte Beispiele, dass Studenten, die sich mit positivem Denken vor einer Prüfung davon überzeugt hatten, dass sie die Prüfung schaffen, dass sie die Prüfung sogar hervorragend schaffen werden, zum Schluss schlechter abgeschnitten haben als Studenten, die nicht so sehr von ihrem Erfolg überzeugt waren.

Ich persönlich bin jedoch davon überzeugt, dass es auch eine Menge Studenten gibt, die mit der festen Vorstellung, bei der Prüfung gut abzuschneiden, dann auch gut abgeschnitten haben. Nämlich diejenigen, die für die Prüfung gearbeitet haben und sich nicht nur darauf verlassen haben, dass ihr Wunsch einfach so in Erfüllung gehen würde, wenn sie auf dem Sofa liegen und Chips knabbern.

Somit ist es weniger das positive oder nicht so positive Denken, das unseren Erfolg beeinflusst, sondern das, was wir damit machen.

Ich denke positiv und kann ziemlich gut einschätzen, ob ich etwas schaffen kann oder nicht. Dennoch weiß ich, dass gewisse Prüfungen nun einmal Vorarbeit verlangen. Ich kann mir nicht einfach alles aus den Fingern saugen. Somit erwarte ich bei Prüfungen im Normalfall immer, dass ich sie gut oder sehr gut bestehe, aber deshalb lege ich mich trotzdem nicht auf die faule Haut und schaue kein Buch an, um zu lernen.

Lernen macht mir Spaß, und ich würde mich dieses Vergnügens berauben, wenn ich auf das lebenslange Lernen verzichten würde. Vielleicht liegt es daran.

Aber ich denke, es liegt auch daran, wie man erzogen ist. In meiner Familie hieß es immer Ohne Fleiß kein Preis. Wer meint, dass ihm Dinge einfach so in den Schoß fallen, ohne dass er etwas dafür tun muss, muss sich nicht wundern, wenn die Prüfungen dann nicht wie gewünscht ausfallen.

Leider werden die jungen Leute heutzutage viel zu sehr verwöhnt, und viele Eltern räumen ihren Kindern alles aus dem Weg, weil sie meinen, ihnen damit etwas Gutes zu tun.

Das Gegenteil ist der Fall. Diese Kinder haben dann nie gelernt, dass man etwas tun muss, um ein Ziel zu erreichen. Sie lassen einfach Papa und Mama springen. Solange das eben geht. Was oftmals viel zu lange ist. Kinder, die mit dreißig noch zu Hause wohnen, sind einfach nur peinlich. Vielleicht sollte man mal einführen, dass solche Kinder sich auch äußerlich kennzeichnen müssen, also zum Beispiel immer, wenn sie das Haus verlassen, sichtbar eine Windel tragen. Das stelle ich mir lustig vor.

Wenn jedenfalls ein solches fünfundzwanzigjähriges oder dreißigjähriges Wickelkind dann meint, eine Prüfung gut bestehen zu können, weil es eben einfach denkt, die Welt ist ihm das schuldig, es muss nur positiv denken – viel Vergnügen.

Kinder, die zu Hause nicht so verwöhnt worden sind, haben es da besser. Sie haben gelernt, dass Erfolg auch Arbeit bedeutet, und werden somit besser abschneiden.

Was Gabriele Oettingen untersucht hat, ist also weniger, ob Menschen positiv oder negativ denken und damit Erfolg haben oder nicht, sondern wie verwöhnt diejenigen aufgewachsen sind, die meinen, positives Denken allein genügt, um eine Prüfung zu bestehen, einen Job zu bekommen oder Erfolg im Leben zu haben.

Härtere Bedingungen erzeugen eine andere Lebenssicht und machen einen fit fürs Leben. Wer immer nur in Daunenkissen schläft, wird auf dem harten Boden Rückenschmerzen bekommen. Eltern, die ihren Kindern keine Anstrengung abverlangen, sie nicht herausfordern, sie nicht auch einmal versagen lassen, tun ihren Kindern nichts Gutes. Sie machen sie nur zu Forschungsobjekten von Frau Oettingen.  cool

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