Eine Geschichte oder mehrere Geschichten gleichzeitig schreiben?

Wer regelmäßig die Webseite hier besucht, bekommt immer den neuesten Roman zu lesen, aber es gibt auch einige Geschichten, die schon sehr alt sind. Geschichten, die zum Teil nie zu Ende geschrieben wurden. Geschichten aus den Schreibübungen, die nur Anfänge sind, die die Autorinnen nie weitergeschrieben haben.

Im Schreibforum stellen wir fest, wie unterschiedlich Autorinnen sein können. Die einen stellen eine Geschichte nach der anderen ein, arbeiten auch an mehreren Geschichten gleichzeitig, schreiben jeden Tag 250 Wörter an zwei oder drei Geschichten parallel. Die anderen beschäftigen sich mit einer einzigen Geschichte, schreiben dort weiter, wollen sie erst zu Ende bringen, bevor sie etwas Neues anfangen.

Beide Methoden sind legitim. Ich bekenne mich zu der „Mehrgeschichten-Methode“, weil ich schon immer so geschrieben habe. Kam ich mit einer Geschichte nicht weiter, fing ich eine neue an oder schrieb parallel an einer anderen Geschichte, die ich zuvor bereits angefangen hatte. Wusste ich dort dann wieder nicht, wie es weitergeht, kehrte ich entweder zur ersten Geschichte zurück und schrieb diese weiter oder begann sogar noch eine dritte. So arbeitete ich mich in allen Geschichten voran, je nachdem, welche Geschichte gerade am besten lief.

Manchmal bleibt dann auch eine dieser Geschichten auf der Strecke, weil eine andere interessanter erscheint. So habe ich Hunderte von angefangenen Geschichten in meinem Schreibjournal, manche ganz kurz, andere schon auf die Länge eines halben Romans angewachsen. Es sind Ideen, die ich immer einmal wieder durchforste, wenn ich überlege, was ich als nächstes schreiben soll und will. Manche Geschichten sprechen mich dann spontan an, andere erscheinen mir so fremd, dass sie genauso gut von jemand anderem stammen könnten, nicht von mir.

Man geht durch verschiedene Phasen im Leben, und je nachdem findet man oft Ideen für eine gewisse Zeit interessant, die man zu einem anderen Zeitpunkt gar nicht bemerken würde. Im Prinzip kann man aus jeder Idee etwas machen. Wenn ich mir mein Schreibjournal so anschaue, müsste ich dann allerdings mindestens 200 Jahre alt werden, um das zu tun. wink Und es kommen ja jeden Tag neue Ideen hinzu. An Ideen herrscht wirklich kein Mangel. Wie so oft entscheidet aber nicht die Idee selbst, sondern die Umsetzung. Man kann Dutzende Ideen für einen Roman oder auch eine Kurzgeschichte haben, wenn man die Geschichte nicht schreibt, wird niemals etwas daraus werden, wird niemals jemand diese Geschichte lesen können.

Leider gibt es kein Patentrezept dafür, wie man es am besten macht. Der erste Punkt ist sicherlich: Man muss überhaupt anfangen. Viele kommen noch nicht einmal zu diesem Punkt, weil „die Angst vor dem leeren Blatt Papier“ sie davon abhält. Diese Angst ist altbekannt. Die Bezeichnung stammt noch aus den Zeiten, als man nichts als ein Blatt Papier vor sich hatte, wenn man schreiben wollte, entweder per Hand oder später dann ein weißes Blatt Papier in der Schreibmaschine, leer und drohend, ohne einen Buchstaben darauf.

Vielleicht hilft hier die „Mehrgeschichten-Methode“ besser als die „Eingeschichten-Methode“, denn wenn man mehrere Geschichten gleichzeitig schreibt, erscheint einem die einzelne nicht ganz so wichtig. Wichtig schon, aber eben im Zusammenhang dessen, dass man auch an einer anderen Geschichte schreiben könnte. Es sind ja genug Geschichten da. Wenn man sich nur auf eine einzige Geschichte konzentriert, könnte das dazu führen, dass man sehr frustriert ist, wenn man dort für eine Weile nicht weiterkommt.

Umgekehrt, wenn man immer wieder eine neue Geschichte anfängt, wenn die vorherige nicht direkt funktioniert, könnte das jedoch dazu führen, dass man nie eine Geschichte zu Ende schreibt. Dieses Phänomen gibt es sehr oft bei Teenagern. Sie fangen mit zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahren einen Roman an – oftmals Fantasy –, aber sie schreiben ihn nie zu Ende. Wenn sie nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll in ihrer Geschichte, legen sie sie einfach weg und beginnen eine neue, die ebenfalls nur bis zu einem bestimmten Punkt geschrieben wird. Meistens einem Punkt, wo das Weiterschreiben schriftstellerisches Handwerk erfordern würde. Eine dramaturgische Intervention, einen Wendepunkt, eine Beschleunigung der Spannungskurve, die Zuspitzung eines Konflikts.

Hier scheidet sich dann die Spreu vom Weizen bzw. diejenigen, die wirklich schreiben wollen, von denen, die Schreiben nicht so wichtig finden wie viele andere Dinge. Eine Methode ist immer nur so gut wie derjenige, der sie anwendet. Wenn ich viel Zeit mit anderen Dingen zubringe, habe ich wahrscheinlich nie genügend Zeit, eine Geschichte zu Ende zu schreiben, egal, ob ich mir eine Geschichte vornehme oder mehrere.

Wenn man schreiben will, wird man es tun, aber durch die Verteilung auf mehrere Geschichten macht man sich weniger Druck, dass es ausgerechnet diese, diese eine Geschichte sein muss. Allerdings ist die Gefahr, dann nie eine Geschichte zu Ende zu schreiben, auch gegeben, und dessen muss man sich bewusst sein.

Warum schreibe ich an mehreren Geschichten gleichzeitig? Nur um meinem Versagen auszuweichen? Um mir nicht eingestehen zu müssen, dass ich keine Geschichte zu Ende bringe? Dass ich immer wieder in der Mitte hängenbleibe, wenn es dann um das geht, was eine Geschichte am Laufen hält? Dann sollte ich mich tatsächlich besser auf eine einzige Geschichte konzentrieren und an meinem schriftstellerischen Handwerk arbeiten.

Warum bleibe ich immer wieder nach einer gewissen Zeit hängen? Ist es vielleicht die Stelle, an der es dann darum geht, eine wichtige Entscheidung zu treffen? Ist es immer wieder die Stelle, an der ein Konflikt unangenehm wird? Ist es die Stelle, an der ich mir Gedanken darüber machen muss, welche Ziele meine Hauptperson hat? Was sie dafür bereit ist zu tun und was nicht?

Dann ist schriftstellerisches Handwerk tatsächlich angesagt. Die Idee ist gut, die Geschichte ist gut, aber auf eine andere Geschichte auszuweichen wird mich in diesem Fall nicht weiterbringen, denn ich werde in der neuen Geschichte wieder an genau derselben Stelle hängenbleiben, weil mir das Werkzeug fehlt, über diese Stelle hinwegzukommen.

Wenn ich aber tatsächlich nicht mit einer Idee auskomme, wenn ich durchaus dazu in der Lage bin, eine Geschichte fertigzuschreiben, dann kann ich auch zwischen verschiedenen Geschichten wechseln.

Und wenn ich mich lieber auf eine einzige Geschichte konzentriere, wenn ich meine Figuren so liebe, dass ich sie für den Moment nicht durch andere Figuren ersetzen will, dann bleibe ich bei meiner einen Geschichte und schreibe sie zu Ende, lasse meine Figuren gehen und mache mich erst dann auf die Suche nach einer neuen Geschichte.

Alles ist machbar. Alles ist möglich. Keine Methode ist besser als die andere. Die eigene Methode zu finden und anzuwenden ist ein wichtiger Punkt in der eigenen Entwicklung. Deshalb sollte man ausprobieren, was einem besser liegt, und das dann einfach tun.

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  • Ruth Gogoll
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    Rated 5 out of 5 stars

    Liebe Ruth. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel. Schön, dass jede Vorgehensweise so völlig legitim ist (als Abwechslung zu oft all den Gesellschaftsvorschriften im heutigen Leben) ;) Es ist sehr spannend, für sich selbst herauszufinden, mit welcher Vorgehensweise man zum Ziel, also zum Schreiben einer Geschichte von A bis Z kommt. Im besten Fall hält man zum Schluss ein wundervolles Buch in den Händen, das mit viel Freude (denn Freude und Leidenschaft sollten meiner Meinung nach beim Schreiben das Wichtigste überhaupt sein) entstanden ist. Niemand weiss, nach welcher Methode es zustande gekommen ist, ausser die Autorin selbst ;)
    Ich finde dieses Thema sehr spannend ... den Weg zur Entstehung seiner Geschichte a) herauszufinden und b) dann auch zu gehen. Vielen Dank! :)

    Donnerstag, 11. August 2016 13:16
  • Ruth Gogoll

    Babs Permalink

    Das ist genauso wie im richtigen Leben: Wenn man Regeln folgt, einfach nur, weil es Regeln sind, dann wird man oft das Falsche tun. Man muss die Regeln anschauen und entscheiden, ob sie zu einem selbst passen, ob sie einen weiterbringen. Wir hatten dasselbe ja schon einmal bei der Diskussion um »Bauchschreiber und Kopfschreiber«. Man kann nicht einfach sagen: „Das ist richtig, und das ist falsch.“ Wenn es einem absolut widersteht zu plotten, wird man das nie zustande bringen. Wenn man sich verloren fühlt, sobald man keinen Plot hat, wird es auch nicht funktionieren. Möglicherweise ist es eine Kombination von beidem, aber jede/r Schreibende ist anders.

    Das, was man lernt, wenn man sich mit dem schriftstellerischen Handwerk beschäftigt, ist, was davon zu einem passt und was nicht. Und je mehr man erkennt, was sich umsetzen lässt, desto leichter wird es. :)

    Freitag, 12. August 2016 8:54

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