In den nächsten 12 Monaten werde ich einen Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen

Das schreibt Richard Norden in seinem Blog »Alles rund ums Schreiben« gestern und nennt es ein »Was-Schreibziel«. »Was« im Gegensatz zu »Wie«. »Wie« – das ist klar – beschäftigt sich mehr mit den Methoden, dem Schreibhandwerk und der Planung des Romans zum Beispiel, und das kann einen schon gleich zu Anfang aus der Bahn werfen. Das merkt jeder, der schreibt, früher oder später. Richard Norden hat es anscheinend jetzt gerade gemerkt. wink

Wir sind da schon ein Stück weiter, denn mit der »250-Wörter-Challenge« arbeiten wir schon eine ganze Weile in diese Richtung. Dort kümmern wir uns sehr wenig um das »Wie«. Wir kritisieren weder den Aufbau der Geschichte noch die Figuren, das einzige Ziel ist, jeden Tag 250 Wörter weiter zu kommen. Das gibt ein gutes Gefühl, und das ist das Wichtigste dabei. Überarbeiten kann man immer noch.

Es ist – das kann man sich leicht ausrechnen – überhaupt kein Problem, mit 250 Wörtern am Tag jedes Jahr auf einen Roman zu kommen. 250 Wörter mal 365 Tage im Jahr ergeben 91.250 Wörter. Das wäre schon ein sehr dicker Roman. Wenn man die Länge eines el!es-Romans zum Ziel hat, das sind ca. 70.000 Wörter, kommt man sogar mit weniger Tagen aus, nämlich mit 280. Dann hat man danach noch 85 Tage, also fast drei Monate, Zeit, den Roman zu überarbeiten. Für 250 Wörter am Tag, das entspricht ungefähr einer Buchseite, braucht man etwa 15 Minuten. Und eine Viertelstunde am Tag hat doch wohl jede Autorin, die gern ein Buch veröffentlichen möchte. Das kann man sogar während der Fahrt zur Arbeit in Bus oder Bahn auf dem Smartphone tippen. Man muss also noch nicht einmal extra Zeit dafür einplanen. Eine tolle Sache eigentlich.

Warum sich also überhaupt mit Planung beschäftigen? Es geht doch auch so. Jedes Jahr einen Roman, (fast) ganz ohne Mühe. Und el!es ist immer auf der Suche nach guten Autorinnen und guten Romanen. Also die Veröffentlichung wäre auch kein Problem.

So einfach es klingt, man braucht, um einen Roman veröffentlichen zu können, nicht nur Wörter, man braucht auch eine Geschichte. Eine Geschichte, die einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss hat. Der Anfang muss die Leserin neugierig machen, sie in die Geschichte hineinziehen, die Figuren vorstellen und den oder die Konflikte. Die Mitte ist wie ein dicker Bauch, denn sie ist enthält am meisten Geschichte und ist deshalb der längste Teil des Buches. In diesem Mittelteil wird der Konflikt entwickelt, auf die Spitze getrieben und zu einer Krise gebracht. Die Figuren werden geschunden und gequält, bis sie fast nicht mehr können, bis die Situation ausweglos erscheint. Und wenn sie sozusagen schon am Abgrund stehen und springen wollen, beginnt der dritte und letzte Teil der Geschichte, die Auflösung, das Entwirren des gordischen Knotens, das erleichterte Aufatmen, und zum Schluss kommt das Happy End.

Es gibt absolut keinen Grund, warum man das nicht mit 250 Wörtern am Tag schaffen sollte, indem man sich das große Ziel setzt, am Ende des Jahres, einen Roman fertig zu haben. Aber man darf die Geschichte nicht vergessen. Das heißt, schon während ich schreibe, überlege ich mir, was ich da schreibe. Ich schreibe nicht einfach hin, was ich erlebe oder was andere mir erzählen, was ich in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen habe, was mir von irgendwelchen Seiten auf dem Internet entgegengesprungen ist, sondern ich gestalte mit den 250 Wörtern eine kleine Szene, die selbst einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss hat.

So genau muss das nicht sein, das heißt, ich muss mir da jetzt nicht stundenlang den Kopf zerbrechen. Es reicht, wenn ich mir überlege: »Was passiert jetzt als nächstes?« und »Was wäre, wenn?« Das ist nicht weiter problematisch. Mal angenommen, die ersten 250 Wörter beschreiben eine Szene, in der ein vorbeifahrender Wagen bei Regenwetter eine auf dem Bürgersteig stehende oder gehende Frau bespritzt. Damit sind die 250 Wörter zu Ende, und alles, was ich zu tun habe, ist, mich zu fragen: »Was passiert als nächstes?«

Wenn es der Anfang eines Liebesromans werden soll, bleibt die Fahrerin vielleicht mit ihrem Auto stehen, steigt aus und entschuldigt sich. So lernen die beiden Frauen sich kennen. Was wäre, wenn sie das nicht macht? Dann bleibt sie vielleicht stehen, steigt aus und beschimpft die Frau auf dem Bürgersteig. Die ist empört und sagt »Ich zeige Sie an!« So könnten sie sich auch kennenlernen. Oder was wäre, wenn die Fahrerin gar nicht anhält, einfach weiterfährt? Vielleicht hat sie gar nicht mitgekriegt, was passiert ist, oder es ist ihr einfach egal. Dann könnte die Fußgängerin sich die Autonummer merken und Schadensersatz von ihr fordern. Jede dieser fortführenden Szenen hat mindestens 250 Wörter, also es geht einfach mit der Geschichte weiter, egal, für welche Variante die Autorin sich entscheidet. Und je nachdem, wofür sie sich entschieden hat, schließen die nächsten 250 Wörter dann daran an.

Wenn es ein Krimi werden soll, könnte es so weitergehen, dass die Fußgängerin sich die Nummer aufschreibt und herausfindet, wer die Fahrerin ist, zu der Adresse geht und sie dort tot auffindet. Vielleicht wird die Fußgängerin sogar des Mordes verdächtigt, weil sie ja einen Groll gegen die Fahrerin des (möglicherweise) dicken Mercedes hegte. Sicherlich, ein verdorbener Mantel ist kein Grund für einen Mord, aber im Affekt? Da kann eine Menge passieren.

Man sieht also: Es gibt keinen Grund, warum nicht jede, die es sich vornimmt, in 12 Monaten einen Roman fertighaben sollte. 250 Wörter am Tag sind (bei 30 Tagen) 7.500 Wörter im Monat. Das ist schon eine recht beeindruckende Zahl. Mit der »Was passiert als nächstes?«-Methode kommt man auf jeden Fall jeden Tag ein Stück weiter. Am Ende des Monats hat man 7.500 Wörter und damit schon eine ganze Menge weiße Blätter mit Wörtern gefüllt.

Wollen Sie es nicht auch einmal versuchen? Was spricht dagegen? Nehmen Sie sich einfach vor: »In den nächsten 12 Monaten werde ich einen Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen«, schreiben Sie jeden Tag 250 Wörter und schauen Sie, was passiert.

Vielleicht werden Sie überrascht sein. ;)

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