Die Badewanne prahlte sehr ...

... sie hielt sich für das Mittelmeer.

Darüber sind Sie jetzt gestolpert, nicht wahr? Oder mußten Sie einfach nur lachen? Smile

Die beiden obigen Zeilen stammen aus einem Gedicht von Joachim Ringelnatz, bürgerlich Hans Bötticher, 1883 in Wurzen/Sachsen geboren und leider schon 1934 verstorben.

Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich über eins seiner Gedichte stolpere, so viel Phantasie, so viel Kreativität, so viel Intelligenz und Humor. Wie sehr würde man sich das bei manchen Schriftstellern heutzutage wünschen.

Ringelnatz konnte aus allem einen Witz machen (was ihm bei den Nazis 1933 sofort Auftrittsverbot einbrachte, denn das kann sich wohl jeder lebhaft vorstellen: Die Nazis hatten nicht die Spur von Humor) und trotzdem jedem Witz auch Ernsthaftigkeit verleihen.

Im Gegensatz zu vielen heutigen »Comedians«, von deren Dummheit einem einfach nur schlecht wird, war Ringelnatz ein Mensch, der Leute und Situationen messerscharf beobachtete und sich auf alles einen Reim machte – der nicht immer unbedingt der übliche war.

Freigeist, der er war, konnte er manchmal wohl auch nicht ganz der Orthographie folgen, und auch darüber hat er geschrieben:


 

Joachim Ringelnatz
Avant-propos

Ich kann mein Buch doch nennen, wie ich will
Und orthographisch nach Belieben schreiben!
Wer mich nicht lesen mag, der laß es bleiben.
Ich darf den Sau, das Klops, das Krokodil
Und jeden andern Gegenstand bedichten,
Darf ich doch ungestört daheim
Auch mein Bedürfnis, wie mir''s paßt, verrichten.
Was könnte mich zu Geist und reinem Reim,
Was zu Geschmack und zu Humor verpflichten? –
Bescheidenheit? – captatio – oho!
Und wer mich haßt, – – sie mögen mich nur hassen!
Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen
Sowie an den avant-propos.

 


Sicherlich gibt es viele, die dem Dichter hier zustimmen, insbesondere diejenigen, die die Rechtschreibung nicht beherrschen. Wink Wobei ich glaube, daß Ringelnatz sie sehr wohl beherrschte, aber mit Absicht Wörter verballhornte, um einen gewissen Effekt zu erzielen, denn er hatte das Gymnasium besucht, das aber (man muß bedenken: es war die wilhelminische Zeit damals) mit einem solch quirligen, phantasiebegabten Jungen nichts anfangen konnte, weshalb er hintereinander von zwei Gymnasien flog.

Das hielt ihn nicht davon ab, weiterzuschreiben und weiterzufabulieren, auch wenn damit nicht viel Geld zu verdienen war. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit tausend verschiedenen Jobs von Matrose bis Bibliothekar.

Ein an Eindrücken überreiches Leben, viel zu kurz, aber dennoch bis heute unvergessen. Denn solche Talente sind sehr, sehr selten.

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People in this conversation

  • Jasmin
  • Liebe Frau Gogoll,

    ich war schon länger nicht mehr hier, und gerade habe ich ein bisschen gestöbert und sehe diesen Artikel.
    Ringelnatz ist ein herausragender Dichter, ich liebe seine Werke und habe unzählige Bücher von ihm.
    Ich kenne kaum einen, dessen Gedichte so optimistisch sind - er hatte wirklich an allen Dingen seine Freude!
    Ganz oft muss ich daran denken, wie er wohl seine Werke in irgendwelchen schummrigen Kajüten vorgetragen hat und die Matrosen unterhielt, die sich weitab von der Heimat auf See befanden.

    Seine Liebe zum Meer hat mich schon immer genauso hingerissen, wie seine Liebe zum Detail - das "Kleine" - ob er nun über eine Ameise berichtet oder einen "Briefmark", eine Schraube - er konnte wirklich über alles schreiben. Seine Lebenseinstellung, allem ein Gutes abzugewinnen, finde ich sehr bewundernswert.
    Und auch seine Briefe und vor allem Kuddeldaddeldu.

    Vielen Dank für diesen Artikel - ich schenke Ihnen eine Kachel aus meinem Ofen dafür :-)
    Herzliche Grüße
    Jasmin Kari

    Freitag, 22. Juli 2011 22:20

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