Teil 04

Aber die Frau ging mit einem abfälligen Grunzen an ihr vorbei und stülpte das Rohr über eines der Enden am kreuzförmigen Werkzeug. Sie fing an, am Rohrende zu drücken, dass ihr die Muskeln an den Oberarmen anschwollen. So viel war Maia klar, dass sie jetzt einen längeren Hebel hatte und damit mehr Kraft auf die festsitzenden Schrauben ausüben konnte. Kurz war sie von der Cleverness der anderen beeindruckt. Bis die Frau wieder anfing zu fluchen.

»Verdammte Bullenscheiße.«

Ihr Vokabular sprach nicht gerade für gute Manieren und gepflegten Umgang. Was für ein derber, roher Klotz diese Frau doch war. Aber Maia musste dankbar sein, dass sie gehalten hatte und ihr half. Auch wenn es nicht so aussah, als ob das mit dem Reifenwechsel etwas werden würde.

Die Frau steckte das Rohr noch einmal in ein anderes Ende des Radkreuzes ein, so dass es tiefer und parallel über dem Boden lag. Maia beobachtete verwundert, wie sie mit ihren derben Arbeitsstiefeln schwungvoll auf das Rohrende sprang. Mit einem ohrenbetäubenden, quietschenden Geräusch gab die Schraube unter ihrem Gewicht nach.

»Na also«, brummte ihre Helferin zufrieden und machte sich daran, den anderen vier Schrauben genauso zu Leibe zu rücken. Mit einer gewissen Faszination sah Maia ihr dabei zu. Ungläubigkeit paarte sich mit Bewunderung. Die andere war inzwischen an Händen und Kleidung ziemlich mit schwarzer Schmiere versaut. Sogar im Gesicht hatte sie einen Streifen.

Sie müsste der Frau Geld für ihre Mühen geben, beschloss Maia. Die Kleider würde die Landwirtin wahrscheinlich wegwerfen müssen. Maia verstand zwar nicht ganz, warum sie sie nicht zum nächsten Telefon oder der nächsten Werkstatt gebracht hatte oder auch einfach nur zum nächsten Taxi, aber vielleicht war das so eine Art Ehrenkodex auf dem Land. Oder – die Erkenntnis kam unvermittelt und löste ein beklemmendes Gefühl aus – vielleicht war das hier draußen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, am späten Abend auch gar nicht so einfach.

Eigentlich hatte sie viel früher in Frankfurt wegkommen wollen. Sie hatte sich verschätzt, wie lange die Fahrt hierher in den abgelegensten Winkel des Odenwalds dauerte. Schließlich war sie schon Jahre nicht mehr hier gewesen. Genauer gesagt waren es exakt elf Jahre, seit sie Willi zuletzt besucht hatte. Zu seinem Siebzigsten. Deshalb plagte sie schon die ganze Zeit das schlechte Gewissen – seit sie krankgeschrieben war und Zeit hatte, über so einiges nachzudenken. Und umso mehr, seit sie von ihrer Mutter erfahren hatte, dass es ihm nicht gutging.

Willi war nicht wirklich ihr Großonkel. Sie waren weitläufiger verwandt. Ihre Mutter war seine Cousine zweiten Grades – oder irgend so was. Trotzdem war sie als Kind häufig bei ihm gewesen. Er hatte sich nicht daran gestört, dass sie ihre Nase die ganze Zeit in Büchern gehabt hatte. Es war ihm sogar recht gewesen, dass sie wenig redeten. Plappernde Kinder hatte er nicht leiden können, und Maia war das genaue Gegenteil gewesen. Der Rest der Welt fand die kleine Maia zu introvertiert. »Verstockt«, hatte ihre verhasste Tante Edeltraut immer gesagt. Aber Großonkel Willi war damals ihr Verbündeter gewesen.

Jetzt war sie die Abgesandte der Familie. Niemand anderes durfte ins Haus, der Rest der spärlichen Verwandtschaft hatte noch immer Besuchsverbot. Bisher hatte ihn eine Nachbarin mehr schlecht als recht versorgt. Wahrscheinlich irgendeine ältliche Witwe, die sich Hoffnungen auf eine Heirat mit Onkel Willi gemacht hatte. Die arme Frau konnte ihre Träume begraben: So wie Maia es verstanden hatte, war Willi nicht mehr der Alte. Sie würde sein Haus so weit auf Vordermann bringen, dass der Pflegedienst es betreten konnte. Und dann müsste man mal sehen. Vielleicht müsste sie auch ein Heim suchen. Das würde natürlich das Erbe schmälern, und wenn sie ihre Tante Edeltraut richtig verstanden hatte, sollte sie das um jeden Preis vermeiden. Aber ihre Tante konnte sie mal. Maia würde das machen, was für Willi am besten war. Wie praktisch, dass ich gerade jetzt Burnout gekriegt habe, dachte sie sarkastisch.

Ihre miesepetrige Retterin hatte inzwischen alle Schrauben gelöst und brachte das Ersatzrad in Position. Tatsächlich ging es jetzt ganz fix. Zügig drehte die Frau die Schrauben wieder hinein und zog sie an. Dann rollte sie den Reifen mit dem Platten um Maia herum und wuchtete ihn in den Kofferraum. Gott, musste die Muskeln haben, so leicht, wie das bei ihr aussah. Wahrscheinlich sah sie unter ihrer Kleidung aus wie eine russische Diskurswerferin der siebziger Jahre. Maia mochte Frauen lieber feminin. Obwohl sie wusste, dass viele Lesben auf durchtrainierte Körper standen und auch viele ihrer Bekannten bei den Nacktfotos von Abby Wambach glasige Augen bekamen. Die amerikanische Fußballerin hatte sich in Kämpferinnenpose ablichten lassen, jeder wohldefinierte Muskel zeichnete sich ab, und Maia war bei dem Anblick das Wort Kriegsgöttin in den Sinn gekommen. Ästhetisch, zweifellos, aber nicht ihr Beuteschema.

Die Frau, die sich gerade die Schmiere von den Händen wischte, war jedoch sowieso mit Sicherheit eine Hetera. Hier auf dem Land gab es bestimmt gar keine Lesben. Außerdem brauchte die Lesbenwelt keinen so ungehobelten Klotz in ihren Reihen. Es gab schon genügend Vorurteile. Da musste so eine sie nicht auch noch bestätigen.

Maia zog schnell einen Fünfziger aus ihrer Geldbörse. Die Frau hatte sich schon ohne ein weiteres Wort zu ihrem Auto gewandt und wollte sie offensichtlich nach getaner Arbeit einfach stehenlassen.


»Warten Sie«, rief es hinter ihr.

Theresa wischte sich die Hände mehr schlecht als recht an einem alten Lappen ab und rollte die Augen. Was war denn nun noch? Sollte sie der anderen auch noch das Gepäck wieder einräumen, war Madame sich auch dazu zu schade? Nicht genug, dass sie die ganze Zeit glotzend danebengestanden hatte, während Theresa sich an den blöden Radmuttern fast einen Bruch geholt hätte. Sie hatte auch nicht ein einziges Mal gefragt, ob sie mit irgendwas zur Hand gehen konnte, und sei es nur irgendetwas halten oder reichen. Wie eine Bedienstete hatte sie Theresa behandelt. Als ob sie in der Werkstatt einen Service durchführen ließe.

Die Schmiere wollte einfach nicht abgehen, und Theresa gab den Versuch auf, ihre Hände einigermaßen sauber zu kriegen. Sie würde daheim mit einer Spezialpaste ans Werk gehen müssen. Wortlos drehte sie sich um, warf den Lappen in den Kofferraum und wartete, was kommen würde. Sie würde es ihrem Gegenüber nicht leicht machen. Wenn sie mit dem Gepäck anfinge, würde sie ihr die Meinung geigen.

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