125 Jahre Agatha Christie

Dieses Jahr im September wäre Agatha Christie 125 Jahre alt geworden. Eine unheimlich lange Zeit, wenn man einmal zurückblickt, was in diesen 125 Jahren alles passiert ist. Als Agatha Christie im Jahr 1890 geboren wurde, hätte sie sich wohl nicht träumen lassen, was ihre Lebenszeit bis zum Jahr 1976 alles umfassen würde.

Noch in dem Zeitalter geboren, das man als das viktorianische bezeichnete, war die Welt für kleine Agatha eine ganze Weile ziemlich in Ordnung. 1901 starb Königin Victoria von England dann, und damit war die nach ihr benannte Epoche beendet.

In Agatha Christies Romanen lebte diese Zeit jedoch noch lange weiter, vor allem in der Figur der Miss Marple. In den ersten Kurzgeschichten um Miss Marple wird sie so beschrieben, wie man Königin Victoria oft auf Bildern sieht und wie viele alte Damen damals aussahen: ein Schleier über den aufgetürmten Haaren, Spitzenhalbhandschuhe an den Fingern und ein Kleid, das ein halbes Zimmer einnahm und rauschte wie ein Wasserfall, wenn man sich darin bewegte.

Spätere Bücher und vor allem die Verfilmungen zeigen uns eher eine ältere Dame in praktischem Tweed, aber so war Miss Marple ursprünglich nicht konzipiert. Agatha Christies Vorbild für diese Figur waren ihre eigenen alten Tanten, die allesamt der Generation Königin Victorias angehörten und dementsprechend gekleidet waren. Auch die neugierigen Eigenschaften, die Miss Marple meist nicht nur Sympathie einbringen, das Interesse an Nachbarn und allem, was im Dorf vor sich geht, hatte Agatha Christie den Verhaltensweisen ihrer Tanten entnommen, ebenso wie die zum Teil etwas harsche Betrachtungsweise menschlichen Verfehlungen gegenüber. Miss Marple ist also mehr ein Abbild der viktorianischen Ära und damit des 19. Jahrhunderts als die alte Jungfer des 20. Jahrhunderts, als die sie uns heute erscheint.

Mittlerweile gibt es ja auch andere Interpretationen der Figur, wie zum Beispiel die von Margaret Rutherford in den viel zu wenigen Filmen, die mit ihr als Miss Marple gedreht wurden, die unsere Wahrnehmung geprägt haben, aber diese Miss-Marple-Darstellung mochte Agatha Christie nie und hat Margaret Rutherford als Miss Marple abgelehnt, auch wenn sie sie sonst als Schauspielerin schätzte. Agatha Christie attestierte Joan Hickson – der Darstellerin der Miss Marple in der BBC-Serie – die größte Ähnlichkeit zu der von ihr erdachten Figur, wenn auch nicht der viktorianischen, sondern der, die sich später in den Romanen entwickelte.

Welche Figur man auch immer bevorzugt, die aus den Büchern oder die verschiedenen Interpretationen der Schauspielerinnen in Serien und Filmen, eins haben sie alle gemein: Sie sind selbst nach vielen, vielen Jahren immer noch populär. Die Bücher werden trotz ihrer Altertümlichkeit immer noch gern gelesen, und immer wieder gibt es neue Verfilmungen, und das, obwohl Agatha Christie verglichen mit ihrem Hercule Poirot Miss Marple äußerst stiefmütterlich behandelt hat. Es gibt erheblich mehr Poirot-Fälle als Miss-Marple-Fälle.

Offenbar gibt es aber ein großes Publikum für Miss Marple. Während man kaum Krimis findet – wenn überhaupt –, in denen der Held Hercule Poirot nachempfunden wurde, gibt es immer wieder an Miss Marple angelehnte Figuren. Das ging bereits in den Filmen mit Margaret Rutherford los, später dann gab es die amerikanische Serie Murder, she wrote („Mord ist ihr Hobby“) mit der pensionierten Lehrerin Jessica Fletcher, die als Amateurdetektivin ebenso wie auch als Krimiautorin sehr erfolgreich ist, es gibt sogar deutsche Krimis mit einer „Mimi Rutherfort“ als Protagonistin, die eine große Fangemeinde haben.

Bis zum letzten Jahr gab es einen Agatha-Christie-Krimipreis, der vom Fischerverlag vergeben wurde, leider wurde dieser Preis jedoch dieses Jahr eingestellt – ausgerechnet in Agatha Christies 125. Geburtsjahr. Man fragt sich wirklich, was sich der Verlag dabei gedacht hat. Hätte es nicht viel näher gelegen, gerade zu diesem besonderen Datum einen großen Preis zu veranstalten?

Am liebsten würde ich selbst einen Agatha-Christie-Preis veranstalten – als zusätzlichen Preis zum Lesbischen LiteraturPreis –, nur fürchte ich, es gibt einfach nicht genug Autorinnen, die Krimis im Stil von Agatha Christie schreiben können. Ich habe selbst ein wenig damit angefangen, solche Krimis zu schreiben, weil ich sie so vermisse, aber es ist nicht einfach. Heutzutage ist man so viel Blutrünstigeres gewöhnt.

Ich persönlich kann diesen Thrillern und brutalen Krimis ja nichts abgewinnen, aber da sie sich gut verkaufen, ist das Publikum wohl blutrünstiger als früher, denn sonst würden solche Bücher ja in den Regalen liegenbleiben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein großes Bedürfnis nach eher harmlosen Krimis wie denen von Agatha Christie, sonst würden sich ihre Bücher nach so vielen Jahren nicht immer noch verkaufen. Keiner der in ekelhaften Szenen schwelgenden Thriller-Autoren hat auch nur im entferntesten so einen Verkaufserfolg zu verzeichnen wie die große alte Dame.

Das gibt mir die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch die eine oder andere Autorin gibt, die die alte Tradition fortführt, sich knifflige Fälle ausdenkt, die eher an das logische Denken der Leserinnen appellieren als ihnen den Magen umzudrehen. Auch wenn Agatha Christie eine Ausnahmeerscheinung war, ich persönlich würde mich freuen, eine Autorin zu entdecken, die ihr ebenbürtig ist.

Wer also so eine Art Krimi in der Schublade hat – auch wenn die Heldin nicht lesbisch ist und es keine lesbische Liebesgeschichte gibt – ist herzlich eingeladen, das Manuskript an uns zu schicken. Wenn viele solcher Manuskripte kommen, mache ich gern eine Reihe el!es Agatha auf. cool

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment

People in this conversation

  • Ruth Gogoll
  • Catherine Fox
  • Catherine Fox

    Permalink

    Bin grad beim Stöbern hier auf diesen Beitrag gestoßen. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn el!es mehr Krimis herausbringen würde. Liebe Ruth, du hast das Zeug dazu. Nichts blutrünstiges, aber psychologisch ausgefeilt. Wie bei Poirot oder Miss Marple, wo man bis kurz vor Schluss nicht weiß, wer der Täter ist. Ich würde mich auch gern wieder an einem Krimi / Thriller wagen, aber wenn die Nachfrage nicht da ist... Es ist echt schade.:(

    Montag, 25. April 2016 15:52
  • Ruth Gogoll

    Catherine Fox Permalink

    Ja, Krimis ... meine große Liebe. :) Aber was will man machen? Anscheinend gibt es nicht genügend Krimiautorinnen. Ich suche immer mal wieder nach einem Krimi, den ich gern lesen würde, aber die meisten sind leider nichts. Unlogisch, nicht spannend genug, man weiß schon am Anfang, wer es war, oder es ist dann zum Schluss irgendjemand, der noch nie aufgetaucht ist.

    Agatha Christie hat immer eine ganze Handvoll Verdächtige erschaffen, von denen es jeder hätte gewesen sein können. Obwohl ich ihre Krimis praktisch auswendig kenne, weiß ich manchmal nach einiger Zeit nicht mehr, wer es war, weil so viele Indizien gibt, die auch auf andere hindeuten. Das ist eine große Kunst. Einen Krimi zu schreiben ist ganz schön viel Aufwand, wenn er so gut sein soll. Man muss eigentlich fünf Geschichten schreiben, für fünf Verdächtige. Und alles muss immer wieder in Frage gestellt werden. Nichts darf offensichtlich sein. Trotzdem muss man den Leserinnen gegenüber fair sein und die Hinweise streuen, damit sie auch beim Rätselraten mitmachen können.

    Sonntag, 1. Mai 2016 10:59
  • Catherine Fox

    Ruth Gogoll Permalink

    Ich spiele schon seit längerem mit dem Gedanken, "Zehn kleine Weihnachtsengel" als Krimi zu schreiben. Eine Weihnachtsgeschichte, angelehnt an Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein" oder wie es umbenannt wurde "Und dann gab´s keines mehr". Allerdings habe ich bei den LLPs immer wieder den Eindruck, dass bei mehr als 4 handelnden Personen die Leserinnen überfordert sind. Das hat mich bisher vom Schreiben dieser Geschichte abgehalten. Ich gebe zu, anfangs war ich bei Christies Roman auch überfordert, wie sie beschreibt, wie alle 10 auf verschiedenen Wegen anreisen bzw. schon auf der Insel sind, aber so nach und nach hält man die Männeln dann schon auseinander... :)
    Könntest du dir vorstellen, dass wir so etwas zusammen schreiben und keine von uns weiß, wer der Mörder ist? Wir murksen einen nach dem anderen ab und zum Schluss schauen wir mal, wenn wir dann als Mörder auswählen? ;)

    Sonntag, 1. Mai 2016 16:49

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche