Das 1. Schriftsteller-Gebot: Du sollst nicht langweilen

Ist schon interessant, auf was man so alles stößt, wenn man zum Thema »Langeweile« recherchiert. Langeweile ist ja etwas, dass viele unserer Vorfahren gar nicht kannten. Sie waren so sehr mit dem Überleben beschäftigt, das keine Langeweile aufkommen konnte. Langeweile kann es nämlich nur im Leerlauf geben, vor allem im geistigen Leerlauf.

Deshalb sind Schriftsteller so oft davon betroffen. Denn für eine/n Schriftsteller/in ist selbst eine Minute, eine Stunde oder ein Tag, an dem sie nicht schreiben kann, ein furchtbarer Tag. In erster Linie deshalb, weil ein Tag ohne Schreiben langweilig ist. Obwohl Langeweile die Kreativität befördert, wie es heißt. Manche Schriftsteller sind tatsächlich nur aus Langeweile Schriftsteller geworden. Sozusagen weil sie nichts anderes zu tun hatten und das Nichtstun anstrengender war als ein Buch zu schreiben.

Ich finde Langeweile nervtötend. Ich langweile mich nicht gern. Deshalb fange ich sofort wieder eine neue Geschichte an, wenn mir zu der, an der ich gerade arbeite, kurz mal nichts einfällt. »Langeweile ist, wenn die Neugier kurz mal Atem holt«, las ich als tröstende Quintessenz in einem Focus-Artikel. Soll wohl heißen, dass man sich über Langeweile nicht ärgern, sondern sie als Chance betrachten sollte, als die kurze Pause vor dem Anfang zu etwas Neuem. Leider sind die Pausen jedoch nicht immer so kurz. Insbesondere, wenn man kreativ tätig ist.

Kreativität ist nicht vergleichbar mit irgendeinem Routinejob, zu dem man gehen kann, egal, wie man sich fühlt, und seine Zeit einfach ableistet. Kreativität bedeutet »Schöpfung«, und Schöpfung bedeutet, etwas zu erschaffen, das vorher nicht da war. Der Schriftstellerin täglich Brot, könnte man sagen. Doch wenn man auch noch Butter auf dieses Brot haben will, reicht es nicht, dass da nur so ein paar Wörter aus dem Gehirn tröpfeln, die Wörter müssen auch noch zusammenhängen, müssen eine Geschichte ergeben, mit Anfang, Mitte und Schluss, und das reicht auch noch nicht, nein, es muss auch noch einen Spannungsbogen haben. Nicht nur für mich und ein paar FreundInnen. Für die Welt. Das, was ich schreibe, muss andere Menschen so interessieren, dass sie es kaufen.

Dass da überhaupt Langeweile aufkommen kann, bei diesen Ansprüchen ... Aber das Problem sind nicht die Ansprüche, auch nicht der Versuch, diese Ansprüche zu erfüllen, sondern erst einmal eine Idee zu haben. Nicht nur eine Idee, sondern viele. Das ist ein guter Anfang, aber noch nicht das Ende der Geschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die meisten SchriftstellerInnen haben mehr Ideen, als sie je in ihrem Leben zu einem Buch erweitern können, daran mangelt es nicht. Was jedoch wäre eine Idee ohne die Fortführung? Was wäre aus der Idee der Glühbirne (die heute oftmals als Symbol für jegliche Idee genommen wird) geworden, wenn nicht irgendjemand so lange herumprobiert hätte, bis diese Idee auch funktionierte?

Bei ErfinderInnen erscheint das logisch. Eine Idee allein ist nichts wert, man muss beweisen, dass man mit dieser Idee etwas machen kann, aber bei einer Idee zu einer Geschichte, zu einem Buch? Wie beweist man es da? Ein Experiment in der Physik, wie das mit der Glühbirne, erscheint einfach dagegen.

Wenn man eine Idee zu einer Geschichte hat, weiß man nie sofort, ob das auch funktioniert. Das ergibt sich oft erst bei der Ausführung. Wenn ich mich dabei langweile, wird es natürlich nichts, das ist klar. Aber solange wir Schreibbesessenen schreiben, ist das auch kein Problem. Das Schreiben vertreibt die Langeweile. Schwierig wird es dann, wenn der Kopf plötzlich leer ist, wenn wir uns eigentlich zurücklehnen und diese Leere – die für uns ja etwas Besonderes ist, das nicht oft vorkommt –, genießen und auf den nächsten Einfall warten sollten.

Manchmal funktioniert das. Insbesondere abends vor dem Einschlafen. Man denkt über etwas nach, kommt nicht weiter, und am nächsten Morgen – Glühbirne – ist die Lösung auf einmal da. Aber wenn es morgens um acht passiert? Mit dem ganzen Tag noch vor mir, an dem ich eigentlich ein paar tausend Wörter schreiben wollte?

Gut, es gibt Strategien, damit umzugehen. Die beste ist, einfach mal spazieren zu gehen. An die frische Luft, kräftig ausschreiten und den Kreislauf in Schwung bringen, die Bäume und die Blätter betrachten, die Vögel oder den eigenen Hund, der auf der Wiese spielt. Dadurch wird der Kopf frei, Blockaden werden gelöst, und möglicherweise springt einen die nächste Szene geradezu an, dass man sie gar nicht schnell genug aufschreiben oder ins Diktiergerät (Handy reicht) sprechen kann.

Damit ist die Langeweile dann überwunden und in etwas Produktives verwandelt worden. Das ist ein gutes Gefühl. Überhaupt stelle ich fest, dass ich viel besser schreiben kann, wenn ich regelmäßig Sport betreibe. Das Gehirn wird dann gut mit Sauerstoff versorgt, und das unterstützt die Gedanken dabei, sich frei bewegen zu können. Auch hilft es, den Blick vom Computerbildschirm abzuwenden und mal in die Weite wandern zu lassen. Das eröffnet neue Horizonte. Es ist keine Überraschung, dass die bekannte Redewendung so heißt.

Langeweile ist also vielleicht nur ein anderer Ausdruck für Faulheit. So wurde es früher auf jeden Fall gesehen. Wenn mir als Kind langweilig war, wurde mir geraten, doch einfach etwas zu tun. Nur manchmal ist das leichter gesagt als getan.

Wenn man älter ist, greift man in so einem Fall eventuell zu einem Buch, um zu lesen. Und dann erwischt man ein Buch, das einen noch mehr langweilt. Das ist die absolute Todsünde. Sich selbst zu langweilen – das ist mein eigenes, privates Problem, aber meine Leserinnen zu langweilen, das ist unverzeihlich. Dann sollte ich das Schreiben lieber lassen.

Es gibt ungeheuer viele langweilige Bücher. Ich frage mich immer, wie die alle auf den Markt gekommen sind und noch kommen. Für mich gibt es fast nichts Schlimmeres als wenn ich mich mit einem Buch gemütlich hinsetze und mich beim Lesen entspannen oder mich unterhalten lassen will, und dann strahlt mir nur Langeweile von den Seiten entgegen. Das ist das Schlimmste, was man seinen LeserInnen antun kann.

Es gibt Autoren, die machen aus dieser Langeweile einen Stil, Thomas Mann und Günter Grass zum Beispiel, der sich dann sogar gut verkauft, weil die LeserInnen nicht merken, dass das alles nur selbstbeweihräucherndes Getue ist. Aber ich finde, nur weil solche Leute als hohe Literatur gehandelt werden, muss man ihnen die Langeweile nicht nachmachen. Für mich ist und bleibt das 1. Schriftsteller-Gebot: Du sollst (deine LeserInnen) nicht langweilen!

Schreib so spannend, wie du es selbst gern lesen möchtest. Lass deine Figuren witzig sein und alles Mögliche erleben, damit du deine Leserinnen auf eine Reise mitnehmen kannst, die sie allein nie machen würden, nie machen könnten.

Das ist die Einmaligkeit des schriftstellerischen Daseins, die sich durch nichts überbieten lässt. Und wer will schon nicht einmalig sein? ;)

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment
  • No comments found

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche