(Nicht) Aus der Vogelperspektive schreiben

In der Diskussion über die Texte im Schreibforum kam die Frage nach der Perspektive auf, die die Autorin in ihren Texten einnimmt. Uns fiel auf, dass wir alle – oder fast alle – an manchen Stellen in eine Perspektive verfallen, bei der eigentlich keine der handelnden Personen im Mittelpunkt steht, sondern das Geschehen mehr aus der Vogelperspektive betrachtet wird.

Das zeigt sich dann oft an Formulierungen wie „die beiden Frauen“, „die Geliebte“, „die Dunkelhaarige“, „die Mechanikerin“ oder so etwas. Obwohl die hier Beschriebenen entweder Protagonistin oder Antagonistin in unserem Text sind, werden sie plötzlich so bezeichnet, als hätten sie gar nichts mit der Geschichte zu tun, sehr distanziert und ohne einen persönlichen Ton.

Diese auktoriale Perspektive – das ist die, bei der die Autorin sozusagen über dem Text schwebt und nicht aus der Perspektive einer Person schreibt, die am Geschehen teilnimmt – lese ich in vielen Manuskripten, die uns eingereicht werden, immer wieder.

Üblicherweise bedeutet das, dass man sich von seinem eigenen Text, von der Geschichte, von den Personen distanzieren will. Irgendetwas fehlt, um es aus der persönlichen Perspektive zu erzählen.

Das geschieht nicht unbedingt bewusst, eventuell fühlt man sich gar nicht so distanziert, aber es ist ein Zeichen dafür, dass wahrscheinlich irgendwo ein Gefühl fehlt oder dass ich als Autorin nicht genau weiß, wem ich mich jetzt näher fühle, der einen oder der anderen Person, sprich: irgendetwas ist nicht ganz rund. Oft muss man den Satz oder den Absatz dann umformulieren, damit er persönlicher klingt.

Die auktoriale Perspektive ist in gewisser Weise einfacher, weil man als Autorin alles weiß, auch das, was die Personen oder die Leserinnen nicht wissen. Man muss sich keine Gedanken über Show don’t tell oder so etwas machen, denn man beschreibt alles wie auf einer Landkarte. Dadurch fehlt aber eben das Persönliche. Die Beschreibung kann auf diese Art sehr detailliert sein, man kann mehr Informationen rüberbringen, aber durch die distanzierte Sichtweise ist es dann mehr wie ein Bericht als wie ein emotionaler Roman.

Das passiert sehr schnell, und man merkt es oft nicht. Man will etwas erzählen, es geht nicht aus der Sicht der beteiligten Personen, also wechselt man nach „oben“ und kann so alles sagen.

Früher – das heißt vor ungefähr 200 oder sogar noch mehr Jahren – war es sehr üblich, so zu schreiben, die personale Perspektive war noch nicht erfunden. Die einzige Art, etwas Persönliches zu schreiben, war ein Briefroman, das war dann die Ich-Perspektive.

Außerhalb eines Briefromans war der Autor oder die Autorin sozusagen nicht in die Geschichte involviert, er oder sie erzählte sie nur. Keine der Figuren war persönlich beteiligt, Gefühle wurden niemals aus der Innensicht erzählt, es gab kein Show don't tell, sondern nur Tell.

Es ist also eine sehr altertümliche Art zu schreiben (was aber kein Werturteil ist, denn alt heißt ja nicht automatisch schlecht). Das Problem bei dieser Art zu schreiben ist eben die Distanz, wie ich früher schon sagte. Schreibt man so, kann die Leserin sich nie mit einer der beiden Figuren identifizieren, weil die Autorin sich ja nie für eine der beiden Figuren als Hauptfigur entscheidet.

Bei einem Liebesroman geht das überhaupt nicht. Da muss die Protagonistin eindeutig sein, aus deren Perspektive erzählt wird. Die Liebende, die Verliebte ist die Protagonistin, die Geliebte oder diejenige, die die Beziehung zuerst einmal unmöglich macht oder verzögert, in Frage stellt usw. ist die Antagonistin, und aus deren Sicht wird niemals erzählt. Wir wissen nicht, was sie tut, wenn sie nicht mit der Protagonistin zusammen ist, wir wissen nicht, was sie denkt, außer sie sagt es der Protagonistin (und es ist wahr, was nicht der Fall sein muss), oder es wird durch Show don't tell gezeigt.

So kann die Leserin sich mit den Freuden und Leiden der Protagonistin identifizieren (weshalb es auch wichtig ist, dass die Protagonistin sympathisch ist, sonst funktioniert die Identifikation nicht), sich mitfreuen, mitleiden. Wenn man sich nicht für eine der beiden Hauptfiguren entscheidet, schwebt die Leserin quasi im luftleeren Raum. Sie wird das Buch wahrscheinlich nicht so sehr mögen, wenn es ein Liebesroman ist. Denn sie kann nicht für beide Figuren sein, nur für eine.

Bei einem Krimi beispielsweise ist es anders. Dort kann die Autorin eher über dem Geschehen schweben. Aus Gründen der Spannung darf sie aber auch nicht auktorial erzählen, denn dann wäre das Rätsel ja sofort gelöst. Das heißt, es muss alles im Dunkeln bleiben. Sobald man aus der Sicht beider Figuren erzählt, ist die Geschichte oftmals (außer man ist schriftstellerisch handwerklich sehr geschickt und setzt den Wechsel bewusst ein) verdorben, weil die Spannung bei der Leserin sofort auf den Nullpunkt sinkt.

Auch eine Liebesgeschichte ist ein Rätsel. Die Protagonistin wird mit einem Geheimnis konfrontiert, das die Antagonistin hat, aber nicht preisgeben will oder kann. Würde also aus der Sicht der Antagonistin erzählt oder aus der Sicht beider, ist auch hier die Spannung und vor allem die Romantik verdorben. Wenn man weiß, was beide denken und tun, immer dabei ist, langweilt man sich beim Lesen nur noch, denn es gibt keine Geheimnisse mehr zu enträtseln.

Das Geheimnis ist das A und O. Auch wenn wir bei einem Liebesroman – zumindest, wenn er von el!es ist – immer wissen, dass es ein Happy End geben wird, wissen wir doch nie genau, wie dieses Happy End aussehen wird. Die Antagonistin tut alles, um das Happy End zu verhindern, auch wenn sie es sich innerlich vielleicht wünscht, weil es irgendetwas gibt, das für die Antagonistin nicht mit einem Happy End zusammenpasst.

Die Protagonistin weiß von diesen Hindernissen nichts, sie merkt nur die Auswirkungen, nämlich dass ihre Liebe nicht so selbstverständlich erfüllt und erwidert wird, wie sie sich das vorstellt. Wenn man in die Vogelperspektive wechselt, kann man der Leserin sagen, was mit der Antagonistin los ist, warum sie nicht auf die Liebesbezeugungen eingeht oder nicht so, wie man das erwartet, aber dann ist das Rätsel gelöst, und somit wäre das Buch dann zu Ende.

Vor allem fehlt in dieser Perspektive auch das Gefühl, das von innen heraus vermittelt wird. Man sieht alle Dinge und Personen nur von außen. So können zwar schnell Informationen vermittelt werden, aber ein Liebesroman ist ja kein Sachbuch, in dem es in erster Linie um die Vermittlung von Informationen geht. Es geht um die Vermittlung von Gefühlen.

Deshalb sollte man diese Perspektive soweit wie möglich vermeiden. Sie reißt die Leserin aus der Atmosphäre, aus den Gefühlen, aus der Betroffenheit. In einem Liebesroman ist es jedoch das Allerwichtigste, dass das nicht geschieht.

Wenn man sich eindeutig in die Perspektive der Protagonistin versetzt, wenn die Protagonistin zum Alter Ego der Autorin wird, wird sich die Leserin mit der Geschichte sehr viel wohler fühlen, weil sie die Gedanken und Gefühle der Protagonistin nicht nur nachvollziehen, sondern sogar mitempfinden kann. Und weil man genauso wie die Protagonistin rätseln muss, die Antagonistin und deren Probleme entschlüsseln muss, bis zum Ende nichts darüber weiß.

Und so sollte es sein. laughing

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