Geschichte einer Nonne

Ich habe das zwar in Kurzform schon getwittert, aber ich denke nicht, dass alle mir auf Twitter folgen können oder wollen, deshalb hier noch die Langfassung. Diese Klostergeschichte und das reale Tagebuch der jungen Nonne, das ich schon erwähnte, haben mich sehr an den Film »Geschichte einer Nonne« erinnert. Es ist ein sehr alter Film, so dass ihn viele wahrscheinlich gar nicht kennen. Er ist 1958 entstanden.

Die Hauptrolle spielte Audrey Hepburn – und nein, sie sieht nicht aus wie Regina. Und schon gar nicht wie Leonie. Der Film basiert auf dem tatsächlichen Leben der belgischen Krankenschwester und ehemaligen Nonne Marie Louise Habets. Nachdem Habets schon nicht mehr Nonne war, nur noch Krankenschwester, traf sie nach dem zweiten Weltkrieg die Autorin Kathryn Hulme, und die beiden wurden ein lebenslanges Paar.

Später dann schrieb Hulme den Roman »Geschichte einer Nonne«, der kurz darauf verfilmt wurde. Der Roman ist eine nur leicht fiktionalisierte Darstellung von Marie Louise Habets Leben als Nonne.

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich tief beeindruckt. Audrey Hepburn war großartig. Man litt förmlich mit ihr mit, wenn sie zwischen der Sorge für einen Patienten und der klösterlichen Pflicht zum Gebet zu entscheiden hatte. Das war der Grund, warum die reale Marie Louise Habets ihr Leben als Nonne dann letztendlich aufgab. Ihr Vater war Arzt, und sie selbst war eine hochqualifizierte Tropenkrankenschwester, aber das alles zählte im Orden nichts. Wichtiger als Menschen zu helfen war es, rechtzeitig zum Gebet zu erscheinen. Auch wenn man dafür einen Kranken auf dem Behandlungstisch liegen lassen musste.

Im Film gibt es so eine Szene, die mir richtig ans Herz gegangen ist. In das Tropenkrankenhaus im Kongo, in dem die Nonne arbeitet, kommt ein Arzt, der Atheist ist. Sie assistiert ihm bei einer schwierigen Operation. Es geht um Leben und Tod. Da plötzlich läutet das Glöckchen zum Gebet.

Pflichtbewusst, wie sie ist, will die Nonne gehen, aber ihr ebenso großes Pflichtgefühl, den Patienten nicht im Stich zu lassen, bringt sie in Konflikt. Der Arzt versteht ihr Problem überhaupt nicht, denn selbstverständlich ist es für ihn wichtiger, den Patienten zu retten als zu beten.

Sie kann es nicht mit ihrem Verantwortungsbewusstsein dem menschlichen Leben gegenüber vereinbaren, den Patienten einfach im Stich zu lassen, also bleibt sie. Als der Patient dann gerettet ist, rast sie – Laufen ist für Nonnen natürlich strengstens verboten – schnell noch zum Gebet. Dort wird sie dann von der leitenden Ordensschwester schwer getadelt und erhält eine Menge schwerer, schmerzhafter und demütigender Bußen auferlegt, weil sie das Gebet versäumt hat. Dass sie einem Menschen das Leben gerettet hat, zählt dabei nicht. Man hat den Eindruck, hätte sie den Patienten sterben lassen und wäre rechtzeitig und pünktlich zum Gebet erschienen, hätten die Nonnen sie belobigt.

Das war natürlich erschütternd. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas Realität sein kann, aber da die Geschichte dem wahren Leben Marie Louise Habets folgt, muss es wohl tatsächlich so gewesen sein. Und wenn man das Tagebuch dieser jungen Nonne liest, auf das ich schon hingewiesen habe, ist es wohl auch heute noch so. Viele der Erfahrungen, die die junge Nonne beschreibt, entsprechen genau diesem Muster.

Es gibt drei Dinge, für die eine Nonne sich entscheiden muss: Keuschheit, Armut und Gehorsam. Keuschheit und Armut waren für Habets kein Problem, aber der Gehorsam. Zumindest dann, wenn der klösterliche Gehorsam dem gesunden Menschenverstand oder der Nächstenliebe, der Pflicht zu helfen und zu heilen, widersprach. Von Nonnen wird absoluter Gehorsam gegenüber den Regeln des Ordens erwartet. Man darf diese Regeln weder kritisieren noch ignorieren noch unterlaufen. Man muss einfach tun, was einem gesagt wird, wie unsinnig es auch ist.

Ich denke, es gibt Situationen, wo Gehorsam sinnvoll und unbedingt erforderlich ist, das ist keine Frage. Es könnte dann lebensgefährlich sein, nicht zu gehorchen. Wenn man beispielsweise mit einem Führer in den Bergen unterwegs ist, der sich wesentlich besser auskennt als man selbst.

Wenn aber ein Gebet zu einer bestimmten Zeit – nicht das Gebet an sich, das man ja jederzeit absolvieren könnte, das ist schließlich unabhängig von Zeit und Ort – und an einem bestimmten Ort wichtiger ist als das Leben eines Menschen, dann muss man sich schon fragen, was das soll.

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