Klostertagebuch 4. Tag

4. April

Heute komme ich wirklich zu gar nichts. Den ganzen Tag ist so viel geschehen, dass das Twittern leider unterbleiben musste.

Aber ich hoffe, ich komme nach dem Abendessen noch dazu. Ein kurzer Hinweis: Wieder einmal geht es um die Liebe.

Eigentlich ist nun ja schon Schlafenszeit. Alles ist ruhig, so etwas wie Fernsehen oder Computer oder MP3-Player gibt es hier nicht.

Aber was in den Zellen vor sich geht, das weiß man natürlich nicht. Ich würde gern wissen, was Leonie und Regina machen.

Aber man kann sich hier nicht einfach so besuchen nach Beginn der Schlafenszeit. Ein intensives Frauengespräch um Mitternacht ist undenkbar.

Doch heute im Laufe des Tages gab es genügend Gelegenheit zu Gesprächen.

Das größte Problem mit Nonnen ist allerdings, dass sie immer beten gehen müssen. Kaum hat man mal angefangen, sich zu unterhalten,

klingelt das Glöckchen, und husch-husch sind alle Nonnen unterwegs wie die Lemminge. Ohne Wenn und Aber. Es gibt keine Entschuldigung.

Etwas gewöhnungsbedürftig. Persönliche Bedürfnisse sind in einem Kloster nicht das, was zuoberst auf der Prioritätenliste steht.

Und Liebe - zumindest die, die die meisten von uns darunter verstehen - ist hier kein Thema. Obwohl viel von Liebe die Rede ist.

Aber diese Art Liebe, von der hier die Rede ist, kann keiner armen Leonie bei ihren Liebesproblemen helfen. Sie weint sich die Augen aus.

Heute nachmittag haben wir im Klostergarten lange miteinander gesprochen. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, keine Nonne mehr zu sein.

Aber jetzt, wo sie spürt, auf was sie verzichtet, fällt es ihr immer schwerer, sich vorzustellen, wie sie als Nonne weiterleben soll.

Es gibt keine Alternative für eine Nonne, die ihr Keuschheitsgelübde nicht halten kann. Sie muss das Kloster verlassen.

Ich denke, wir waren alle schon einmal unglücklich verliebt, aber für eine Nonne ist es ungleich schwieriger, sich damit auseinanderzusetzen

Leonie sagte heute, sie hat nie darüber nachgedacht, was sie tun würde, wenn sie keine Nonne wäre. Ins Kloster zu gehen und Nonne zu werden

war immer schon ihr größter Wunsch, und sie wollte bis zum Ende ihres Lebens im Kloster leben. Bis heute hatte sie keinen anderen Wunsch.

Aber nun steht alles auf der Kippe. Sie kann sich nicht dagegen wehren, was sie fühlt, obwohl sie nie mit solchen Gefühlen gerechnet hätte.

Anders als für uns Außenstehende ist diese ganze Angelegenheit für eine Nonne nicht nur eine Sache des Gefühls.

Es ist keine Entscheidung für eine Person. Es ist eine Entscheidung gegen Gott. Und das ist für eine Nonne undenkbar.

Leonie war ihr Leben lang nie im Zweifel darüber, was wichtiger ist. Sie kann nicht einfach in Frage stellen, woran sie immer geglaubt hat.

Ich habe mein Leben lang an die Liebe geglaubt, und ich würde das auch nie in Frage stellen. Nur dass Liebe für mich etwas Höheres ist.

Etwas, das über Menschen und Göttern steht. Unabhängig. Liebe ist immer da und überall. Das habe ich Leonie gesagt.

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