Marlene und die Einsamkeit

Letztens, als ich den Artikel über Carson McCullers schrieb, in dem auch der Titel ihres Buches »Das Herz ist ein einsamer Jäger« vorkommt, fiel mir auf, daß die Erwähnung von Einsamkeit oft gerade im Zusammenhang mit Lesben auftaucht. Auch »Quell der Einsamkeit« ist ein bekanntes lesbisches Buch, eines der Bücher, die für Lesben kein Happy End bieten, weshalb ich nicht empfehle, sie zu lesen. Solche Bücher sind eher Situationsberichte der Hoffnungslosigkeit als hilfreich für die Entwicklung einer positiven lesbischen Identität.

Einsamkeit ist heutzutage nicht nur ein lesbisches Phänomen, es ist ein gesamtgesellschaftliches. Wir leben in einer Single-Gesellschaft; die Familie, die früher dafür sorgte, daß Gedanken über Einsamkeit nur selten aufkamen, ist in dieser Form nicht mehr existent. Frauen leben allein mit ihren Kindern oder ohne, Männer leben allein mit ihren Kumpels, mit denen sie sich zusammen besaufen oder zum Fußball gehen, oder mit Huren, die sie manchmal besuchen, um ihre sexuellen Triebe zu befriedigen.

Die Männer interessieren uns an dieser Stelle natürlich nicht, uns interessieren nur die Frauen, und unter diesen nur die Lesben.

Frauen wird nachgesagt, daß sie auf nichts anderes aus sind als auf eine Beziehung, auf Liebe und Harmonie. Daß sie nicht einfach schnell einmal Sex haben können, ohne sich gleich zu verlieben.

Das stimmt so natürlich nicht. Es gibt verschiedene Arten von Frauen. Dennoch sollte man vermuten, daß eine Beziehung zwischen zwei Frauen, eine lesbische Beziehung also, eher von diesen Vorstellungen getragen ist als die Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann.

Das ist sicherlich auch so. Wir alle kennen die symbiotischen lesbischen Beziehungen, in denen zwei Frauen dermaßen miteinander verschmelzen, daß sie kaum mehr zu unterscheiden sind. Wo beide immer einer Meinung sind, beide immer zusammen auftauchen, niemals allein. Es ist, als ob die einzelne Frau gar nicht mehr existieren würde, sondern nur noch ein Gebilde, das beide Frauen umfaßt.

Ist das die Art von Beziehung, die wir uns alle wünschen? Und sind deshalb so viele Lesben unglücklich und einsam, weil sie das nicht finden? Wollen sich die meisten nicht mit weniger zufriedengeben?

Oder gibt es andere Gründe, warum Einsamkeit so ein großes Thema ist? Ist es eher die Liebe, die fehlt? Ist das, was Frauen nachgesagt wird, nämlich daß sie die Spezialistinnen für Liebe, für Gefühle sind, gar nicht wahr?

Sind vielleicht gerade Lesben Frauen, die durch ihre etwas andere Ausrichtung Schwierigkeiten haben, Liebe zu geben oder anzunehmen?

Viele Lesben wirken in ihrem Gebaren eher männlich, und Männer haben bekanntlich Probleme mit Gefühlen. Zwar fühlen sie auch etwas, aber anders als Frauen. Ist es bei Lesben ebenso? Ist die Bierflasche in der Hand wichtiger als die Gefühle der Frau, die neben mir steht und mit der ich vielleicht eine liebevolle Beziehung führen könnte? Das frage ich mich.

Es gab eine große Diskussion um die Figur der »Marlene« in meinem Fortsetzungsroman »L wie Liebe«, den ich zur Zeit hier im Blog veröffentliche.

Ist »Marlene« überhaupt eine Frau? Darf eine Frau sich so verhalten? Verhält sich irgendeine Frau tatsächlich so? Tun das nicht nur Männer?

Wir glauben also selbst offensichtlich alle an das Klischee, daß Frauen immer lieb und nett und Männer eher auch mal brutal und gefühllos sind.

So schön das wäre, aber das stimmt nicht. Auch Frauen können brutal und gefühllos sein, gerade Frauen. Sie sind es meist auf andere Art als die Männer. Männer sind direkt, schlagen zu, versuchen ihre Probleme mit Gewalt zu lösen. Frauen sind subtiler, sie üben eher psychische Gewalt aus. Sie brauchen nicht zuzuschlagen, das geht viel einfacher über indirekte Methoden, die das Opfer nichtsdestoweniger schwer verletzen. Nur sieht man die Verletzungen nicht. Jedenfalls äußerlich nicht. Innerlich jedoch kann das Opfer verbluten.

»Marlene« steht stellvertretend für diese Frauen. Für Frauen, die eher das männliche Selbstbild verinnerlicht haben und danach leben. Nichtsdestotrotz sind sie Frauen.

Eine solche Frau kann jedoch kein ausgefülltes Leben führen, wenn ihr nicht eine andere Art von Frau gegenübersteht. Diese andere Art Frau habe ich durch »Anita« symbolisiert. »Anita« ist genau die Art Frau, die sich von Frauen wie »Marlene« angezogen fühlt. Ohne Frauen wie »Anita« würden Frauen wie »Marlene« ein sehr einsames Leben führen.

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