Was ist eigentlich normal?

Meine Frau machte mich heute auf einen Artikel im ZEIT-Magazin aufmerksam, der sich mit dem ganz normalen Wahnsinn beim L-Beach Festival beschäftigt: Was ist eigentlich normal?

Ich bin nie davon ausgegangen, heterosexuell zu sein (ich weiß gar nicht, wie man auf den Gedanken kommt cool), also bedeutet für mich lesbisch sein normal sein. Schon seit meiner Kindheit habe ich mich für Frauen interessiert, nicht für Männer. Ich war schon in meine Grundschullehrerin verliebt und später dann auch in andere Lehrerinnen, Mitschülerinnen, Freundinnen (die nicht lesbisch waren) usw.

Ja, einmal im Jahr auf dem LFT (LesbenFrühlingsTreffen) oder eben jetzt seit einigen Jahren neu bei L-Beach ist es anders als in der für uns eher langweiligen heterosexuellen Welt. Während man sich normalerweise – da ist es schon wieder, das normal – Männchen angucken muss, die hinter Weibchen her sind, oder Weibchen, die hinter Männchen her sind, sind wir bei LFT oder L-Beach „unter uns“.

Ich stelle mir dann manchmal vor, wie es wäre, wenn es immer so wäre, wenn die Verhältnisse umgekehrt wären, 90% Lesben und nur 10% Heteras, wäre das wirklich besser? Gut, wir würden uns in der Tat „normaler“ fühlen, aber ich stimme Tania Witte darin absolut zu: Das ist nicht unbedingt erstrebenswert.

Ich fand es eigentlich immer schon gut, dass ich lesbisch geboren bin und deshalb etwas Besonderes bin, nicht das normale Einerlei. Natürlich kann ich nichts dafür, dass ich so besonders bin, es ist genau dasselbe wie meine Haarfarbe oder meine Augenfarbe. Man ist eben, wer und wie man ist. Aber trotzdem hat es mir immer gefallen.

Als ich das erste Mal auf einem LFT war, war ich absolut überwältigt, endlich einmal nur unter Lesben zu sein. Was für ein Erlebnis! Aber sehr schnell stellte ich dann fest, dass es auch nichts anderes ist. Es gibt attraktive Femmes (vielen Dank an Euch für den netten Anblick laughing) und männlich aussehende Butches, aber die meisten von uns sehen doch ziemlich ähnlich aus. Wie eine normale Lesbe eben. Da gibt es keine großen Unterschiede.

Es gibt Unternehmerinnen und Verkäuferinnen, Sportlerinnen und Rollenspielanhängerinnen, Studentinnen und Rentnerinnen – wie überall. Wir waren schon immer normal, nur wurde es uns nicht erlaubt. Wir wurden hingestellt, als wären wir irgendwelche Missgeburten. Und das fanden heterosexuelle Menschen dann wieder „normal“.

Normalität ist wirklich ein sehr fragwürdiger Begriff. Danke, Tania, für diesen Artikel, der das aufzeigt. *daumen hoch*

Als Autorin und Verlegerin habe ich mich immer bemüht, in meinen Büchern Lesbischsein als Normalität darzustellen. Es gibt kaum heterosexuelle Personen in meinen Büchern, alles spielt sich zwischen Lesben ab, das Positive wie das Negative. Das ist natürlich nicht normal. wink Man tritt nicht einen neuen Job an, und die Kollegin, die am Schreibtisch gegenüber arbeitet, ist lesbisch, ebenso wie die eigene Chefin, die Kantinenwirtin oder so gut wie jede Frau, die einer über den Weg läuft.

Aber so fragwürdig Normalität auch ist, als ich den el!es-Verlag vor nun fast 20 Jahren gründete und den lesbischen Bestseller „Taxi nach Paris“ schrieb, wollte ich genau das darstellen: lesbische Normalität. Auch wenn es sie in Wirklichkeit so nicht gibt.

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  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

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    Es ist schon wichtig, dieses Gefühl von „unter uns“. Warum lesen Leserinnen die el!es-Bücher? Weil es da eben so zugeht wie sonst nirgendwo. Weil dort eben tatsächlich automatisch jede Frau, die auftaucht, lesbisch ist. Oder wenn nicht, dann ist sie eine Ausnahme.

    Es ist das Umdrehen der Realität. Heteros können immer davon ausgehen, dass die meisten Leute, die sie treffen, ebenfalls hetero sind. Und ich gehe in meinem Büchern davon aus, dass die meisten Leute, die es gibt, homo sind. In meiner Welt, die ich mir selbst erschaffe, gibt es Heterosexualität nur als Ausnahme.

    Donnerstag, 12. März 2015 10:21

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