Weise Torheit

Erfahrung vermehrt unsere Weisheit, verringert aber nicht unsere Torheiten.

. . . las ich heute, und ich dachte sofort, wie wahr das ist.

Erfahrungen sind etwas sehr Wertvolles, und je älter man wird, um so mehr macht man davon. Früher einmal, als ich noch sehr viel jünger war, dachte ich, irgendwann einmal werde ich einen Punkt erreicht haben, wo mich meine Erfahrungen richtig weise gemacht haben – oder zumindest klug.

Aber das war ein Irrtum. Zwar habe ich vieles gelernt, aber trotzdem begehe ich immer wieder törichte Fehler. Vermeidbare Fehler, wenn ich dabei auf meine Erfahrungen zurückgreifen würde.

Ein junger Mensch hat noch nicht viel Erfahrung und begeht Fehler deshalb, weil er es nicht besser weiß. Erst die Erfahrung zeigt ihm, daß er einen Fehler gemacht hat. Man sieht es an vielen Jugendlichen, und wir lächeln darüber oder ärgern uns.

Kinder und Jugendliche müssen Fehler machen, denn nur aus Fehlern lernt man. Wer einmal eine heiße Herdplatte angefaßt hat, wird es niemals wieder tun. Deshalb ist es falsch, wenn Eltern ihre Kinder zu sehr beschützen (so verständlich das auch ist). Ein Kind, das keine Fehler machen kann/darf, kann nichts lernen und bleibt hinter den Altersgenossen zurück.

Kinder aus zerrütteten oder asozialen Familienverhältnissen gelten deshalb oft als »frühreif«, weil sie viel zu früh zu viele schlechte Erfahrungen machen mußten. Sie erscheinen Kindern, die sehr beschützt aufwachsen, überlegen. Und sind es wahrscheinlich auch in der Bewältigung der Probleme des täglichen Lebens.

Trotzdem wünsche ich solche Erfahrungen niemandem, denn diese Erfahrungen führen ganz sicher nicht zu Weisheit, sie führen nur zu Mißtrauen, Angst und Labilität.

Weisheit entsteht aus Sicherheit. Aus Erfahrungen, die einem zeigen, daß man etwas kann, daß man ein guter Mensch ist, daß sich Leistung lohnt, daß Gefühle, die man anderen zeigt, positive Gefühle, erwidert werden.

Aber selbst, wenn man viele solcher Erfahrungen gemacht hat, bewahrt einen das nicht vor der Torheit. Irgend etwas in uns bleibt immer das kleine Kind, das sich noch nicht die Finger an der Herdplatte verbrannt hat und es deshalb immer wieder versuchen muß.

Ich glaube, in den meisten Fällen ist das positiv, denn so bleibt das Leben spannend. Man stelle sich nur einmal vor, man wüßte jede Minute des Tages, jeden Tag der Woche, jede Woche des Monats und jeden Monat des Jahres im voraus, wie etwas ausgehen wird. Wäre das nicht furchtbar langweilig?

Das Leben beschert uns immer wieder Überraschungen, und gewisse törichte Momente bringen uns trotz der Torheit weiter. Ich habe diese Erfahrung jedenfalls oft in meinem Leben gemacht.

Etwas geschieht, man sagt sich: »Das hättest du doch besser wissen müssen. Die Erfahrung hast du doch schon so oft gemacht«, ärgert sich vielleicht erst einmal, aber dann, nach kürzerer oder längerer Zeit, stellt sich heraus, daß man durch diese »Torheit« vielleicht einen besonders wertvollen Menschen kennengelernt hat, den man – hätte man sich absolut korrekt und seiner Erfahrung gemäß verhalten – sonst nie kennengelernt hätte.

Oder man ist dadurch an einen Ort gekommen, den man sonst nie besucht hätte und der einem immer in Erinnerung bleibt, weil einem dort etwas unerwartet Schönes begegnet ist.

Ich persönlich habe z.B. immer die Tendenz, von der geraden Straße abzubiegen, Seitenwege zu versuchen, neue Pfade zu erforschen. Die Erfahrung sagt mir: »Bleib da weg, das sieht gefährlich aus«, aber ich tue es trotzdem.

Wie oft bin ich aufgrunddessen schon mit meinem Motorroller steckengeblieben, weil der einfach nicht für solche Strecken gebaut ist. Er hat viele Kratzer und Gebrauchsspuren, die er nicht hätte, wenn ich immer auf der ausgebauten Straße geblieben wäre. Ich bin umgefallen, vollkommen verdreckt wieder aufgestanden (und dachte, was meine Frau wohl sagen wird, wenn ich wieder so nach Hause komme . . .), habe mir blaue Flecken und Verrenkungen geholt.

Aber ich habe dadurch auch unbeschreibliche Erlebnisse gehabt. Abenteuer bestanden. Menschen kennengelernt. Tiere beobachtet, die im hellen Licht des Tages an der Straße nie zu sehen sind.

Es ist ein gutes Gefühl, »töricht« zu sein. Vielleicht ist das ja auch der Kern der Torheit: die Weisheit der Erfahrung nicht auf dem geraden Weg zu erlangen und dadurch wesentlich interessantere Erfahrungen zu machen, als man sie je auf dem geraden Weg machen würde?

Ich weiß nicht, ob es so ist. Ich weiß nur, daß Torheit ein relativer Begriff ist, die Erfahrungen, die man macht, kann einem jedoch niemand mehr nehmen, und sie bereichern das Leben enorm.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein bißchen mehr Torheit, die (vielleicht) die Grundlage der Weisheit ist.

 

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