Summertime, Bürgerkrieg und Sklaverei

Ich versuche gerade, Summertime auf dem Saxophon zu meistern. 

Eine der besten Aufnahmen, die es davon gibt, ist sicherlich diese von Ella Fitzgerald (was von ihr ist nicht gut? Sie war ein Jazz-Genie), insbesondere weil sie sich am Schluss dann ziemlich darüber lustig macht, dass es nicht so war, wie es im Text des Liedes beschrieben wird.

In der Gershwin-Oper »Porgy and Bess« wird dieses Lied von sehr armen Schwarzen gesungen, die sich damit selbst zu beruhigen versuchen, sich einen Sinn im Leben zu geben versuchen, der über ihren ärmlichen und weil sie schwarz sind hoffnungslosen Alltag hinausgeht. Aufgrund ihrer Hautfarbe werden ihnen grundsätzliche Menschenrechte verweigert, und sie können ihren Kindern nichts geben als eine vage Vorstellung davon, dass das Leben auch gut sein kann. Denn eigentlich kennen sie selbst das Leben nicht als gut.

Die Oper wurde 1935 zum ersten Mal aufgeführt, das war 70 Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, durch den angeblich die Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika beendet wurde. Aber in der Oper wird gezeigt, dass es nicht so war. Selbst 70 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges lebten Schwarze immer noch im Elend. Offiziell waren sie keine Sklaven mehr, aber das hieß noch lange nicht, dass sie es sehr viel besser hatten als ihre Vorfahren, die von Sklavenhändlern nach Amerika verschleppt worden waren.

In meinem Roman »Wie Honig so süß«, der hier gerade auf der Webseite entsteht, beschreibe ich noch die Zeit vor und während des Bürgerkrieges. Da war Sklaverei in Amerika so selbstverständlich, dass kaum jemand darüber ein Wort verlor. Zwar gab es Sklavereigegner, aber die waren in der Minderzahl. Auch im Norden gab es viele Sklavenhalter, die amerikanischen Präsidenten selbst waren Sklavenhalter. Was sollten sie also gegen die Sklaverei haben? Sie profitierten davon.

Dass der Bürgerkrieg gegen die Sklaverei geführt wurde ist ein Mythos. In Wirklichkeit wurde er wie so viele Kriege aus wirtschaftlichen und egoistischen Gründen geführt. Nicht einmal der damalige Präsident Abraham Lincoln, der heute so verehrt wird, wollte einen Krieg gegen die Sklaverei führen. Er wollte nur die Einheit der Union erhalten, denn die Staaten, die sich im Krieg dann die Konföderierten Staaten von Amerika nannten, waren einer nach dem anderen aus den Vereinigten Staaten von Amerika ausgetreten, weil sie ihre Interessen von der Regierung in Washington nicht richtig vertreten sahen.

Man fragt sich, ob es nicht einen anderen Weg gegeben hätte als gleich einen Krieg anzuzetteln, aber das fragt man sich ja immer. Kriege wären überflüssig und würden nie stattfinden, wenn die Menschen vernünftig wären. Sind sie aber leider nicht. »Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin« ist immer noch einer der besten Sprüche, die es zu diesem Thema gibt. Stattdessen drängen sich jedoch bei jedem Krieg viele dumme Menschen danach, in den Kampf zu ziehen gegen andere Menschen, die sie nie gesehen und die ihnen nichts getan haben.

So beschreibe ich es auch in meinem Roman, denn so war es. Der junge Billy hat nichts Besseres zu tun als sein Alter zu fälschen, damit er in den Krieg ziehen kann. Die meisten bereuen es nach einer Weile, aber dann ist es zu spät.

Einen historischen Roman zu schreiben ist ganz anders als einen Roman zu schreiben, der in der Gegenwart spielt. Man muss sich mit vielen Dingen beschäftigen, die sich heute verändert haben. Aber gleichzeitig fällt einem auch auf, dass sich vieles nicht verändert hat. Ella Fitzgerald, eine intelligente und hochtalentierte Frau, wurde auch zu der Zeit, als sie schon berühmt war, wegen ihrer Hautfarbe geschmäht. Als sie, weil sie so viel Geld mit ihren Platten und Konzerten verdient hatte, in ein wohlhabendes Stadtviertel zog, gab es gewaltigen Protest von den Weißen, die dort bereits wohnten. Viele zogen sofort weg, weil sie nicht in der Nachbarschaft einer Schwarzen wohnen wollten.

Und manchmal muss man sich fragen: Ist es heute denn anders? Speziell in Amerika, aber nicht nur dort, werden immer noch Unterschiede gemacht. Es gibt beispielsweise bestimmte Namen in Amerika, die für Vermieter „schwarz“ klingen. Ruft nun der Träger eines solchen Namens bei einem Vermieter an, wird ihm mitgeteilt, dass die Wohnung oder das Haus leider schon vergeben sei. Sollte es sich jedoch um einen Weißen handeln, der nur zufällig einen Namen trägt, den mehr schwarze Mitbürger tragen, und dieser weiße potentielle Mieter kommt dann beim Vermieter oder Makler vorbei, gibt es plötzlich eine Menge Wohnungen oder Häuser, die er mieten kann.

Ist das anders als das, was Ella Fitzgerald vor Jahrzehnten passiert ist? Aber es ist nicht Jahrzehnte her, es passiert heute. Es gibt keinen Bürgerkrieg und keine Sklaverei mehr, aber die Menschen haben sich nicht geändert.

Vielleicht ist »Wie Honig so süß« gar kein historischer Roman, vielleicht spiegelt er genauso die Gegenwart wider wie meine anderen Romane.

Nur dass die Menschen in Kutschen fahren und kein Internet haben.

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