Klostertagebuch 3. Tag

3. April

Man kann sich wirklich auf seine inneren Werte besinnen, wenn man Haferschleimsuppe zum Frühstück bekommt.

Leonie kam eben. Sie ist sehr unglücklich, denn ihr ist passiert, was einer Nonne besser nicht passieren sollte: Sie hat sich verliebt.

Eine der älteren Schwestern ist das Objekt ihrer Liebe, und es ist klar, dass jene Schwester das nicht verstehen wird.

Leonie weint die ganze Zeit. Irgendwann wird das auffallen. Sie hat Angst, dass man sie aus dem Kloster wirft und dass sie dann ihre große Liebe niemals wiedersieht.

Später: Hier im Kloster ist es sehr ruhig. Alle arbeiten oder beten. Das ist sehr erholsam. Es gibt keinen Stress. Bis auf die Liebe.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Hieß es nicht schon immer so?

Langsam komme ich wirklich zur Ruhe. Gerade sitze ich im Klostergarten und genieße einfach nur den Frieden.

Eben kam eine kleine graugestreifte Katze vorbei. Offenbar noch eine junge. Sehr zutraulich. Der Garten ist ein guter Schlafplatz, fand sie.

Ich schließe einfach nur die Augen und höre die Stille. Dazu ist ein Kloster hervorragend geeignet. Hier gibt es nichts Lautes. Nur Ruhe.

Ich atme tief durch. Der Duft eines Gartens mit vielen Kräutern und langsam auch ein paar Blumen,einer Oase des Grünen, ist unbeschreiblich.

Bei all dieser Ruhe mache ich mir Gedanken über Regina und Leonie. Bei Leonie ist es ja nun klar, bei Regina bin ich mir nicht sicher.

Sie schaut mich auf eine Weise an, die vieles vermuten lässt. Vor allem lässt es vermuten, dass sie eine Frau wie mich noch nie gesehen hat. ;)

Wie ich mittlerweile erfahren habe, sind die Namen, die die Nonnen tragen, nicht die Namen, auf die sie getauft wurden.

Jede Nonne erhält bei der Einkleidung mit ihrem Nonnengewand auch einen neuen Namen. Entweder man sucht ihn selbst aus oder bekommt ihn.

Nun frage ich mich, wie Regina wohl früher geheißen hat. Sie sagt, es ist nicht wichtig, wie sie früher geheißen hat. Aber ich bin neugierig.

Da Ruth ein biblischer Name ist, wäre es - falls ich Nonne werden wollte - wohl auch möglich, ihn zu behalten.

Aber der neue Name ist Sinnbild für ein neues Leben, somit wäre das wahrscheinlich nicht so gewünscht.

Regina ist noch sehr jung, möglicherweise ist sie gleich mit 18 ins Kloster gegangen und ist jetzt noch nicht einmal 20.

In den 90ern - irgendwann da muss sie geboren sein - war der Name Lisa sehr beliebt. Hat sie wohl Lisa geheißen? Würde zu ihr passen.

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