20 Jahre el!es

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit – und doch sind sie gleichzeitig wie im Flug vergangen, wenn ich das jetzt so rückblickend betrachte. Jedes Jahr wurden es mehr Bücher, die wir herausgebracht haben, die Arbeit wurde mehr, immer mehr Autorinnen fanden zu el!es und wollten bei uns ihre Manuskripte veröffentlichen. Dann starteten wir den Lesbischen LiteraturPreis, und es wurde noch mehr. Da wir den LLP zum zehnjährigen Jubiläum von el!es das erste Mal veranstaltet hatten, hat auch er dieses Jahr ein Jubiläum: 10 Jahre Lesbischer Literaturpreis.

Mit einem einzigen Buch begann ich im Jahre 1996, mit »Taxi nach Paris«. Damals wusste ich wirklich nicht, was daraus werden würde. »Taxi« war einfach ein Buch, das ich unbedingt schreiben, eine Geschichte, die ich unbedingt erzählen wollte. Eine Geschichte, die es so noch nicht gab. Denn lesbische Literatur war damals – man sollte es kaum glauben – fast noch ein Fremdwort in Deutschland. Es gab sehr wenige lesbische Bücher, meistens Krimis, und die meisten davon waren Übersetzungen aus dem Englischen, ganz selten auch aus anderen Sprachen. Deutsche Autorinnen oder Geschichten, die in Deutschland spielten, interessierten die Verlage anscheinend nicht. Liebesgeschichten offenbar auch nicht. Obwohl die kurzen Stellen in den Lesbenkrimis doch so herrlich kribbelten. wink

Ich fand das merkwürdig und war so naiv zu glauben, es gäbe gar keine deutschsprachigen lesbischen Autorinnen. Obwohl es mich selbst gab, und ich war ja eine deutsche lesbische Autorin. War ich wirklich so etwas Besonderes? So ein Einzelfall? Das konnte doch nicht sein. Also dachte ich, wenn ich »Taxi« den Verlagen anbiete, werden sie sich darauf stürzen, weil sie das Buch dann nicht erst übersetzen müssen (das kostet eine Menge Geld) und weil endlich einmal Deutschland der Schauplatz ist, das Land, das deutsche Leserinnen am besten kennen und über das sie etwas lesen wollen, weil es ihren persönlichen Alltag, ihr persönliches Umfeld, ihre persönliche Situation widerspiegelt. Über Lesben in Deutschland hätte ich gern mehr erfahren, nicht über Lesben in Amerika oder sogar Japan. Solche Bücher gab es bereits, während Deutschland praktisch ausgespart wurde.

Aber leider hatte ich mich da getäuscht. Es war wohl Absicht, dass Deutschland nicht vorkam und deutsche Autorinnen kaum veröffentlicht wurden. Die Verlage beziehungsweise die Lektorinnen, die für die Prüfung solcher Manuskripte zuständig waren, waren alle entweder nur daran interessiert, feministische Literatur (die mir seit der Flut davon, mit der wir seit den 70er Jahren erschlagen worden waren, langsam zu den Ohren heraushing) oder sozialkritische Literatur (wichtig, aber in einem Liebesroman nicht unbedingt die oberste Priorität) zu veröffentlichen.

Einfache Geschichten zur Entspannung, eventuell noch mit ein bisschen Erotik, lehnten sie ab. Sie gönnten ihren Leserinnen keine Entspannung oder Unterhaltung, sie wollten sie missionieren, erziehen, sie dazu bringen, die Politik, den Kampf um Emanzipation oder die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Bloß kein Privatleben, bloß keine Gefühle, bloß keine Liebe. Das war alles unwichtig. Nur politische Agitation und Manipulation, die immer wieder neue Beschäftigung mit unangenehmen Situationen, macht die Lesbe an sich zu einem guten Menschen.

Tja, so war das damals. cool Und teilweise ist es heute noch so. Wer außer el!es bringt denn wirklich entspannende, unterhaltende lesbische Romane heraus? Ich sehe da auf weiter Flur nichts. Eigentlich hat sich in den letzten zwanzig Jahren gar nicht so viel geändert. Und hätte ich el!es nicht gegründet, bestünde die deutschsprachige lesbische Literatur wohl immer noch aus Übersetzungen mit feministisch-sozialkritischem Inhalt, deprimierend und ohne jede hoffnungsvolle Perspektive, keinen süßen, spannenden, knisternden Liebesgeschichten. Erst als el!es dann Bücher mit diesen Themen herausbrachte, gab es plötzlich auch hie und da in den anderen Verlagen mal private Geschichten. Allerdings nicht zu viele, denn das Private ist ja so unwichtig.

Somit kann ich wohl sehr stolz darauf sein, dass ich die deutsche lesbische Literaturlandschaft – die es vor der Gründung von el!es vor zwanzig Jahren noch gar nicht gab – so verändert habe, dass ich den Anstoß dazu gegeben habe, auch einmal Bücher zu berücksichtigen, die die Leserin nicht in jedem Satz von einer politischen Ideologie überzeugen, sondern einfach nur unterhalten wollen, den Feierabend mit einer romantischen Geschichte versüßen.

Worauf ich allerdings fast noch ein bisschen stolzer bin, ist, dass wir mit el!es immer die Speerspitze der technischen Entwicklung waren. Bei el!es gab es schon ebooks, als die anderen Verlage noch gar nicht wussten, was das ist. smile Auf unserer Webseite konnten sich Autorinnen mit Leserinnen unterhalten, und in der el!es-Schreibwerkstatt konnte jede Lesbe, die gern ein Buch schreiben wollte, lernen, wie das geht, ohne einen Pfennig dafür bezahlen zu müssen. Das ist immer noch so, und ich bin immer wieder geradezu gerührt, wenn wir Manuskripte bekommen, in deren Anschreiben steht: »Ich habe im vergangenen Jahr die ganze Schreibwerkstatt auf Ihrer Seite durchgearbeitet, und nun habe ich ein Buch geschrieben, von dem ich hoffe, dass es Ihnen gefällt und dass Sie es veröffentlichen.«

Solche Autorinnen und solche Bücher brauchen wir, damit wir die Erfolgsgeschichte von el!es auch für die nächsten zwanzig Jahre fortsetzen können.

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