Spannend wird eine Geschichte erst dort, wo der Alltag aufhört

Unsere täglichen Diskussionen im Schreibforum machen uns allen vieles klarer, was wir vielleicht unbewusst einfach so hinschreiben oder auch weglassen. Für jede Autorin ist etwas anderes wichtig, und so verlieren sich die einen in Beschreibungen des Alltags, während die anderen direkt in eine Situation hineinspringen, mit einem Dialog oder einem aufregenden Ereignis, das den Alltag durchbricht.

Immer wieder kommt es dabei darauf an, die richtige Balance zu finden zwischen dem, was erzählt werden muss, was die Leserin unbedingt wissen muss, und dem, was sie eher langweilen würde oder was sie überblättert, um endlich erzählt zu bekommen, was zwischen den beiden Liebenden passiert.

Der Blick auf die Leserin ist ein wichtiger Punkt. Was mich, die Autorin, interessiert, muss die Leserin nicht unbedingt interessieren. Ich muss also eine Entscheidung fällen, was ich hinschreibe und was ich weglasse. Das einzige Kriterium ist eine spannende Geschichte.

Spannend ist nicht für jede dasselbe, aber lange Beschreibungen sind für die wenigsten spannend (auch wenn es einige Ausnahmen gibt). Jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit zu fahren ist beispielsweise nicht spannend. Wenn aber ein Unfall geschieht, kann es spannend werden. Das außergewöhnliche, nicht alltägliche Ereignis, das uns aus der Routine reißt, macht eventuell selbst die Fahrt zur Arbeit zu einer Zeitperiode, die beschrieben werden muss. Wenn auch nicht in allen Einzelheiten.

Wenn ich abends nach Hause komme, will ich entspannen. Am Wochenende ebenso. Die Woche ist anstrengend genug. Deshalb lassen viele sich einfach vom Fernseher berieseln. Mittlerweile können wir uns gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, keinen Fernseher zu haben. Da ich schon ein bisschen älter bin, kann ich mich noch an eine Zeit erinnern, als es nur wenige Fernseher gab. Meine Familie hatte keinen. Computer gab es ebenfalls nicht. Auch keine Handys, Spiele-Apps oder sonstige elektronische Unterhaltungskünstler.

Ich wette, jüngere Leute können sich überhaupt nicht vorstellen, was man da überhaupt getan hat. wink Außer natürlich Sex, das geht ja immer. Jedes Mal, wenn in einer Stadt Stromausfall ist, gibt es neun Monate später wesentlich mehr Babys als ohne Stromausfall. Das lässt nach, weil mittlerweile Verhütung davor schützt, aber ich denke, dieser Zusammenhang sagt alles.

Er deutet aber auch darauf hin, dass wir ohne Aufregung schlecht leben können. Unser Alltag ist einfach nicht spannend genug. Deshalb suchen wir andere Möglichkeiten. Die Berieselung des Fernsehens, könnte man jetzt einwerfen, ist nicht gerade spannend. Das stimmt. Aber dennoch fügt sie unserem Alltag eine andere Komponente hinzu. Und insbesondere Geschichten, deren Verlauf wir nicht im Voraus kennen, halten uns bei der Stange.

Sie waren schon immer das A und O der Unterhaltung. Unsere Vorfahren saßen am Feuer, und der Jäger erzählte von der aufregenden Jagd, die die anderen nicht miterlebt hatten. Dabei fügte er vielleicht noch das eine oder andere Detail hinzu, der Löwe wurde größer oder das Rudel Wölfe wurde zahlreicher, die Antilope wurde schneller und stärker, so dass die eigene Leistung noch bewundernswerter erschien. Aufgeschrieben wurde damals noch nichts, es gab noch keine Schrift, aber die Geschichten wurden mündlich erzählt und auf Felswände gemalt, wo man sie noch lange nacherleben konnte.

Was jedoch nicht erzählt oder auf Felswände gemalt wurde, waren die Dinge, die man jeden Tag tat. Wurzeln und Beeren sammeln, am Feuer sitzen und essen, dem Kind die Brust geben, schlafen. Das war der Alltag, und das war nicht spannend genug, um dafür auch nur den eigenen Atem zu verschwenden geschweige denn Kreide oder kreative Energie.

Dieses Prinzip gilt heute noch genauso. Eine gute Geschichte beschreibt nicht, was wir jeden Tag tun. Sie beschreibt nicht, wie wir aufstehen, ins Bad gehen, uns anziehen, frühstücken, zur Arbeit fahren, im Büro den Mantel ausziehen, uns hinsetzen, den Computer anschalten, jeden einzelnen Buchstaben, den wir tippen, oder jede Mausbewegung, die wir machen. Das würde wohl niemand lesen wollen.

Es darf zwar Alltag geben, aber nur kurz, dann muss er durch etwas nicht Alltägliches, etwas Aufregendes, etwas Spannendes unterbrochen werden. Bücher, egal, ob gedruckt oder in elektronischer Form, sind genau dasselbe wie Filme oder Fernsehen, wie die Geschichten, die früher nach der Jagd am Feuer erzählt wurden. Sie heben das Besondere hervor, das, was sich vom Alltag unterscheidet. Der Jäger erzählt nicht »Als ich heute auf die Jagd ging, ging ich hier aus der Höhle, dann an dem Felsen dahinten vorbei, dann über den Fluss, da habe ich dann Pause gemacht und mich ein bisschen ausgeruht, dann ging ich weiter ...« Selbst die nicht verwöhnten Zuhörerinnen und Zuhörer in der Höhle wären da wohl eingeschlafen. laughing

Nein, er wird da zu erzählen beginnen, wo es spannend wird. »Als ich über den Fluss kam, erstarrte ich plötzlich. Der Löwe, dem ich letztens nur knapp entkommen bin, saß da und trank. Mit seinen glühenden Augen starrte er mich an. Er war nur einen Meter von mir entfernt und schon auf dem Sprung, mir die Kehle zu zerreißen.« Atemlose Spannung in der Höhle – obwohl der Erzähler da sitzt und man schon weiß, dass ihm nichts passiert ist.

Um die Art der Erzählung geht es. Damals waren die meisten Geschichten im Kern zumindest wahr, wenn sie auch ausgeschmückt wurden. Denn die Menschen führten ein gefährliches Leben. Wilde Tiere, kein Wasser, kein Feuer, nichts zu essen, keine Medikamente, keinerlei Bequemlichkeit. Man musste immer auf dem Sprung sein wie der Löwe. Das war bestimmt aufreibend. Die Menschen wurden ja auch nicht alt. Sie starben als Kinder oder als Jugendliche oder spätestens in ihren Zwanzigern.

Heute ist unser Leben kaum noch aufregend. Wir haben ein Dach über dem Kopf, Heizung, damit wir nicht frieren, immer etwas zu essen und zu trinken, begeben uns vom Bürostuhl aufs Sofa, statt jeden Tag nach Nahrung zu suchen, und wilde Tiere, die uns bedrohen könnten, begegnen uns höchstens im Zoo hinter Gittern. Wir müssen nicht plötzlich lossprinten, um unser Leben zu retten, oder gefährliche Wege zurücklegen, um zu überleben.

Geben wir es ruhig zu: Es ist ein äußerst langweiliges Leben. Aber wir haben immer noch dieselben Gene, die unsere Vorfahren befähigt haben, ein sehr viel gefährliches Leben zu überstehen. Also reagieren wir auf Geschichten, die uns vorgaukeln, das Leben wäre sehr viel spannender als es ist.

Und die Aufgabe von Autorinnen ist es, solch ein Leben zu erfinden, nicht die Langeweile des Alltags zu beschreiben.

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