Jede Autorin ist verschieden

Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie verschieden die Autorinnen und die Herangehensweisen der Autorinnen sind, wenn sie eine Geschichte erzählen wollen. Normalerweise sieht man das nicht so nebeneinander wie beim Lesbischen LiteraturPreis, deshalb ist der LLP eine einmalige Gelegenheit, sich mit anderen zu vergleichen und von anderen zu lernen.

Grundsätzlich sind die Vorgaben des Handwerks für alle gleich, aber das ist, wie wenn man sagt, das kleine Einmaleins ist für alle gleich. Trotzdem gibt es Leute, die damit nur die Preise im Supermarkt vergleichen, und andere, die Quantenphysiker werden. Alle mit dem kleinen Einmaleins. Es ist erstaunlich, was man daraus machen kann.

Genauso erstaunlich ist es, was man aus einer Idee machen kann. Jede Autorin schreibt auf dem Hintergrund ihres Wissens und ihrer Erfahrungen, ihres Lebens, könnte man sagen. Wir alle sehen das, was wir lernen, was wir beobachten, im Spiegel unserer eigenen Persönlichkeit. Die eine Persönlichkeit ist eher humorvoll, die andere eher ernst. Manche können nur aus der Ich-Perspektive schreiben, weil sie nur dann das richtige Gefühl für die Hauptperson bekommen. Die Hauptperson ist dann oft die Autorin selbst, nur mit kleinen äußerlichen Änderungen.

Eine erfahrene Autorin kann die Ich-Perspektive auch bewusst einsetzen, weil sie etwas damit aussagen will. Weil sie die Leserin dazu bringen will, sich mit der Hauptperson zu identifizieren. Und dann gibt es die eher distanzierte Persönlichkeit, die sich nicht voll und ganz in die Geschichte hineinziehen lässt, sondern sie tatsächlich nur von außen erzählt. Das ist oft bei Krimis der Fall. Krimis, die von Mord und Totschlag handeln, kann man kaum aus der eigenen Perspektive erzählen.

Wenn man die Schreibwerkstatt hier auf der Seite durchgearbeitet hat, wird man vermutlich nicht aus der Ich-Perspektive schreiben, weil dort immer wieder steht, dass die beste Erzählperspektive für einen Roman die Perspektive der 3. Person ist. Es gibt eine Hauptfigur, aus deren Perspektive das meiste beschrieben wird, aber diese Hauptperson heißt nicht »Ich«, sondern »Sie«. Man nennt diese Perspektive auch die personale Perspektive, weil sie schon etwas Persönliches hat. Wir sehen alles durch die Augen der Protagonistin, auch ihre Weltsicht wird dadurch vermittelt, sie hat Meinungen und beurteilt Dinge auf dem Hintergrund ihrer (fiktiven) Persönlichkeit.

Wenn ich also eine Soldatin in eine Situation stelle, in der es darum geht, sich zu verteidigen oder jemand anderen vor Gewalt zu beschützen, wird sie anders reagieren als eine Büroangestellte, die normalerweise nicht körperlich für oder gegen etwas kämpfen muss.

Ebenso reagiert eine Autorin, die in ihrem Umfeld viel mit Gewalt konfrontiert ist, sicherlich anders beim Schreiben als eine Autorin, die in einem sehr ruhigen und beschützten Umfeld lebt. Ein wenig ist das, was wir schreiben, immer ein Spiegel unserer Seele. Selbst dann, wenn wir eine Geschichte erzählen, die uns selbst nie passiert ist.

Ich finde es immer wieder ungeheuer bereichernd, was die Autorinnen uns einsenden. Ganz viele Perspektiven auf die Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte.

Natürlich bezieht sich das nicht nur auf den LLP. Man kann ja das ganze Jahr über Manuskripte an uns senden, und das tun viele auch. Sie wollen gar nicht unbedingt am LLP teilnehmen (obwohl ich das immer schade finde, denn gerade hier wird die Vielfalt so deutlich spürbar wie nirgendwo sonst), sondern vor allem, dass wir ihr Manuskript lesen und beurteilen. Aus unserer professionellen Erfahrung heraus.

Das tun wir natürlich auch. Und oftmals sind daraus schon schöne el!es-Bücher entstanden. Manche Autorinnen trauen sich einfach nicht, sich so vor die Öffentlichkeit zu stellen, wie das der LLP erfordert. Aber ich brauche nur die ersten Sätze eines Manuskripts zu lesen, dann weiß ich schon, ob das ein gutes Buch wird oder nicht so.

Aber auch die Manuskripte, die auf den ersten Blick nicht so geeignet erscheinen, können immer noch veröffentlicht werden. Dafür haben wir wunderbare Lektorinnen, die mit den Autorinnen arbeiten und aus jedem Buch etwas machen können. Viele Autorinnen, die bisher mit unseren Lektorinnen gearbeitet haben, sind begeistert, was ihnen diese Zusammenarbeit gebracht hat. Und auch die Lektorinnen haben richtig Spaß daran.

Wir sind froh, dass wir so viele gute Autorinnen haben und immer wieder neue hinzukommen. Für alle soll es ein Vergnügen sein, ein Buch zu veröffentlichen. Für die Autorinnen, für die Lektorinnen und für die Leserinnen, die dann das Produkt dieser Zusammenarbeit genießen können.

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  • Catherine Fox
  • Catherine Fox

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    Ich habe mir kürzlich das Buch "Der Name der Rose" gekauft und die Nachschrift dazu, weil ich den Film mit Sean Connery immer wieder gern sehe, obwohl ich mit Kirche nichts am Hut habe. Umberto Eco schreibt in seiner Nachschrift: "Begonnen habe ich im März 1978, getrieben von einer vagen Idee: Ich hatte den Drang, einen Mönch zu vergiften. Ich glaube, Romane entstehen aus solchen Ideenkeimen, der Rest ist Fruchtfleisch, das man nach und nach ansetzt."
    Diese Aussage fand ich Spitze, denn so verhält es sich zumindest bei mir. Ein winziger Auslöser aus dem Alltag und darum herum spinne ich dann die Story. Zum Teil auch mit eigenen Erlebnissen, denn manche Situationen oder Gefühle kann man nur gut beschreiben, wenn man sie auch selbst intensiv erlebt hat.
    Was mich natürlich auch reizen würde - Umberto Eco schreibt in seiner Schlussbetrachtung: "...das Pariser OuLiPo (Ouvroir de Litterature Potentielle) soll ein Pattern aller möglicher Krimikonstellationen aufgestellt haben (der Mörder ist der Butler, der Mörder ist der Erzähler, der Mörder ist der Detektiv, usw. usw.), wobei herauskam: Es bleibt noch ein Buch zu schreiben, in dem der Mörder der LESER ist."
    Hachja, das wäre genial... ;)

    Montag, 25. April 2016 16:13

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