Klostertagebuch 5. Tag

5. April

Puh, ich dachte, ich hätte hier so viel Zeit zum Schreiben, und jetzt komme ich kaum dazu. Oder nur sehr spät. Und dann auch nur kurz.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Nun ja, vielleicht auch kein so großes Wunder in einem Kloster. Auf jeden Fall klopfte es heute abend an meiner Tür. Völlig überraschend, da man sich ja nicht einfach so gegenseitig besucht, schon gar nicht nachts.

Und noch größer war die Überraschung, als ich sah, wer es war. Schwester Regina. Ich war wirklich völlig baff, denn bisher hat sie sich sehr zurückgehalten.

Anscheinend hat sie sich mit Leonie unterhalten, und Leonie hat ihr zumindest angedeutet, was sie mir erzählt hat. Genaueres sagte sie nicht.

Jedenfalls muss das Schwester Regina sehr betroffen gemacht haben. Sie scheint die ganze Zeit darüber nachgedacht zu haben.

Bis sie dann heute zu mir kam. Vermutlich eine schwierige Entscheidung für sie. Gegen Regeln zu verstoßen, die sie bisher akzeptiert hat.

Aber das Gespräch mit Leonie muss sie tief beeindruckt haben. Sie ist äußert verwirrt. Anders als Leonie ist sie nicht verliebt, aber anscheinend stellt sie sich Fragen, die sie sich nicht stellen sollte oder bisher nie gestellt hat. Zum Beispiel: Wen würde ich lieben? Mann oder Frau?

Es ist merkwürdig, sich vorzustellen, dass ein Mensch die Pubertät hinter sich gebracht hat, ohne sich diese Frage nur einmal zu stellen. Auch ein Mädchen, das sich zur Nonne berufen fühlt, kann doch mit 14, 15, 16, 17 ihre Hormone nicht einfach so abgestellt haben. Die kommen doch, ob man will oder nicht. Da kommen Wünsche auf, von denen man vorher nicht einmal wusste.

Wie kann man das ignorieren? Ist das nicht furchtbar stressig? Ich könnte mir vorstellen, dass es das ist, aber Regina hat es wohl nicht so empfunden. Sie scheint wie ein reiner Engel durch die Welt geschwebt zu sein. Die Erde und alles, was andere Menschen betrifft, hat sie wohl kaum berührt.

Immer so in den Wolken zu schweben hat sicherlich auch etwas Gutes. Aber irgendwann holt einen die Erde ein.

Regina wurde offensichtlich jetzt eingeholt. Zu einem Zeitpunkt, als sie sich Gedanken machte, ihr Leben lang Jungfrau zu bleiben.

Man kann nicht sagen, dass sie das nicht mehr will, aber auf einmal hat sie Zweifel, ob die Welt da draußen nicht auch etwas zu bieten hat.

Ein bisschen erinnert mich das an das Studentenwohnheim, in dem ich mal gewohnt habe. Kaum war ich dort eingezogen, hatte man das Gefühl, die Hälfte der weiblichen Bewohner wären auf einmal lesbisch oder zumindest interessiert.

Muss irgendwie an mir liegen. ;) Habe ich so eine Ausstrahlung? Ich selbst kann das natürlich nicht beurteilen, aber es war schon auffällig. Als ob sich plötzlich ein Tor aufgetan hätte.

Ein Kloster ist ja so etwas Ähnliches wie ein Wohnheim. Jeder hat nur ein kleines Zimmer, man kocht zusammen, man isst zusammen, man verbringt seine Freizeit miteinander.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir uns abends immer bei Martin auf dem Zimmer getroffen haben. Sein Zimmer lag so schön zentral, da kamen alle vorbei, und dann ging man eben hinein. Erstaunlich, wie viele Leute in so ein kleines Zimmer passen. Aber so klein wie eine Klosterzelle war es denn doch nicht. Wir waren manchmal bestimmt 20 in Martins Zimmer.

Um das zu erreichen, müssten wir hier in der Zelle schon alle gestapelt liegen. Na ja, auch eine nette Vorstellung. ;) Aber nicht realistisch.

So gesehen war Reginas Besuch dann schon etwas ungewöhnlich. Auf jeden Fall ist sie bestimmt nicht gekommen, um sich zu stapeln. ;)

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