Teil 03

»Was ist das Problem?«, fragte sie ziemlich barsch. Diese Aktion hier musste jetzt wirklich nicht sein. Hoffentlich ließ sich das Ganze in fünf Minuten über die Bühne bringen. Sie war erledigt und auch ein bisschen in Missstimmung, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass eines ihrer besten Völker geschwärmt war. Eine hervorragende Königin war ihr damit abhanden gekommen, und sie hatte den Schwarm trotz intensiver Suche nirgends gefunden. Sie hatte sich über sich selbst geärgert. Denn hätte sie das Volk in letzter Zeit besser kontrolliert, hätte sie die Schwarmstimmung bemerken müssen. Aber die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Jeden Tag zweimal zu Willi rüber, ihm Essen bringen, ihn je nach Stimmungslage zum Anziehen frischer Kleider animieren, die gröbste Schweinerei in seinem Häuschen wegräumen . . . Und es war gerade Hochsaison in der Imkerei. Ihre hundert Völker hielten sie auf Trab. Aber geschwärmt war ihr schon seit langem kein Volk mehr, Zeitsorgen hin oder her.

Die Frau neben dem schicken, dunkel glänzenden Wagen sah ihr mit großen Augen entgegen. »Oh mein Gott«, stieß sie atemlos hervor, »bin ich froh, dass Sie angehalten haben. Ich habe einen Platten, und mein Handy schafft es nicht, zum Pannendienst durchzukommen. Haben Sie ein Handy dabei? Oder können Sie mich zur nächsten Werkstatt bringen?«

Theresa hätte fast losgelacht, so viel Unsinn war in diese paar Sätze gepackt. Aber was sollte man auch von so einer erwarten. Businessanzug, hochhackige Schuhe, kein Haar in Unordnung. Die Frau sah aus, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie an irgendwas Hand anlegen müssen, weil immer irgendjemand da war, der das machte. Wahrscheinlich hätte sie es lieber gehabt, dass ein Mann angehalten hätte. Der wäre auf das Hilflose-Frauchen-Schema mit Sicherheit ganz anders eingestiegen als Theresa. Sie war gegen so was hochgradig allergisch.

»Haben Sie ein Ersatzrad?«, fragte sie ungeduldig. Je schneller sie dieser Frau den Reifen gewechselt hätte, desto schneller wäre sie daheim und könnte endlich etwas essen. Ihr Magen knurrte, seit sie das ganze Gelände rund um ihren Bienenstand abgestiefelt war und alle Äste und Baumhöhlen nach ihrem Bienenschwarm abgesucht hatte. Und das war schon wieder Stunden her.

Mit einem irritierten Stirnrunzeln erklärte die Frau: »Ich habe keine Ahnung. Ich glaube nicht. Ich hab noch nie eines bemerkt.« Ihr war offensichtlich nicht klar, dass man einen Platten durchaus auch selbst beheben konnte. Solche hilflosen Pflänzchen lösten bei Theresa immer Unverständnis aus. Da kämpften Frauen nun schon so lange um ihre Gleichstellung, wollten emanzipiert sein und nicht als unterlegenes Geschlecht gelten, aber sobald es bei solchen Weibchen wie dieser hier um einen Glühbirnenwechsel ging, wurde nach einem Mann gerufen. Lächerlich und kontraproduktiv. So würden Frauen nie ernst genommen werden. Aber der anderen das jetzt zu erklären, würde sie nur Nerven kosten, und die Frau in den Pumps würde es vermutlich noch nicht einmal verstehen.

Theresa besah sich den Reifen vorn rechts. Tatsächlich, einfach nur platt. Dann trat sie zum Kofferraum. »Aufmachen okay?« Sie deutete auf den Kofferraumdeckel.

»Ja, aber da ist alles voll mit meinem Gepäck«, kam die zögerliche Antwort.

Theresa ignorierte das, öffnete den Kofferraum und fing an, die Taschen der Frau auf die Straße zu räumen.

Die protestierte: »Hey! Was machen Sie denn da?«

»Ersatzrad rausholen. Liegt unter der Kofferraumabdeckung«, gab Theresa knapp Auskunft. Nerviger ging es wirklich nicht. Wenn diese feine Madame mithelfen würde, ginge alles doppelt so schnell, aber die stand nur rum und schaute ungläubig auf ihre Taschen und Koffer.

Nachdem sie endlich den Boden des Kofferraums freigelegt hatte, hob Theresa die Abdeckung an, unter der wie vermutet das typische dünne Ersatzrad zusammen mit dem Radkreuz und dem Wagenheber lag. Sie selbst hatte ja für ihren Jeep immer ein normales Rad zum Auswechseln dabei. Doch dass Madame mit dem Ersatzrad nur langsam weiterfahren konnte und bald eine Werkstatt aufsuchen musste, war nicht ihr Problem. Immerhin: Alles war in einem gepflegten Zustand. Offensichtlich hatte die Dame eine gute Werkstatt. Oder der Wagen war so neu, dass alles noch frisch aus der Montagehalle war.

Wie auch immer, der Reifen würde sich nicht von selbst montieren. Theresa wuchtete das Rad heraus und rollte es nach vorn. Reifenwechsel war eine absolut einfache Angelegenheit, man wurde nur saumäßig dreckig dabei. Sie seufzte. Was soll’s. Ein paar Flecke mehr oder weniger auf ihrer Arbeitsjeans waren jetzt auch vollends egal.


Maia beobachtete, wie ihre gute Samariterin sich mit aller Kraft in das kreuzförmige Werkzeug stemmte – wie auch immer dieses Teil hieß, mit dem man Schrauben am Auto öffnete – und sich zum wiederholten Male nichts tat. Die Frau hatte Kraft, das war deutlich zu sehen. Und sie schien das auch nicht zum ersten Mal zu machen. Trotzdem rührten sich die Schrauben kein Stück. Ihre Helferin fluchte vor sich hin. Irgendwas von wegen Idioten, Pressluft und sollte unter Strafe stehen. Maia hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.

»Ihre Scheißwerkstatt hat die Muttern mit Pressluft angezogen. Die sitzen bombenfest«, stieß die Fremde schließlich ärgerlich hervor und stapfte zu ihrem eigenen Auto.

Ein paar Herzschläge lang befiel Maia Panik. Wollte diese Frau sie jetzt etwa hier zurücklassen? Sie kam sich so hilflos und dämlich vor. Die Frau war nicht gerade freundlich und zeigte offen, dass sie Maia für beschränkt hielt. Überhaupt war sie ein ganz und gar gefühllos wirkendes Exemplar ihrer Gattung. Ihr Gesicht sah im Licht der Autoscheinwerfer hart und vollkommen humorlos aus. Eine Meisterin der Kommunikation war sie auch nicht gerade. Bisher hatte sie keine fünf Sätze mit ihr gewechselt, obwohl sich Maia doch durchaus bemüht hatte, nachdem der erste Schock überwunden war. Waren die Frauen hier auf dem Land alle so wie ihre ungewollte abendliche Retterin? So abgearbeitet, so vorzeitig gealtert, so herb? Die Jeans und das T-Shirt machten den Eindruck, als würde sie jeden Tag darin arbeiten. Landwirtschaft vermutlich. Kurze, dunkle Haare – war wohl praktisch so. Zumindest sah die Frisur nicht nach mehr aus.

Maia beobachtete, wie die grobe Landwirtin in ihrem dreckigen alten Geländewagen herumwühlte und Sachen beiseiteräumte, deren Verwendungszweck ihr ein Rätsel war. Holzkisten, merkwürdige Werkzeuge, dann zog sie ein metallenes Rohr hervor. Für einen Moment bekam Maia es erneut mit der Angst zu tun. Würde die Grobe damit jetzt auf sie losgehen? Aus Rache für die Pressluft?

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