Teil 01

Prolog

Theresa betrat das Haus ihres Nachbarn mit einem unguten Gefühl. Willi war einundachtzig und ein echter Eigenbrötler. Er kam mit niemandem aus. In der ganzen Umgebung war er verhasst, und niemand kümmerte sich um ihn. Nicht, dass er das überhaupt gewollt hätte. Dass er heute nicht schon misstrauisch aus der Tür geschaut hatte, als sie auf den Hof fuhr, war ungewöhnlich. Niemand betrat sein Grundstück, ohne dass Willi das kontrollierte und absegnete.

Theresa war die Einzige, die unangekündigt kommen durfte. Aus ihr nicht ganz einleuchtenden Gründen war sie in Willis Augen in Ordnung. Vielleicht lag es daran, dass sie beide so weit außerhalb des Dorfes wohnten und dadurch eine Art Zweckgemeinschaft bildeten. Vielleicht auch daran, dass sie beide ähnlich weltabgewandt lebten und er in ihr eine verwandte Seele sah. Oder daran, dass Willi auf sie zugekommen war und nicht umgekehrt – nachdem sie bereits ein Jahr lang fünfhundert Meter von ihm entfernt gewohnt hatte. Sie hatte ihn nicht bedrängt.

Was auch immer es war, in den letzten sechs Jahren hatte sich so etwas wie eine zurückhaltende Freundschaft entwickelt. Und jetzt, da Willi immer mehr abbaute, fühlte sie sich verpflichtet, ab und an nach dem Rechten zu sehen. Aber inzwischen war sie schon ein paar Wochen nicht mehr bei ihm gewesen und hatte ihn auch nicht zufällig in Feld und Flur getroffen, wenn sie nach ihren Bienenvölkern schaute.

Die alte Haustür hatte offen gestanden. Sie hatte angeklopft, aber keine Antwort erhalten. Zögerlich trat sie nun weiter in den Hausflur. Sie hatte immer das Gefühl, sich bücken zu müssen, wenn sie Willis Haus betrat, so niedrig war das alte Bauernhäuschen. Obwohl sie sich noch im Eingangsbereich befand, schlug ihr eine Welle von Mief entgegen. Das ganze Haus schien nach altem Mann zu stinken. Nach dreckigem altem Mann. Eine Mischung aus Urin, Schweiß, Alter, verkommenen Lebensmitteln und schlicht und ergreifend Dreck. Theresa versuchte nicht durch die Nase zu atmen. Sie ging die quietschende alte Holztreppe hoch – immer dem Geruch hinterher.

»Willi? Bist du da? Ich bin’s. Die Resi.«

Keine Antwort. Sie sah in die Küche und erschrak über den Zustand des Raumes. Überall vergammeltes Essen und Fliegen. Ein grün verschimmelter Rest Brot lag auf dem Küchentisch, und wie es aussah, war erst vor kurzem ein Stück davon abgeschnitten worden. Theresa wurde es fast übel bei dem Anblick. Die Rillen des alten Metallgriffs an der Tür schnitten ihr in die Hand, so fest hielt sie ihn. Dann schloss sie die Küchentür mit ihren Butzenfenstern wieder und wandte sich in dem verwinkelten, dunklen Flur zum Wohnzimmer.

»Willi?«, rief sie noch einmal.

Dieses Mal kam eine Antwort, ein heiseres »Ja«. Es hörte sich schwach an. Sie öffnete die Wohnzimmertür und hätte fast gewürgt.

Der Gestank war hier um ein Vielfaches potenziert. Und der Verursacher, der in einem alten Ohrensessel am Ofen saß, sah auch entsprechend aus. Willi war total verwahrlost. Seine Kleider wirkten, als habe er sie schon seit Wochen nicht gewechselt – vollkommen verdreckt. Die Hose hatte im Schritt verdächtige dunkle Flecke. Essensreste klebten an seinem karierten Hemd, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er war unrasiert, seine Haare eine graue, ungekämmte und fettige Matte. Seine Augen schimmerten glasig, und seine Wangen wirkten eingefallen. Theresa war geschockt. Dass die Lage hier so bedenklich war, hätte sie nicht erwartet.

Willi sah sie mit unstetem Blick an und schien etwas zu suchen. »Hast du heute Wolfi gar nicht dabei?«, fragte er schließlich mit undeutlicher Aussprache.

Wolfi, Theresas Hund, war schon seit drei Jahren tot. Und Willi hatte sein Gebiss nicht drin. Es lag vor ihm auf dem Tisch. Fliegen scharten sich darum und veranstalteten ein Volksfest.

Theresa überwand sich und trat in das stickige, stinkende Zimmer. »Wolfi? Der ist doch an Altersschwäche gestorben. Erinnerst du dich nicht?«, fragte sie Willi vorsichtig, während sie auf ihn zutrat. Der Ofen war kalt, und es war kühl im Raum, trotz der frühsommerlichen Wärme draußen. Da Willi anscheinend mit allem einschließlich persönlicher Pflege überfordert war, hatte er wohl auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelüftet. Vorsichtig sog Theresa die Luft zwischen den Zähnen ein, hatte aber trotzdem das Gefühl, hier drin ersticken zu müssen.

»Quatsch«, fuhr Willi plötzlich unerwartet kraftvoll auf. »Du warst doch noch gestern mit ihm zusammen hier. Da ist er doch noch draußen rumgesprungen wie ein junger Hund.« Merkwürdig, für dieses verärgerte Blaffen schien er noch Energie zu haben.

»Wolfi ist schon lange tot«, insistierte sie und flehte innerlich, dass bei ihm wieder so weit Klarheit einziehen möge, dass sie vernünftig mit ihm reden könnte. Dann wäre schon viel gewonnen. Aber ihre Hoffnung war vergebens.

»Wenn du mich weiter verarschen willst, kannst du dich auf was gefasst machen. So wie der Rest von der Saubande.« Willi drohte ihr jetzt sogar mit der geballten Faust. Er hatte ein fast unheimliches Funkeln in den Augen.

Vorsicht war angebracht, das wusste Theresa. Willi war schon öfter mal verwirrt gewesen, und das war bei ihm häufig gepaart mit Aggressivität. Heute schien es besonders schlimm zu sein. Und sie hatte keine Lust, mit einem stinkenden, gebrechlichen Greis ringen zu müssen, den sie eigentlich als Freund betrachtete.

»Scherz«, verkündete sie deshalb mit einem Grinsen und log um Willis Seelenfrieden willen: »Wolfi ist zu Hause und hütet die Schafe.« Es hatte keinen Zweck, auf der Realität zu beharren. Die war Willi offensichtlich abhanden gekommen. Zusammen mit dem Rest seines Verstandes und seiner Würde.

Statt einer Antwort brummelte Willi – jetzt wieder friedlich – nur vor sich hin.

Es führte kein Weg dran vorbei: Sie müsste die Nummer seiner Nichte heraussuchen und sie anrufen. Seit einiger Zeit schob sie das nun schon vor sich her. Willi hatte keine eigenen Kinder, war auch nie verheiratet gewesen. So viel wusste Theresa. Er hasste seine ganze restliche Verwandtschaft. Deshalb wollte sie ihm das eigentlich nicht antun. Aber wenn es so weiterging, läge er eines schönen, ziemlich nahen Tages hier tot in seinem Häuschen, und sie würde sich bittere Vorwürfe machen.


Maria Ossola, von allen außerhalb der Geschäftswelt Maia genannt, saß in der gefühlt fünftausendsten Sitzung ihres dreiunddreißig Jahre zählenden Lebens und fragte sich, ob sie etwas anderes hätte studieren sollen. Augen auf bei der Berufswahl, hatte Großonkel Willi immer gesagt. Jetzt war sie Managerin in einem international tätigen Unternehmen, das Heizkörper produzierte, und konnte sich in diesem Moment nichts Unsinnigeres auf der Welt vorstellen.

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