Die Formel für erfolgreiches Schreiben

Manchmal stolpert man über Aussprüche, die einfach nur wahr sind. Wenn ein Autor beispielsweise gefragt wird, was die Formel für einen Bestseller ist.

Der Autor Thomas Raab antwortete darauf: »Eine schwierige Frage. Vielleicht: Ein Laptop plus Zeit mal Ausdauer ergibt einen Roman. Ob es ein Bestseller wird, kann man nie sagen.«

Und noch mal Thomas Raab: »Schreiben ist keine Kunst. Sitzenbleiben und Durchhalten ist die Kunst.« Deshalb auch sein Rat: »Schreib ein Buch fertig

Die meisten, die schreiben wollen, geben zu schnell auf. Aber das, was man angefangen hat, durchzuhalten, unterscheidet erfolgreiche SchriftstellerInnen von den anderen.

Wenn man so ein bisschen durch das Netz browst, liest man ungeheuer oft solche Sprüche wie »Ich schreibe auch ein Buch. Ich habe schon 20 Seiten fertig.«

Von »fertig« kann da wirklich nicht die Rede sein, aber offenbar finden einige Leute 20 Seiten viel. Wenn man schon 20 Seiten als eine Leistung beim Schreiben betrachtet, sollte man aber einmal darüber nachdenken, ob Schreiben tatsächlich das ist, was man will. Und kann. Und sich als Beruf vorstellen könnte.

Eine entfernte Verwandte von mir zeigte mir bei einem Besuch einmal ihren Wohnzimmerschrank, in dem ein paar Bücher standen, zehn vielleicht, ich habe sie nicht gezählt, es erschien mir nur sehr wenig. Sie aber verkündete mir mit strahlenden Augen: »Und die habe ich alle gelesen!«

Ich habe nichts dazu gesagt, weil ich sie nicht verletzen wollte und ehrlich gesagt auch völlig verblüfft war. Sie war nämlich schon Rentnerin, hätte also sehr viel Zeit zum Lesen gehabt. Aber offenbar fand sie es eine große Leistung, diese paar Bücher gelesen zu haben. Ich kannte sie nicht, es war mein einziger Besuch bei ihr, also weiß ich nicht, ob sie Schwierigkeiten beim Lesen hatte und will das deshalb nicht heruntermachen. Sie wollte ja auch nicht Schriftstellerin sein.

Wenn man aber schreiben will, um zu veröffentlichen – egal jetzt, ob auf dem Internet, in einem Blog, in einem Verlag oder überhaupt –, dann wäre es schon etwas peinlich, wenn man nur etwa zehn Bücher im Schrank hätte. Oder ebooks auf dem Reader. Schreiben zu wollen bedeutet: Man sollte Hunderte oder Tausende von Büchern gelesen haben.

Ich sage jetzt mal was ganz Provokatives: 20 Seiten sind überhaupt nichts. Null. Nada. Außer man ist eine hochbegabte Kurzgeschichtenautorin, die in 20 Seiten eine spannende Geschichte erzählen kann. Wie man sieht, kann man sogar in 100 Wörtern eine Geschichte erzählen, wie Ellen hier auf der Seite Drabble – Eine Geschichte in 100 Wörtern bewiesen hat.

Es gibt Leute, die sind sogar so begabt für die kurze Form, dass sie den Literaturnobelpreis dafür bekommen wie Alice Munro. Aber das ist eine Ausnahme, die vielleicht einmal in hundert Jahren vorkommt. Normalerweise muss man sehr lange Romane schreiben, und viele davon, um den Literaturnobelpreis zu bekommen. Alice Munro hat das Schreiben von Kurzgeschichten revolutioniert, sie ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, auch wenn sie „nur“ Kurzgeschichten geschrieben hat. Und ich bin überzeugt, sie hätte niemals von sich gesagt, dass sie etwas »fertig« hat, nur weil sie 20 Seiten mit irgendetwas vollgeschrieben hat. Sie hat über jeden einzelnen Satz, über jedes einzelne Wort, das sie geschrieben hat, nachgedacht, deshalb sind ihre Geschichten so perfekt.

Wenn man so viel beim Schreiben nachdenkt wie Alice Munro, kann man durchaus auch auf 20 Seiten stolz sein, aber das trifft leider für die meisten, die »schon 20 Seiten fertig haben«, nicht zu. Wer wirklich schreiben will, empfindet 20 Seiten nicht als viel, sondern nach 20 Seiten hat man sich vielleicht erst warmgeschrieben, um dann mit dem richtigen Schreiben anzufangen.

So geht es mir oft. Ich schreibe 10.000 oder auch 20.000 Wörter in einem Rutsch, das merke ich kaum. Erst danach muss ich mir dann Mühe geben, das Buch auch wirklich fertigzuschreiben. Denn, wie schon gesagt, das ist die große Kunst: das Fertigschreiben. Es nützt mir nichts, Hunderte oder vielleicht auch Tausende von »Zwanzigseitern« auf meiner Festplatte zu haben, wenn ich keinen einzigen davon fertiggeschrieben habe. Dann hätte ich bis heute nie ein Buch veröffentlicht.

Ich gebe es zu: das Fertigschreiben fällt mir schwer. Nur weil man gut schreiben kann und schon viel geschrieben, auch veröffentlicht, hat, wird es nicht unbedingt einfacher. Es ist immer wieder eine Überwindung, immer wieder eine Herausforderung, eine Geschichte, einen Roman zu Ende zu bringen. Ich kann verstehen, dass das viele Leute nicht schaffen. Mein erster Roman »Taxi nach Paris« lag jahrelang herum, bevor ich ihn zu Ende geschrieben habe. Dabei fehlte nur noch ganz wenig, es waren glaube ich ungefähr zehn Seiten. Gerade beim ersten Buch ist es aber manchmal schwer, sich davon zu verabschieden, denn es fertigzuschreiben, das Wort ENDE darunterzusetzen ist wie ein Abschied.

Will man wirklich ernsthaft schreiben, muss man sich an dieses kleine Wörtchen jedoch gewöhnen. Es führt kein Weg daran vorbei, denn was soll ein Verlag mit einem Buch anfangen, das kein Ende hat? Irgendwann, als ein Verlag sich für »Taxi« interessierte, habe ich es dann mit Hängen und Würgen fertiggeschrieben. Und ich war überrascht, wie wenig fehlte. Zuvor war mir das wie eine fast unüberwindbare Aufgabe erschienen. Aber es musste sein, und so habe ich es getan.

So ist das Leben, wenn man wirklich Bücher schreiben will. Es gibt keine Formel für den Erfolg, aber es gibt gewisse Voraussetzungen. Man sollte die deutsche Sprache beherrschen, und man sollte das, was man angefangen hat, zu Ende bringen.

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  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Das passt jetzt so perfekt zum #NaNoWriMo, dass ich das noch mal nach vorn hole. Insbesondere, da ich nun sehe, dass sehr, sehr viele am NaNoWriMo teilnehmen, aber nur etwa 20% davon es überhaupt schaffen, die 30 Tage durchzuhalten und in dieser Zeit 50.000 Wörter zu produzieren. Aber Wörter allein reichen nicht, das Ganze muss auch Zusammenhang haben, muss eine Geschichte sein, muss gut lesbar sein. Und da fängt die Kunst an. Und auch der Erfolg.

    Freitag, 25. November 2016 16:46

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