Was macht unwiderstehliche Liebesgeschichten aus?

Das frage ich mich gerade, während ich zum ungezählten Mal Vom Winde verweht schaue, die Liebesgeschichte aller Liebesgeschichten, ungeschlagen bis heute, die größte und mitreißendste Liebesgeschichte aller Zeiten.

Sicherlich, in Vom Winde verweht geht es nicht nur um Liebe, es geht um den Untergang einer Epoche, den Untergang eines Lebensstils, einer Art des Lebens, wie es sie nie wieder geben wird. Es ist eine romantisch verklärte Art, eine idealisierte Sichtweise einer Zeit, die es so vielleicht nie gab.

Im Vorspann des Films wird von „Rittern und ihren schönen, holden Damen“ gesprochen, was an das europäische Mittelalter erinnert, eine noch weiter entfernte Zeit als die vor dem Bürgerkrieg in Nordamerika, der ja erst 1861 begann. Offenbar gehören Ideale zur Romantik dazu, eventuell auch Melancholie und Untergangsstimmung, wobei dann später eine neue Welt wie Phönix aus der Asche aufersteht. Denn es muss eine Hoffnung geben, eine Zukunft für die Liebenden.

Auch wenn das in Vom Winde verweht eher nicht so ist. Aber alle, die das Buch gelesen oder den Film gesehen haben, spinnen die Geschichte weiter zu einem Happy End zwischen Scarlett und Rhett, wünschen es sich und – eben – hoffen darauf. Das wurde dann später auch versucht, war aber ein furchtbarer Reinfall, denn wirklich große Liebesgeschichten enden oft offen. Man weiß nicht genau, ob die beiden sich kriegen, ob sie zusammenbleiben, ob das vorübergehende Happy End ein endgültiges ist.

„Es ist nur noch ein Traum, an den man sich erinnert und den man nur noch in Büchern findet“, endet der Vorspann des Films. „Eine Zivilisation, die vom Winde verweht wurde ...“

Und obwohl wir wissen, dass es vergleichsweise traurig ausgehen wird, können wir uns dem Zauber nicht entziehen, der Anziehungskraft schillernder Figuren, bunter Bilder aus einer vergangenen, verlorenen Zeit.

In vergangene Zeiten kann immer eine Menge hineininterpretiert werden, was sicherlich auch den Reiz historischer Romane ausmacht. Aber auch, wenn eine Liebesgeschichte im Hier und Jetzt spielt, übt sie diesen Reiz auf uns aus. Es sind die Gefühle, die zeitlos sind, die uns mitfiebern lassen, mitleiden, mitfreuen, auf die Fingernägel beißen, weil die Liebenden sich immer wieder missverstehen und deshalb nicht zueinander kommen können.

Bei Vom Winde verweht kommt ein großer Konflikt hinzu, der nichts mit den Liebenden zu tun hat: der Krieg. Schon in der ersten Szene ist die Rede davon, auch wenn Scarlett, das junge, verwöhnte Mädchen, nichts davon hören will. Für sie sind – wie für viele Teenager – andere Dinge wichtiger: sich zu vergnügen, die ersten Liebeserfahrungen zu machen, überhaupt das Leben jede Sekunde zu genießen ohne Rücksicht auf Verluste.

Ist das eine gute Ausgangsposition für einen Liebesroman?

Nun ja, Scarlett würde heute wohl eher in einem Chick-Lit-Roman auftauchen, in jenen Romanen, in denen die Heldinnen unerträglich herumzicken, bis man sie selbst fast erschießen möchte. Die deutsche Übersetzung frecher Frauenroman gibt das nur unzureichend wieder. Das klingt ziemlich harmlos, wenn man bedenkt, was für Zicken die Heldinnen solcher Romane sind – und wohl auch deren Autorinnen, denn wenn man selbst nicht so ist, kann man so etwas wohl nicht schreiben. Ich könnte es zum Beispiel nicht. wink

Die Anspruchshaltung, die sich in solchen Romanen ausdrückt, mag ich nicht. Diese Art Frauen denkt, die Welt müsste sich ausschließlich um sie drehen, sie sehen nichts als ihre eigenen Bedürfnisse, das, was sie selbst wollen, andere Menschen sind ihnen im Grunde genommen egal, außer sie können sie ausnutzen. Danach lassen sie sie fallen wie eine heiße Kartoffel. Sie geben nie etwas zurück, keine Liebe, keine Gefühle. Möglicherweise haben sie gar keine. Außer die Liebe für sich selbst.

Eine solche Person zu lieben ist fast unmöglich, und auch Rhett scheitert zum Schluss daran, obwohl er selbst nicht viel anders ist. Aber er lernt – wenn auch spät –, dass diese Egozentrik einen nirgendwohin bringt, dass man einsam und verbittert wird, wenn man so ein Leben führt. Solange man jung ist, merkt man das oft nicht, weil man allein deshalb, weil man jung und dadurch attraktiv ist, von anderen wahrgenommen, eventuell auch bewundert wird. Wenn man älter wird, lässt das nach, und wenn man dann nichts anderes zu bieten hat als Herumzickerei, will niemand mehr etwas mit einer zu tun haben. Aber dann ist es oft zu spät, ein anderes Verhalten zu lernen. Und vermutlich sehen solche Chick-Lit-Frauen auch gar keine Notwendigkeit dazu.

Scarlett lernt auch nur langsam – und wenig. Da sie zwar clever, aber nicht besonders intelligent ist. Mit Ausnahme ihrer erstaunlichen Begabung für Mathematik, für das Berechnen von Einnahmen aus ihren Geschäften. Wie alle zickigen Frauen denkt sie, dass sie es nur stark genug wollen muss, dann wird Rhett zu ihr zurückkehren. Obwohl sie so auf seinen Gefühlen herumgetrampelt hat, dass nichts mehr davon da ist. Irgendwann wird auch die größte Liebe müde, einer solchen Frau hinterherzulaufen und immer wieder zurückgestoßen zu werden.

Unter jüngeren Leuten, die so verwöhnt aufgewachsen sind, dass sie sich für den Nabel der Welt halten, findet man viele Scarletts. Was früher die Ausnahme war, ist heute fast die Regel. Deshalb ist Chick-Lit wohl auch so erfolgreich. Je mehr zickige Leserinnen, desto besser. smile Ich persönlich bin immer wieder entsetzt, wie eingebildet die Autorinnen und Heldinnen solcher Bücher sind, und ich bin froh, dass ich das nicht veröffentlichen muss.

Eine unwiderstehliche Liebesgeschichte ist für mich eine Geschichte von Menschen, die Gefühle haben. Eine Geschichte, in der es um Verlust geht, um Hingabe, auch um das Aufgeben seiner selbst bis zu einem gewissen Grade. Denn anders geht es nicht. Zwei Menschen, die nur sich selbst lieben, können niemals Mittelpunkt einer Liebesgeschichte sein. Rhett liebt Scarlett, auch wenn er das verschleiert. Und im Grunde genommen liebt Scarlett Rhett, auch wenn sie kaum zu Liebe fähig ist – außer zu der Liebe für Tara, für das Land und für die alten Zeiten, die sie gern zurückhätte. Wie immer aus egoistischen Motiven, also ist diese Liebe nicht ganz uneigennützig. Wie Scarlett praktisch nie etwas Uneigennütziges tut. Wenn es passiert, war es ein Versehen oder sie wurde dazu durch die Umstände gezwungen.

Wie in jeder guten Geschichte geht es darum, was man verlieren, aber auch, was man gewinnen kann. Was auf dem Spiel steht.

Steht nichts auf dem Spiel, gibt es auch keine Geschichte. Ich muss ein Risiko eingehen, wenn ich liebe. Liebe an sich ist schon ein Risiko, aber vielleicht möchte ich diese Liebe einer Person geben, die selbst nicht lieben kann oder will. Die verletzt worden ist und sich jetzt schützen möchte. Was sie aber nicht zeigt. Sie ist einfach nur abweisend, spielt die Starke. Aber ist sie das auch?

Hier wird die Geschichte interessant. Unwiderstehliche Liebesgeschichten lassen die Figuren durch die Hölle gehen, stellen sie immer wieder an den Abgrund, lassen sie eventuell auch tief fallen, bevor sie wieder aufsteigen können.

Die Fallhöhe ist entscheidend für einen Roman. Was hat eine Figur zu verlieren, und was ist sie bereit, dafür zu geben, damit sie es nicht verliert? Oder verliert sie es und muss dafür kämpfen es wiedererlangen?

Deshalb ist Chick-Lit so langweilig. Dort gibt es keine Fallhöhe. Eine zickige Frau merkt gar nicht, was sie verliert, wenn sie die Liebe zurückstößt, eventuell sogar noch darüber lacht.

Wenn diese Figur jedoch den Boden unter den Füßen weggezogen bekommt, bis ihre Zickigkeit ihr nichts mehr nützt – wie Scarlett durch den Krieg –, dann kann es wieder interessant werden. Scarlett schafft es, trotzdem eine ziemliche Zicke zu bleiben – sie ist halt, wie sie ist –, aber trotzdem wächst sie während der Geschichte durch all die Verluste, die sie erleidet, durch die fast unmenschlichen Herausforderungen, die an sie gestellt werden und denen sie sich nicht entziehen kann. Auch wenn sie vieles nicht begreift, muss sie doch darauf reagieren. Und durch ihre Reaktionen ergeben sich wieder neue Entwicklungen.

Nicht immer zum Besten, leider, eben weil sie so vieles nicht begreift und nur instinktiv handelt, aber Entwicklung ist Entwicklung. Sie ist am Ende des Romans nicht mehr dieselbe Person wie am Anfang.

Ich finde Scarlett trotz all ihrer Zickigkeit immer noch faszinierend – deshalb schreibe ich ja eine Fortsetzung zu Vom Winde verweht, von der viele hier auf der Webseite schon den Anfang gelesen haben –, aber ihre Faszination für mich ist, dass sie immer noch weitere Entwicklungsmöglichkeiten hat. Denn meine Scarlett muss natürlich eine Liebesgeschichte mit einer Frau erleben, nicht mit einem Mann. Was für diese doch ziemlich auf Männer fixierte Frau wohl eine ganz schöne Herausforderung sein durfte.

So bleibt diese Liebesgeschichte auf immer unwiderstehlich aufgrund der Entwicklungsmöglichkeiten, aufgrund der – auch falschen – Entscheidungen, die Scarlett trifft. Denn jede Entscheidung verlangt ihr wieder etwas ab, erzwingt eine Wendung der Geschichte. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Hat man kurzzeitig das Gefühl, es ist alles in Ordnung, passiert das nächste Unglück.

So ähnlich muss es in jedem guten Liebesroman laufen. Wenn die letzte Seite noch nicht erreicht ist, muss jedes Happy End erst einmal wieder aufgehoben werden. Glück kann eine kurzzeitige Zwischenstation sein, aber auf Seite 10 definitiv noch nicht das Ende der Reise. Sonst würde der Roman ziemlich langweilig.

Unwiderstehlich ist somit vor allem die Veränderung, die immer wieder neue Herausforderung, die Gewissheit, dass ein Ereignis, das zuerst gut erscheint, auch das Gegenteil sein könnte. In einem wirklich guten Roman sind wir uns niemals sicher, was der nächste Schritt sein wird.

Deshalb lesen wir weiter. Selbst eine zärtliche Liebesszene ist nichts anderes als das Versprechen, dass demnächst vermutlich etwas Schreckliches passieren wird, das die Liebenden wieder auseinanderbringt.

Nur auf der allerletzten Seite ist es das, was wir uns alle wünschen: Die große, nie endende Liebe.

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