Küssen in Wien

Ist ja schon eine Weile her, aber die Bilder sind doch wirklich schön, deshalb stelle ich das noch mal hier ein:

http://derstandard.at/2000010516972/Bilder-des-Kuessens-vor-dem-Wiener-Cafe-Prueckel

Ich liebe Wien. Und insbesondere liebe ich die Wiener Kaffeehäuser. Das ist etwas ganz Spezielles, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Ich war früher fast jedes Jahr mindestens einmal in Wien, es war für mich fast wie eine zweite Heimat. Die wunderschönen alten Gebäude aus Sissi-Zeiten (eigentlich noch viel älter, aber ich glaube, viele verbinden damit die Szenen, die wir alle aus den Sissi-Filmen kennen), die Oper, das Burgtheater, die Ringstraße, die Parks, Fiaker, Topfenpalatschinken oder Germknödel, Melange oder auch mal einen großen Braunen im Kaffeehaus – das war für mich der Himmel auf Erden.

Wien hat eine ganz eigenartige Atmosphäre, die man gar nicht beschreiben kann. Ein Kollege von mir sagte einmal, es wäre morbid. Ja, das ist es in gewisser Weise. Die meisten Leute kommen nicht wegen der Gegenwart nach Wien, sondern wegen der Vergangenheit, wegen der Dinge, die es scheinbar in Wien noch gibt, die aber sonst auf der Welt verschwunden sind. Man denke nur an den Opernball. laughing Wo auf der Welt gibt es so etwas noch? Und wenn man in der Oper oder im Burgtheater sitzt, kommt man sich fast so vor, als ob Sissi und der Kaiser jeden Moment hereinkommen und in ihrer Loge Platz nehmen könnten.

Es ist schön, wenn man in der Vergangenheit schwelgt, ich erinnere mich an viele Besuche beim Heurigen, mit Schrammelmusik oder auch ohne, das ist einfach wunderbar. Man sitzt draußen im Garten, der frische Wein perlt im Glas, dazu gibt es alles Mögliche zu essen, was man so aus der Hand essen kann, es ist sehr urig. Wenn man nicht gerade gleich unten in Grinzing in die riesigen Touristenlokale geht, in denen tatsächlich Leute »Warum ist es am Rhein so schön?« grölen. Also selbst als Rheinländerin finde ich das furchtbar. wink In Wien singt man Wiener Lieder, und das habe ich oft getan.

Aber genau diese Atmosphäre, dieses auf die Vergangenheit Bezogene ist natürlich ein Problem, wenn es zu modernen Lebensweisen kommt. Zu dem, was heute so üblich ist. Das passt irgendwie nicht nach Wien. Wien hat auf mich immer wie eine Welt in einer Glaskugel gewirkt, nicht wie eine moderne Welt. Und deshalb kam es zu diesen Eklats im Café Prückel. Junge Leute küssen sich überall auf der Straße oder in Lokalitäten, kennen nicht mehr die Zurückhaltung, die für uns früher selbstverständlich war. Und dann sitzen da im Kaffeehaus Leute, Durchschnittsalter mehr so im Rentenalterbereich, die sich einfach nicht damit anfreunden können. Das wird schon bei heterosexuellen Pärchen ungern geduldet, und noch schlimmer ist es bei homosexuellen Pärchen. Da wirft die Wirtin das Paar dann gleich hinaus.

Ich weiß nicht genau, was da passiert ist, ob das Pärchen sich wirklich in aller Öffentlichkeit abgeknutscht hat (was ich persönlich auch nicht gut fände, wenn ich da im Kaffeehaus säße, egal ob hetero oder homo) oder ob es tatsächlich wie behauptet nur ein Begrüßungskuss war, ob die Wirtin wirklich homophob ist oder ob sie einfach nur ihre ältlichen Gäste nicht verschrecken will, aber ich weiß, dass ich selbst da keinen Unterschied mache, ob hetero, schwul oder lesbisch. Ich möchte nicht, dass mir jemand anderer seine Privatsphäre so ins Gesicht drückt. Wenn man sich abknutschen will, dann sollte man darauf achten, dass man andere nicht mit seinen Intimitäten belästigt. Das ist einfach eine Frage des Anstands.

Ist die Wirtin homophob – und es gab zuvor schon einmal so einen Vorfall im Café Prückel, die jungen Frauen hätten das eigentlich wissen müssen –, ist es absolut nicht nötig, dann ausgerechnet dort so zu tun, als wäre ihr Lokal das eigene Schlafzimmer. Dann wäre es eher angebracht, das Café zu boykottieren, weil man dort so intolerant ist. Sich aber hinterher darüber aufzuregen, was man vorher schon hätte wissen können und selbst provoziert hat ... Ich weiß nicht. 

Niemand sollte sich verstecken, aber es ist auch nicht nötig, ständig in aller Öffentlichkeit Intimitäten zu tauschen. Mich persönlich stört das wirklich. Ich bin vielleicht auch schon zu alt. cool

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People in this conversation

  • Anne Ce
  • Ruth Gogoll
  • Ellen
  • Juli
  • Anne Ce

    Permalink

    Liebe Grüße aus Wien!
    Toller Artikel, kann ich unterschreiben...
    Wobei die Szene in Wien echt ok ist. Und Händchen haltende Frauen schrecken in Wien niemanden.
    Aber die Mentalität, lieber nichts genaues wissen zu wollen, macht alles eher schwierig für alternative Lebens und Liebes Formen.
    Im Grunde wird schweigsam ignoriert, was anders ist, und am Stammtisch dann gelästert...
    Doch Wien ist auch anders, und immer mehr anders rum. Esc, Life Ball, und jetzt die massive Regenbogen Parade am 20.06...
    Leben und leben lassen funktioniert halbwegs. Und langsam heißt es dann plötzlich, „alles kein Thema“... Erst dann hat sich die Uhr gedreht in Wien. Die Zeichen dafür sind schleichend, aber es gibt sie.
    Das prüde Ringstraßen Wien und die Beisel Kultur ist nur ein kleiner Teil der großen Stadt.

    Donnerstag, 18. Juni 2015 8:04
  • Ellen

    Permalink

    Na klar, viiieeeel zu alt. ;)
    Mal ernsthaft, mit dem Alter hat das wohl weniger zu tun. Eher mit der Erziehung und den eigenen Ansichten. Gegen einen Kuss in der Öffentlichkeit hätte ich nichts einzuwenden. Kuss im Sinne von Schmatzer, kurz und prägnant. Die Zunge sollten dabei schon alle Beteiligten im eigenen Mund behalten. Ansonsten wird's für "Zuschauer" unappetitlich. Geht jedenfalls mir so.

    Donnerstag, 19. März 2015 12:23
  • Ruth Gogoll

    Ellen Permalink

    Üblicherweise begrüßen Frauen sich mit einem Kuss auf die Wange. Oder sogar in die Luft neben der Wange, ohne sich zu berühren. Möglicherweise ist schon ein Kuss auf den Mund für die Wirtin zu viel. Aber wie gesagt, wir wissen nicht genau, was passiert ist.

    Freitag, 20. März 2015 7:29
  • Juli

    Permalink

    Also bitte, wer ist hier alt? :D
    Ich für meinen Teil wusste bis eben nicht, dass es solch einen Vorfall in dem Café schon einmal gab. Zu unterstellen, dass die Beiden es gewusst haben müssten ist da schon schwierig. :p
    Wo ich allerdings zustimme ist diese Unart des abschlabberns in der Öffentlichkeit. Das muss ich bei keiner Konstellation haben.:D

    Donnerstag, 19. März 2015 9:46
  • Ruth Gogoll

    Juli Permalink

    Das ist es ja eben. Es ging sofort der Aufschrei los, dass es speziell um die Homophobie der Wirtin ginge. Weil es eben schon einmal so einen Vorfall gab. Ich habe aber nirgends Belege gefunden, dass die Wirtin das nur mit Schwulen und Lesben macht. Möglicherweise würde sie ein Heteropaar genauso vor die Tür setzen, nur steht das dann nicht in der Zeitung.

    Es steht Aussage gegen Aussage. Die jungen Frauen behaupten, es wäre nur ein Begrüßungskuss gewesen, die Wirtin behauptet, sie wüsste, wie ein Begrüßungskuss aussieht, und das war keiner. Da müsste man jetzt erst einmal klären, was versteht man unter einem Begrüßungskuss. Wir waren alle nicht dabei, deshalb kann man nicht genau sagen, was da wirklich passiert ist.

    Ich persönlich kann nur aus meiner Erfahrung mit Wiener Kaffeehäusern sprechen, und die sind eben extrem altertümlich. Deshalb sollte man sich dort immer benehmen wie die eigene Oma. Das macht schließlich auch den Charme der Kaffeehäuser aus. Dass man sich dort wirklich in der Zeit zurückversetzt fühlt. Die Hektik der modernen Welt bleibt vor der Tür. Und auch ein wenig die Entwicklungen. Man wird mit „Küss die Hand, gnä Frau“ oder „Küss die Hand, Herr Hofrat“ begrüßt. Wenn man eine Brille trägt, wird man auch gern mal mit „Küss die Hand, Frau Doktor“ begrüßt. :)

    Mir hat das immer gefallen, ich konnte mich im Kaffeehaus so richtig erholen. Ich habe ganze Tage in Kaffeehäusern verbracht, mich unterhalten oder einfach nur die Leute beobachtet. Und schon ein etwas lauteres Gespräch hätte da die Atmosphäre gestört. Geschweige denn, wenn sich Leute abknutschen wie sonst überall in irgendwelchen Kneipen.

    Es gibt auch große Kaffeehäuser, in denen das nicht so auffällt, das „Sperl“ zum Beispiel. Aber ich nehme an, das „Prückel“ ist eher ein kleines Kaffeehaus, ich kenne es leider nicht. Wenn ich mal wieder nach Wien komme, werde ich auf jeden Fall mal hingehen, um meine Annahme zu überprüfen. ;)

    Freitag, 20. März 2015 7:02
  • Berichte dann einmal wie es war. ;) Ich selber werde es im Juni, wenn ich in Wien bin, nämlich nicht aufsuchen. :D Ich fürchte ich bin da jetzt ein wenig voreingenommen und verbringe meine Zeit lieber anders. Zumal es auch mein erster Besuch in Wien sein wird.^^

    Freitag, 20. März 2015 7:17
  • Ruth Gogoll

    Juli Permalink

    Es gibt so viele Kaffeehäuser in Wien, es muss wirklich nicht das Prückel sein. ;) Das ist auch gar kein Traditionshaus. Du solltest in eines der Traditionshäuser gehen, in denen schon im 19. Jahrhundert die Schriftsteller gesessen und geschrieben haben.

    Und dann gibt es so viel anderes zu sehen, wenn man das erste Mal in Wien ist. Da wirst Du gar nicht alles sehen können nur bei einem einzigen Besuch.

    Freitag, 20. März 2015 7:21

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