Teil 02

»Frau Ossola, die Zahlen stimmen hinten und vorn nicht.« Einer der Aufsichtsräte plusterte sich auf. »So können Sie wirklich nicht hier in der Sitzung auftauchen. Bei allem Verständnis für die kurze Zeit, die Sie zur Verfügung hatten.«

Sie hatte den Typen noch nie leiden können. Außerdem hatte er wohl auch noch recht. Das Schlimme war, dass ihr das fast gänzlich egal war. Diese Erkenntnis riss sie kurz aus ihrer Gleichgültigkeit – denn normalerweise war ihr nichts wichtiger als ihre Karriere, ihr Erfolg, ihr berufliches Standing. Sie war die geborene Managerin. Hatte sie zumindest immer gedacht.

Aber ihr Kopf fühlte sich mal wieder an, als sei er in Watte verpackt, und ihr Herz hämmerte schon seit dem frühen Morgen wie bei einem Marathon. Herzrasen, analysierte sie mit erstaunlicher Klarheit, während um sie herum Stimmen auf sie zubrandeten und wieder abebbten.

So ging das jetzt schon seit Wochen. Mal mehr, mal weniger. Sonst ignorierte sie diese Revolte ihres aufmüpfigen Körpers einfach. So wie sie in den letzten Jahren Schlafmangel, übermäßigen Stress und Verspannungskopfschmerzen übergangen hatte. Sich stets gezwungen hatte weiterzumachen, egal wie beschissen es ihr ging. Mit purem Willen. Und davon hatte sie Unmengen.

Aber dass der sich irgendwann verabschieden würde, war nicht eingeplant gewesen. Schon gar nicht jetzt gerade, in diesem chromblitzenden, pompösen Besprechungsraum im achtzehnten Stock auf einer Sitzung mit den Aufsichtsräten, bei der es um die anstehende Messe in Hongkong ging und den sich rasant entwickelnden chinesischen Markt. Für dessen Einschätzung sie zuständig war. Sie sollte China von hinten aufrollen, am besten flächendeckend mit den von ihrem Unternehmen hergestellten Heizkörpern überziehen und damit eine Gewinnmarge produzieren, die den Herren Aufsichtsräten die Dollarnoten aus den Ohren quellen lassen sollte.

Wenn es allerdings so weiterging wie die letzten Wochen, würde der Gewinn kleiner ausfallen. Sie war nicht in bester Verfassung, das musste sie sich zähneknirschend eingestehen. Das Gefühl der absoluten Überforderung überkam sie wieder, während die Zahlen, die der Beamer an die Wand warf, vor ihren Augen flirrten. Wenn sie jetzt nicht alles zusammennahm, was sie an Selbstbeherrschung und Konzentration noch übrig hatte, ergaben die verdammten Zeichen und Tabellen noch nicht einmal Sinn. Obwohl sie normalerweise für Zahlen lebte. Sie liebte es, mit ihnen zu jonglieren. Doch heute waren sie überhaupt nicht ihre Freunde. So mies hatte sich Maia noch nie gefühlt: vollständig energielos und gleichzeitig kurz vor der Explosion.

Ihr Chef schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, und versuchte ihr beizustehen auf seine unfähige Art: »Von jemandem mit Ihren italienischen Wurzeln hätte ich mehr Leidenschaft für die Sache erwartet, Frau Ossola.« Er grinste in die Runde und fand seinen Witz über ihren italienischen Nachnamen wahrscheinlich gelungen.

Den Versuch musste sie ihm wohl anrechnen. Aber Herrgott noch mal, sie stammte aus einer Familie von Waldensern und war so deutsch, wie es nur ging. Ihre Vorfahren waren seit dem 17. Jahrhundert im Land. Sie sprach noch nicht einmal italienisch. Und das wusste er auch – oder sollte er zumindest wissen.

Sie fing an, im Kopf zu zählen. Das half ihr normalerweise immer, sich zu beruhigen. Heute war es vergebens. Sie kam bis zwölf. Dann fing sie an zu kichern.

Sie wusste noch nicht einmal, weshalb. Die Runde dachte zuerst, sie lache über den Scherz, und stimmte mit aufgesetztem Lachen ein. Als sie aber immer weiter kicherte und sich das Ganze noch steigerte, während die anderen alle angemessen schnell aufhörten mit ihrem künstlichen Amüsement, erntete sie ungläubige und zunehmend irritierte Blicke. Aber sie konnte beim besten Willen nicht aufhören. Ihre Gesichtsmuskeln schmerzten bereits, ihre Zähne schlugen immer wieder hart aufeinander, sie spürte unfeine Spuckefäden an ihren Mundwinkeln. Und obwohl sie all das in ihrem abgedrehten Zustand bemerkte, musste sie hysterisch weiterlachen. Tief aus dem Bauch, mit verzerrt klingenden Lauten.

Sie sah die entsetzten Mienen ihrer Vorgesetzten und Kollegen, und ihr Lachen wurde noch lauter. Ihr Würmer, schoss es ihr durch den Kopf, und gleichzeitig sah sie die Köderdose von Großonkel Willi vor sich, wenn sie mit ihm zum Angeln gegangen war in ihrer Kindheit. Wieso musste sie gerade so viel an Willi denken? Sie hatte ihn bestimmt schon zehn Jahre nicht gesehen. Dann kehrte wieder der Gedanke an die Würmer zurück. Wie sie sich gewunden hatten, bevor er sie auf den Haken gespießt hatte. Das war immer eklig gewesen. Die Erinnerung ließ sie abrupt verstummen.

Sie erhob sich, ließ ihre Unterlagen und ihren Laptop liegen und ging ohne ein Wort zu sagen aus dem Raum. Im Rücken spürte sie die Blicke der anderen, aber jetzt musste sie nur noch hier raus. Ihr Herz hämmerte in einem Tempo, dass sie das Gefühl hatte, es würde ihr gleich aus der Brust springen. Sie bekam keine Luft, und ihr Kopf wollte wie ein heliumgefüllter Ballon davonfliegen.

Noch im Hinauslaufen riss sie sich ihr Jackett vom Leib. Sie hielt es nicht mehr aus, darin eingezwängt zu sein. Über mit tiefem, weißem Teppich ausgelegte Flure mit teurer Kunst an den Wänden wankte sie planlos davon, bis die Rettung in Form der nächstgelegenen Toilette auftauchte. In dem stilvollen Raum zwängte sie ihren Kopf unter den Designer-Wasserhahn, der dafür nicht vorgesehen war und entsprechend wenig Platz bot. Eiskaltes Wasser lief auf ihre kunstvoll modellierte, blondgefärbte Hochsteckfrisur.

Während sie bis zweihundert zählte und sich ihr Puls dabei langsam beruhigte, wurde ihr klar, dass sie gerade so eine Art Nervenzusammenbruch gehabt hatte. Sie starrte in den Abfluss, wo das Wasser in stetem Strom verschwand. Das Wort Burnout schien über ihrem Kopf zu hängen wie ein Damoklesschwert.

Dann fing sie wieder an zu lachen. Sie riss den Kopf hoch, dass das Wasser nur so in dem eleganten Toilettenraum herumspritzte und ihr in Bächen auf die teure Seidenbluse hinunterfloss. Alles scheißegal.

1
In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit . . .

Die Frau am Fahrbahnrand hämmerte auf ein Smartphone ein. Hier draußen so tief im Odenwald hatte es keinen Empfang, das hätte Theresa ihr vorher sagen können. Und im Dunkeln auf der abgelegenen Landstraße konnte sie lange warten, bis jemand vorbeikommen würde. Theresa seufzte schicksalsergeben: außer ihr. Sie kam gerade vorbei. Ihr Gewissen ließ es nicht zu, dass sie einfach weiterfuhr.

Sie hielt ihren verbeulten Jeep rechts am Straßenrand und stieg aus.

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