Wie schreibe ich einen Bestseller?

Wenn man diese Frage auf Google oder Youtube eingibt, kommen eine Menge Ergebnisse, scheint also eine ganze Menge Leute zu interessieren. Klickt man jedoch eines dieser Ergebnisse an, ist der Erfolg eher enttäuschend.

Wie so oft stammen die meisten Ergebnisse aus dem amerikanischen Raum und sind dementsprechend flach und banal, nur darauf aus, den Interessierten das Geld aus der Tasche zu ziehen, denn man bekommt die genialen Ideen, wie man denn nun einen Bestseller schreibt, natürlich nicht umsonst. Man muss teuer dafür löhnen.

Mittlerweile gibt es auch in Deutschland genügend Leute, die sich diese Methode angeeignet haben, um ihre Mitmenschen auszunehmen. Und es gibt in der Tat auch hier genügend Menschen, die sich dafür interessieren und wahrscheinlich sogar Geld dafür bezahlen.

Da dachte ich mir: Ich schreibe jetzt mal ganz kostenlos eine Anleitung, damit jeder seinen selbstgeschriebenen Bestseller spätestens nächstes Jahr zu Weihnachten bei sich zu Hause auf dem Nachttisch liegen hat.

Der erste Rat, den ich geben kann, lautet: Schaut Euch mal die Bestseller auf der Spiegel-Bestsellerliste Belletristik und Sachbuch oder Taschenbücher an und überlegt Euch, ob Ihr so ein Buch schreiben könntet. Welche Themen werden dort angesprochen, wie lang sind die Bücher, in welchem Genre sind sie geschrieben? (Die BILD macht seit neuestem übrigens auch eine Bestsellerliste, wen das interessiert ...)

Beim Spiegel geht es also los mit höchst anspruchsvoller Literatur wie dem neuen Buch von Jojo Mojes. Tja, ob ich mich in diese literarischen Höhen je aufschwingen werde, bezweifle ich sehr. wink Wenn man also sieht, dass ein solches Buch Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste belegt – das gibt doch erhebliche Hoffnung, dass jeder und jede einen Bestseller schreiben kann.

Deshalb frisch ran ans Werk, den Bleistift gespitzt ... Okay, vielleicht starten wir besser den Computer. Aber wer einen Bleistift bevorzugt: nichts dagegen. Manche Menschen schreiben besser mit der Hand, andere besser mit dem Computer, manche produzieren sehr gute Texte, wenn sie eine Diktiersoftware benutzen, die die gesprochenen Worte sofort in Word einfügt und einen Roman daraus macht.

Nun ja, so weit sind wir noch nicht. Wir haben ja noch nicht mal das erste Wort geschrieben.

Das erste Wort, der erste Satz, der erste Absatz ... das sind in jedem Schreibratgeber die wichtigsten Dinge für den Anfang. Logisch, ist ja auch der Anfang. Man kann aber auch mittendrin anfangen oder am Ende, ganz wie man mag. Wenn einem zum Beispiel eine Szene einfällt, die irgendwo im Roman stehen könnte, einfach hinschreiben. Verschieben kann man später immer noch.

Eins setze ich jetzt mal voraus: Wir schreiben einen Liebesroman. Liebesromane sind das meistverkaufte Genre überhaupt, und auch Jojo Mojes schreibt so was, ist auf Platz 1 – das Genre ist also hervorragend für einen Bestseller geeignet.

Womit beginnt ein Liebesroman? Mit der ersten Begegnung der beiden Liebenden. Aber – und das ist sehr wichtig – da lieben sie sich noch nicht. Am besten ist sogar, sie hassen sich. Dann sind die Hindernisse größer, sie zusammenzubringen, und der Roman wird länger. Lange Romane lieben die Leserinnen. smile

Der Anfang muss die Leserin fesseln, also lässt man am besten gleich etwas Unerwartetes geschehen: Eine Frau fällt aus dem Fenster im fünften Stock.

Tatsache. Das passiert bei Jojo Mojes, muss also gut sein. Ihre Hauptfigur überlebt den Sturz natürlich, und dann verliebt sie sich in den Rettungssanitäter ... noch nie gehört. Originalität wird bei einem Liebesroman aber auch nicht verlangt, somit ist das völlig in Ordnung.

Was ebenfalls immer gut kommt, ist Verlust. Die große Liebe seines Lebens zu verlieren drückt wahrlich auf die Tränendrüse. Und wieder ist Jojo Mojes das beste Beispiel: Sechs Monate lang war die Heldin ihres neuen Buches mit ihrem Supermann zusammen, nun ist er tot.

Aber hallo? Das kennen wir doch. War da nicht vor ein paar Jahren mal ein Buch ... blätter, blätter ... ja, da ist es: Cecelia Aherns P.S. Ich liebe dich. War ein Riesenbestseller im Jahre 2005. Na ja, ist schon zehn Jahre her, da kann ruhig dieselbe Geschichte noch mal kommen, wen interessiert das schon?

Da haben wir doch schnell ein paar Zutaten für einen Bestseller zusammen: Liebe, Verlust und bei den Kolleginnen klauen, was das Zeug hält.

Nicht, dass das etwas Neues wäre. Shakespeare hat geklaut, Goethe hat geklaut, Agatha Christie hat geklaut ... Es gibt nicht unendlich viele Themen auf der Welt, und so müssen sie sich eben immer wiederholen. Insbesondere in Liebesromanen ist das schwer zu vermeiden.

Vor ein paar Jahren gab es mal einen Skandal, weil eine junge Dame das zu frech gemacht und gleich praktisch das ganze Buch bei der (berühmten) Kollegin abgeschrieben hatte, aber wenn man den Text nicht wortwörtlich übernimmt, kann einem das niemand verbieten. Ideen sind nicht geschützt. Die Idee des toten Liebhabers oder der toten Liebhaberin gibt es sicherlich schon in Tausenden von Büchern.

Ganz unverzichtbar ist in einem Liebesroman natürlich das Happy End. Und das war's dann auch schon.

So haben wir unseren Bestseller in kürzester Zeit beisammen:

„Ich hasse dich!“, schrie Nicole.

„Ich hasse dich auch!“, wütete Bianka zurück. Und schnaubend verließ sie das Zimmer.

„Das kannst du doch nicht machen“, empfing ihre Freundin Inga sie draußen. „Weißt du nicht, dass sie ihre Frau verloren hat? Sechs Monate waren sie zusammen, die große Liebe, sie waren unzertrennlich, und dann – ist Kati aus dem Fenster gefallen.“

„Oh Gott.“ Biankas Gesicht verzog sich betroffen. „Das wusste ich nicht.“ Sie schaute auf die Tür. „Warum hat sie mir das nicht gesagt?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Sie wollte nicht, dass du sie bemitleidest.“ Inga seufzte. „Du weißt doch, wie sie ist.“

Bianka ging ins Zimmer zurück. „Es tut mir leid. Ich wusste ja nicht –“

„Ich will nicht darüber reden.“ Nicole wandte sich ab und schaute aus dem Fenster.

„Ich liebe dich“, sagte Bianka.

„Ich dich aber nicht.“ Nicole schaute sie an, und man sah den Schmerz in ihrem Gesicht. „Ich werde nie mehr lieben.“

Bianka atmete tief durch. „Ich werde um dich kämpfen. Meine Liebe reicht für uns beide. Und vielleicht ... eines Tages ...“

„Glaub das nicht.“ Nicoles Stimme klang endgültig.

„So leicht gebe ich nicht auf.“ Bianka lächelte entschlossen. „Ich komme wieder.“ Und sie verließ das Zimmer.

„Na?“, fragte Inga.

„Sie liebt ihre tote Frau immer noch.“ Bianka schluckte. „Aber je höher die Hindernisse –“

„Desto höher springt Bianka!“, setzte Inga lachend fort.

In den nächsten Monaten warb Bianka um Nicole, wie sie noch nie zuvor um eine Frau geworben hatte. Sie war sanft und verständnisvoll, ließ Nicole zart an ihrer Schulter weinen und sich immer wieder von ihr zurückstoßen, bis endlich –

„Ich liebe dich“, flüsterte Nicole. „Ich dachte, ich könnte nie wieder lieben, aber du hast mich vom Gegenteil überzeugt.“

„Ich bin so glücklich.“ Bianka nahm sie in die Arme und küsste sie.

ENDE

Und schon haben wir unseren Bestseller.

Ganz einfach, oder? cool

Jetzt fehlt nur noch die Attitüde, wie man sich als großer Schriftsteller/große Schriftstellerin zu benehmen hat, und das kann man sich bei Helge Schneider abgucken:

Zum Schreien komisch, wenn es nicht so wahr wäre ...

 

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