Heute schon geküßt?

Dieses Thema schließt sich eigentlich nahtlos an das vorherige (»Wie wichtig ist es, anerkannt zu werden?«) an: Viele Menschen, die sich das ganze Jahr über regelkonform und angepaßt verhalten, rasten dann an Karneval völlig aus.

Anscheinend beherrschen sich viele Leute das ganze Jahr über so sehr, daß sie dann ein Ventil brauchen – und Karneval bietet das. Hier kann man endlich wildfremde Leute abküssen, sich besaufen, rumgrölen, muß sich nicht mehr benehmen.

Auch das ist erschreckend, denn es bedeutet doch, daß man sich das ganze Jahr über selbst unterdrückt, und dann braucht man diese »organisierte Fröhlichkeit«, um endlich einmal Dampf ablassen zu können.

Warum aber tut man das ganze Jahr über nicht das, was man möchte? Dann braucht man an Karneval keinen Dampf abzulassen.

Ich fand Karneval zwar immer toll – schließlich bin ich in Köln aufgewachsen –, aber ich brauchte ihn nie, um mich endlich einmal im Jahr wohlfühlen zu können. Was ich immer schön fand am Karneval, war die Fröhlichkeit und die Gemeinsamkeit der Menschen auf der Straße, wenn man auf den Zug wartet, auf das erlösende: »D''r Zoch kütt!«

Was ich noch nie schön fand an Karneval war der organisierte Teil. Das ist eigentlich so wie das ganze restliche Leben: irgendwelche Idioten oben auf einem Podest, die einem sagen, was man zu tun hat.

»Jetzt fröhlich sein!« Auf Befehl. Ist das nicht irgendwie pervers?

Und dann die Büttenreden . . . Wie oft gab es Auseinandersetzungen um Redner, die wirklich etwas sagen wollten, nicht nur platte Scherze auf unterstem Niveau ablassen wie ein Mario Barth? Frauenfeindliche Sprüche, dummes Geplapper.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß Hella von Sinnen ja auch damals im Karneval angefangen hat (wir sind gleich alt), und wie sie wirklich lustige Auftritte hatte. Bis die Leute . . . will sagen: die Männer . . . dann so besoffen waren, daß sie nur noch grölten: »Ausziehen, ausziehen!«

Deshalb hatte Hella dann irgendwann keine Lust mehr. Das ist die Kehrseite von Karneval und jeder organisierten »Fröhlichkeit«.

Fröhlichkeit kommt aus dem Herzen. Man kann sie nicht verordnen und auch nicht unterdrücken. Ich bin eigentlich immer fröhlich. Karneval brauche ich nicht dafür. Aber selbstverständlich küsse ich auch an Karneval.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wundervollen Rosenmontag mit ganz vielen »Bützche«!

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People in this conversation

  • Paladar
  • Mona
  • Paladar

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    Es ist einfach nur traurig wenn man zum Küssen trinken muss.

    Oder auch für alles andere. Spaßveranstaltungen sind für Menschen, gerade die fünfte Jahreszeit, die sich im Leben als "korrekt" bezeichnen und im Suff, auf solchen Veranstaltungen, benehmen als seien sie das Letzte. Das die Jugendlichen dieses Verhalten weiterdurchziehen liegt an den Vorbildern die sie glauben zu haben. „He, ist doch Fastnacht, wann sonst soll/kann man solchen Spaß haben und die Sau raus lassen, wenn nicht Hier und Heute. Traurig das alles. (Ich sage nur Kuckuckskinder)
    Die ganze Zeit höre ich nur noch, „wie schade das alles rum ist, jetzt haben wir nichts mehr zu lachen.“

    Was soll ich denn davon halten?

    Ich bin auch im Rheinland groß geworden und war sogar aktiv dabei, aber seit einigen Jahren kann ich so gar nichts mehr mit der Fastnacht anfangen.

    Ach ja, ich mag Mario Barth ;)

    Montag, 22. Februar 2010 9:15
  • Mona

    Permalink

    Dies ist die Zeit der organisierten Vergnügungen, Karneval ist dabei nur eine von vielen, es gibt inzwischen unzählige Großveranstaltungen und auf alle gehen die meisten Menschen, um sich in „guter“ Gesellschaft unsinnig zu besaufen ! Nie hatten wir so viele Alkohol-Leichen auf sämtlichen Arten von Festen. Großveranstaltungen haben den schönen Vorteil, dass man sich nicht unterhalten muss, denn die Musik und das Gegröle der Menschen um einen herum ist viel zu laut dafür. Außerdem fällt es nicht unangenehm auf, wenn man in der Menge säuft was das Zeug hält. Wobei sich also alle in bester Gesellschaft befinden. Was das Küssen angeht, na ja - vielleicht haben die Leute die nur bei diesen Veranstaltungen küssen sonst einfach nicht den Mut dazu; denn selbst zum Küssen braucht man etwas Mut. Alkohol macht zwar keinen Mut, aber es kann einem die Illusion davon geben. Individualität ist im Moment nicht besonders gefragt, viel Geld verdienen hingegen schon, und so erklärt sich die Frage warum diese Veranstaltungen so viel Erfolg haben gleich doppelt.

    Das alles wäre viel zu traurig, gäbe es nicht noch ein paar Individualisten, die nicht auf diese Veranstaltungen angewiesen sind, oder die sie dazu nutzen, um sich sinnvoll zu Vergnügen, zu besaufen und ebenso zu küssen ... :-[ :-[ :-[

    Montag, 22. Februar 2010 0:50

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