Sich wehren (Wen-Do)

In Wie Honig so süß wehrt Emma sich gegen einen Angreifer, und ich wollte damit unter anderem auch zeigen, dass man sich als Frau nicht alles gefallen lassen muss. Dieser Artikel ist nun eine Antwort auf den Kommentar hier.

Man darf die Dinge nie schwarz oder weiß betrachten. Es gibt ungeheuer viele Grautöne. Psychopathen, das sagte ich ja schon, fallen nicht unter diese Regel. Die brauchen keinen Grund für ihre Handlungen. Und da nützt es auch nichts, sich stark und selbstbewusst zu verhalten.

Die meisten Männer sind aber keine Psychopathen, genauso wenig wie die meisten Frauen. Und davon muss man mal ausgehen. Man hat es nur äußerst selten mit Psychopathen zu tun. Darauf bezieht sich meine Erfahrung und darauf bezieht sich meine Aussage.

Das ist jetzt nicht Thema dieser Geschichte, aber ich finde es schon wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Gerade für uns Frauen. Frauen machen sich wirklich oft selbst zum Opfer, und daran kann man als Frau arbeiten. Der Fokus liegt viel zu sehr auf den Männern. Was kann ich als Frau tun, um sicherer zu sein? Das ist für mich eher die Frage.

Absolute Sicherheit gibt es zwar nicht, aber man kann immer etwas an seiner Situation verbessern. Ich erzähle da immer gern die Geschichte aus meinem Wen-Do-Kurs, den ich mal gemacht habe. Das war ein Kurs speziell in Selbstverteidigung für Frauen. Er wurde von einer Lehrerin gegeben, die selbst den schwarzen Gürtel in Karate besaß und sich zudem noch speziell mit den Bedürfnissen von Frauen beschäftigt hatte.

Sie brachte uns ein paar Techniken bei, wie wir uns in so einer gefährlichen Situation verhalten können bzw. wie wir sie von vornherein vermeiden können. Das eine war, niemals Angst zu zeigen, niemals die Schultern einzuziehen, niemals schneller oder gebückt zu gehen, wenn wir im Dunkeln Schritte hinter uns hören, wenn wir beispielsweise nachts nach Hause gehen. Das weckt den Jagdinstinkt. Aufrecht gehen, langsam gehen, auch mal stehenbleiben und sich umdrehen, ganz gelassen und ruhig. Nicht ausweichen, wenn einem jemand entgegenkommt, sondern direkt auf ihn zugehen, dann wird man nicht mehr so leicht zur Beute.

Das andere waren dann Techniken, wie man sich verteidigt, wenn das alles nichts nützt oder wenn man eben schon in so einer Situation ist. Das beinhaltete auch, dass man dem Angreifer dann Schmerzen zufügen muss, ihn verletzen muss. Wenn Männer bluten, bekommen sie immer einen Riesenschreck. Im Gegensatz zu uns Frauen sind sie nicht an ihr eigenes Blut gewöhnt.

Und da ging es dann los. Als die Trainerin uns die Techniken zeigte, wie man sich so gegen einen Mann verteidigt, schreckten fast alle von den teilnehmenden Frauen zurück. »Aber dann tue ich ihm ja weh«, war die Reaktion. »Ich will aber niemandem wehtun.«

Die Trainerin schüttelte dann nur dem Kopf und sagte: »Er will dich vergewaltigen, und du willst ihm nicht wehtun? Wie willst du dich dann wehren? Du musst ihm wehtun.«

Die Frauen meinten dann nur: »Das kann ich nicht.« Da dachte ich dann damals schon: Denen ist nicht zu helfen. Sie lassen sich lieber vergewaltigen als den Mann zu schlagen und sich zu verteidigen.

Das heißt nicht, dass man mit dieser Verteidigung dann immer Erfolg hat, aber zumindest hat man es versucht. Und zumindest tut ihm auch etwas weh. Wie weit kommt man damit, keinem wehtun zu wollen, in so einer Situation? Wenn sie aber darauf besteht, selbst in so einer Situation niemandem wehtun zu wollen, dann kann man so einer Frau nicht helfen. Sie macht sich wirklich selbst zum Opfer.

Die Trainerin war sehr klein und zierlich, sie wäre also das ideale Opfer gewesen. Sie sagte aber, dass sie noch nie dazu Gelegenheit hatte, ihre Künste bei einem Überfall auf sich selbst auszuprobieren. Ihre ganze Körperhaltung war so, dass kein Mann sich dazu angeregt fühlte, obwohl sie ganz normal aussah, eher schwach, und ihren schwarzen Gürtel natürlich nicht vor sich hertrug.

Aber sie hatte keine Angst. Sie wartete nur darauf, überfallen zu werden, damit sie dem Mann die Nase brechen konnte oder sonst etwas. Also ist es nie passiert.

Das ist alles keine Garantie, das weiß ich auch. Aber ich weiß auch, dass ich nach diesem Kurs damals ganz anders über die Straße gegangen bin. Und als mir jemand eine Weile folgte, als ich nachts auf dem Weg nach Hause war, bin ich stehengeblieben, habe mich umgedreht und bin auf diesen Mann, der mindestens einen Kopf größer war als ich und ziemlich breitschultrig, zugegangen und habe ihn gefragt, ob er irgendetwas von mir will.

Das hätte ich vorher nie getan. Und er war auch sehr überrascht. Aber durch dieses Ansprechen hatte ich ihn aus dem Verfolgungsmuster geholt. Er war mir hinterhergegangen, weil er tatsächlich etwas von mir wollte. Aber dann habe ich mich mit ihm unterhalten, und er wurde immer unsicherer. Er hat dann trotzdem noch eine Weile nicht lockergelassen, aber mir ist nichts passiert. Und es war eine sehr einsame Gegend.

Er war ganz sicher kein Psychopath, gegen den hätte meine Strategie keinen Erfolg gehabt, aber er war einer von diesen Männern, die eventuell eine Chance ergreifen, wenn sie sich ihnen bietet. Und Männer sind immer überrascht, wenn man sich als Frau anders verhält als sie es erwarten. Das verunsichert sie.

Ich hatte noch mehrere solche Erlebnisse, nachdem ich den Kurs gemacht hatte. Unter anderem bin ich auch auf ein Auto zugegangen, auch nachts, das in einer Straße stand und in dem ich eine Frau schreien hörte, und habe an die Scheibe geklopft. Es saßen mehrere Männer in dem Auto und eine Frau.

Ich habe der Frau angeboten, auszusteigen und mit mir zu kommen, aber obwohl ich es mehrmals angeboten habe und die Männer so baff waren, dass sie praktisch nichts gesagt haben, hat sie sich geweigert. Rauszerren konnte ich sie ja nicht, sie wollte nicht, also konnte ich nichts mehr tun. Sie sind dann weitergefahren.

So einer Frau ist nicht zu helfen. Und wenn ihr dann etwas passiert, wer ist dann verantwortlich? Die Gegend war nicht so einsam, da waren Häuser. Wir hätten gemeinsam ein Riesengeschrei machen können. Aber sie wollte nicht. Sie wollte lieber bei diesen Männern bleiben, obwohl sie die Gelegenheit gehabt hätte, da wegzukommen.

Und das meinte ich: Diese Frauen machen sich selbst zu Opfern. Sie wählen die Opferrolle, auch wenn sich ihnen eine Gelegenheit bietet, da rauszukommen. Und speziell auf diese Frauen bezog sich meine Aussage. Es gibt viele andere Fälle, die nicht so sind und wo die Umstände anders sind, aber es gibt eben auch diese Fälle, und meiner Erfahrung nach öfter, als man annimmt.

Gerade für diese Frauen wäre es wichtig, so etwas wie Wen-Do zu lernen, um sich verteidigen zu können. Aber dann kommt wieder das »Ich will ja niemandem wehtun«.

Was soll man da machen?

Wenn sich jemand offensichtlich gar nicht verteidigen will?

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    Liebe Ruth. Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht. Der stellt doch so einiges klar und rückt es ins richtige Licht. Finde es gut und wichtig, dass das alles nun so klar definiert hier steht und zu lesen ist :) ... hilft vielleicht in der Form auch der einen oder anderen Frau ...

    Donnerstag, 23. März 2017 12:01

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