Alice im (neuen) Wunderland

„Alice, Alice, was machst du denn da?“ Humpty Dumpty rollte heran und rollte gleichzeitig die Augen.

„Ich muss hier raus! Ich muss auf die andere Seite zurück!“ Wieder klopfte Alice heftig gegen die verspiegelte Scheibe, die auf der anderen Seite ein ganz normaler Spiegel war. Von dieser Seite aus konnte sie sogar hindurchsehen, während man von der anderen Seite nur sein eigenes Spiegelbild sah.

„Du erschreckst den Mann wieder“, wandte Humpty Dumpty ein. „Er sieht dich doch nicht.“

„Er muss mich sehen! Ich sehe ihn doch auch!“

„Wenn das logisch wäre, wärst du nicht hier“, sagte Humpty Dumpty.

„Ach, du immer mit deiner Logik!“ Alice ließ sich auf den Boden fallen und sank in sich zusammen. Ihren Rücken an die Wand gestützt zog sie die Knie an, legte ihre Arme darum und ihr Kinn obenauf. „Ich will nach Hause!“

„Aber Kind, hier ist dein Zuhause. Das da drüben träumst du nur, das ist nicht echt.“ Humpty Dumpty ruckelte an seiner Krawatte. „Außerdem ist er lange nicht so schön wie ich.“

Alice zog einen Mundwinkel hoch. „Eingebildet bist du gar nicht.“

„Nein, überhaupt nicht. Ich sage immer die Wahrheit.“

Alice musste lachen. „Ja, sicher.“

Sie saß eine Weile da, und ihr Gesichtsausdruck wurde trauriger und trauriger.

„Komm, wir spielen etwas“, sagte Humpty Dumpty. „Dann kommst du auf andere Gedanken. Ein Rätsel. Was –?“

„Ich mag nicht mehr!“ Alice unterbrach ihn mit Tränen in den Augen. „Ich will nach Hause, einfach nur nach Hause. Verstehst du das denn nicht?“

Humpty Dumpty sah etwas überfordert aus. „Dann ein Gedicht“, sagte er. „Gedichte gehen immer.“

Er holte tief Luft und wollte beginnen, da unterbrach Alice ihn erneut. „Deine Gedichte haben nie ein Ende, und sie haben keinen Sinn, keine Bedeutung.“

„Keine ... Bedeutung?“ Humpty Dumpty wäre rot angelaufen, wäre er nicht ein Ei gewesen, das niemals die Farbe wechselte. Aber seine Krawatte schien ein wenig rot zu werden.

„Nicht die geringste“, erwiderte Alice, noch trauriger als zuvor. „Du denkst dir einfach irgendwelche Wörter aus und reihst sie aneinander. Und dann gibst du den Wörtern irgendwelche Bedeutungen, die aber niemand versteht, nicht einmal du selbst. Das heißt, zum Schluss haben sie keine Bedeutung mehr.“ Sie schaute Humpty Dumpty an. „Ich glaube, du weißt gar nicht, dass Wörter eigentlich dafür da sind, damit die Leute sich verstehen. Du willst niemanden verstehen und willst auch nicht verstanden werden. Aber ich –“, sie schluckte, „ich will das. Ich will die Menschen verstehen. Deshalb lese ich Bücher. Und ich will verstanden werden. Deshalb rede ich, und deshalb schreibe ich.“

„Verstehen, verstehen!“ Humpty Dumpty wedelte wegwerfend mit einer seiner großen Hände. „Du verstehst gar nichts!“

Alice erhob sich und klopfte etwas Erde von ihrem Kleid. „Ich glaube, du verstehst nicht. Du bist ein Ei, kein Mensch.“

„Das ist soooo provokativ!“, schrie Humpty Dumpty. „Mich ein Ei zu nennen!“

„Aber du bist eins“, stellte Alice fest, während sie ihre Blicke über Humpty Dumptys runden Körper gleiten ließ. „Die ganze Zeit, die ich hier bin, hast du dich nie verändert. Deine Form ist immer dieselbe. Eiförmig.“

Humpty Dumpty holte vor Empörung so tief Luft, dass Alice einen Moment dachte, seine Schale würde platzen, aber natürlich tat sie das nicht, sie dehnte sich noch nicht einmal aus. Manchmal dachte Alice darüber nach, wie das möglich war, aber nicht in diesem Moment.

Sie hatte gar keine Gelegenheit dazu, denn Humpty Dumpty atmete aus, und eine Art Wirbelsturm kam aus seinem breiten Mund, der Alice erfasste und gegen den Spiegel schleuderte.

Sie schrie auf, denn so etwas hatte Humpty Dumpty noch nie getan, aber bevor sie ebenso wie er ihrer Empörung Luft machen konnte, lag sie am Boden. Und auf dem Boden war ein weicher Teppich, der ihren Fall aufgefangen hatte.

Ein Teppich? Sie blieb einen Augenblick liegen. Vorsichtig strich sie links und rechts mit den Fingern neben sich entlang. Sie spürte die Fasern an ihren Fingerspitzen. Teppich, ganz eindeutig.

Sie richtete sich auf, blieb aber sitzen. Dann schaute sie sich um. Das Zimmer erinnerte sie an irgendetwas, aber auch wieder nicht. Die Möbel sahen merkwürdig aus.

Langsam kam ihr zu Bewusstsein, dass sie wohl auf der anderen Seite des Spiegels sein musste. Tatsächlich? Auf der anderen Seite des Spiegels?

Ein Lächeln überzog ihr Gesicht. Auf der anderen Seite des Spiegels. Zu Hause.

Sie runzelte die Stirn. Aber das hier war nicht ihr Zuhause. Es war nichts, was wie irgendein Zuhause aussah, das sie kannte. Der Mann, der hier wohnte, war nur einer von vielen gewesen, die sie hinter dem Spiegel gesehen hatte, aber sie kannte ihn ebenfalls nicht.

Sie stand auf, vorsichtig, als ginge sie auf Eiern – Humpty Dumpty! Wo war er?

Sie drehte sich um. Da war ein Spiegel. Sie ging darauf zu. Ihr Spiegelbild blickte ihr entgegen. Ihr Spiegelbild? Nein, das war nicht ihr Spiegelbild! Das war eine völlig fremde Frau! Eine Frau, kein Kind. Sie war doch erst siebeneinhalb Jahre alt. Diese Frau war mindestens – Nein, sie konnte nicht sagen, wie alt sie war. Auf jeden Fall aber war sie sehr viel älter als siebeneinhalb.

Alice fühlte, wie ihr Magen knurrte. Sie hatte schon eine ganze Weile nichts mehr gegessen. Hatte sie überhaupt gegessen? Sie wusste es nicht mehr.

Sie wandte sich vom Spiegel ab und sah sich erneut um. Hier gab es nichts zu essen. Bücher an der Wand und auf dem Tisch. Das war eine Bibliothek.

Nach rechts und links blickend machte sie einen Schritt nach dem anderen auf die Tür zu. Dann huschte sie hindurch, als könnte sie auf der anderen Seite wieder etwas Unerwartetes erwarten und sie musste dem schnell entkommen.

Und in der Tat: Unerwartet war es, was sie sah. Es schien eine Art Diele zu sein. Schuhe standen auf einem Bänkchen, Mäntel hingen an der Garderobe. Aber alles sah furchtbar fremd aus. Die Schuhe waren ... Sie zog die Augenbrauen zusammen. Wofür waren die wohl gut?

Sie hob einen der Schuhe an und drehte ihn in den Händen. Der Schuh hatte keinen Absatz und war schrecklich bunt. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie wusste gar nicht, wie man diese Farbe nannte. Und es war kein Leder. Irgendein ... Stoff?

In diesem Moment hörte sie ein Geräusch. Es kam aus einer Tür auf der anderen Seite der Diele.

Da war jemand!

Alice erstarrte mit dem Schuh in der Hand.

Kurz darauf betrat ein Mann die Diele. Und erstarrte ebenfalls, als er Alice sah.

Sie starrten sich an, als ob sie der Schlag getroffen hätte.

Der Mann begann zuerst zu sprechen. „Was ... wie ... Wer sind Sie?“

Die Stimme war merkwürdig hoch für einen Mann. Aber nicht wirklich hoch.

Alice ließ den Schuh fallen. Er prallte mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf.

„Brauchen Sie Schuhe?“ Nun verzog sich das Gesicht des Mannes leicht. Anscheinend war er amüsiert.

„Ich ... nein ...“ Alice wusste nicht, was sie sagen sollte. „Wo bin ich?“, fragte sie endlich.

Die Augenbrauen des Mannes hoben sich. „In meiner Wohnung, würde ich sagen. Aber wie sind Sie hier hereingekommen?“ Sein Blick wanderte zur Tür.

Immer noch irritierte Alice irgendetwas an ihm. Vieles eigentlich. Seine Hosen waren nicht aus Tuch, sondern aus irgendeinem blauen Stoff, den Alice nicht richtig einordnen konnte. Wenn überhaupt, hätte sie gesagt, dass es so etwas wie der Stoff war, den man über Pferdewagen spannte, um die Ladung zu schützen. Aber so etwas trug man doch nicht.

Zudem trug er ein loses Hemd ohne Kragen und Knöpfe, und dann ... Alice betrachtete das Gesicht unter den kurzen, schwarzen Haaren. Eine Brille hockte auf der Nase, wie sie noch nie eine gesehen hatte. Dahinter funkelten amüsierte dunkle Augen. Kein Bart. Die Wangen schienen glatt und unbehaart wie die einer Frau.

„Ich ... Es tut mir leid, mein Herr.“ Alice knickste, wie sie es gelernt hatte.

Ein kurzer Moment der Stille, als der Mann sie überrascht ansah, dann lachte er. „Ich bin kein Herr.“

Alice schaute genauer hin. War das tatsächlich eine Frau? Eine Frau in Hosen, mit kurzen Haaren und offenbar ohne Korsett?

Diese Person, von der Alice immer noch nicht wusste, was sie war, trat nun auf sie zu. „Aber du scheinst mir ziemlich verwirrt zu sein.“

Ein Grollen schwang durch die Diele.

Die Person lachte. „War das dein Magen? Wie lange hast du nichts mehr gegessen?“ Dann schweifte der Blick über Alices Kleid. „Sieht ja cool aus, dein Outfit. Ist das der neueste Hype? Tut mir leid, ich bin da nicht so auf dem Laufenden.“

Als Alice nichts sagte, fuhr die merkwürdige Person fort: „Komm erst mal mit in die Küche. Ich wollte sowieso gerade einen Kaffee trinken. Und im Kühlschrank ist bestimmt auch noch was zu essen für dich.“

Aus der Nähe betrachtet entschied Alice, es musste eine Frau sein. Aber warum sah sie so komisch aus?

Da sich diese … Frau nicht weiter um sie kümmerte und schon in der nächsten Tür verschwunden war, folgte Alice ihr. Sie hatte wirklich Hunger.

Die Küche war noch merkwürdiger als die Diele. Es gab keinen Herd, wie Alice es kannte. Dafür stand viel herum, von dem sie keine Ahnung hatte, wofür es sein sollte.

„Ich fürchte, ich bin nicht besonders gut ausgestattet“, empfing sie die Frau, die vor einem geöffneten Schrank stand, aus dem Licht herausstrahlte. „Ich lebe allein.“

Eine Kerze im Schrank? Alice wunderte sich.

„Hier ist noch ein Rest Pizza, willst du den?“ Die Frau blickte sie fragend an.

Als Alice nicht antwortete, nahm die andere einen Behälter aus dem beleuchteten Schrank und stellte ihn auf den Tisch. „Muss aber erst noch in die Mikrowelle, ist eiskalt.“ Sie schloss die Schranktür.

„Die Kerze!“, rief Alice und wies aufgeregt auf die nun geschlossene Tür.

„Kerze?“ Die Frau runzelte die Stirn. „Was meinst du?“

„Sie brennt doch da drin weiter. Alles wird verbrennen“, erklärte Alice.

„Im Kühlschrank?“ Die Frau schmunzelte. Dann glitt ihr Blick erneut über Alices Kleid. „Bist du irgendwie … altertümlich aufgewachsen? Amisch oder so? Dein Kleid …“

„Was ist mit meinem Kleid?“ Alice schaute an sich hinab. Sie war gewachsen, das war eindeutig. Aber ihr Kleid war ihr nicht zu klein geworden. Es schien mitgewachsen zu sein. Ein Kinderkleid, nur jetzt so groß, wie sie es benötigte.

„Nun ja …“ Die Frau lächelte. „Es ist alles in Ordnung. Iss erst mal.“ Sie nahm den Behälter, es machte ein ploppendes Geräusch, wie wenn die Jungs auf der Straße schnell den Finger aus dem Mund zogen, dann nahm sie eine Art belegtes Brot heraus und öffnete eine Tür in einem kleineren Schrank, schob das Brot hinein, schloss die Tür wieder und drückte auf einen Knopf. „Eine halbe Minute“, sagte sie. „Aber jetzt erst mal Kaffee.“

Wieder tat sie nicht das, was Alice erwartete. Sie setzte keinen Wasserkessel auf den Herd. Wie hätte das auch gehen sollen? Es gab ja gar keinen Herd.

Im Hintergrund summte es, als ob sich ein Fliegenschwarm in die Küche verirrt hätte, und aus der kleinen Tür, hinter der das Brot lag, fiel ein wenig Licht auf den Boden. Alice starrte ungläubig darauf, denn wenn sie das richtig sah, drehte sich der Teller in dem Schrank ganz von selbst. Zauberei!

Mittlerweile hatte die Frau irgendetwas in ein Gefäß getan und wieder auf einen Knopf gedrückt. Sie hatte viele Knöpfe. So viele Knöpfe an irgendwelchen Schränken hatte Alice noch nie gesehen. Jedenfalls keine, die man drücken konnte.

Die Frau lächelte erneut. „Du redest wohl nicht gern. Verrätst du mir wenigstens deinen Namen?“

„Alice“, sagte Alice.

„Ich bin Mara“, sagte die andere Frau. „Freut mich, dich kennenzulernen, Alice. Willst du dich nicht setzen?“ Sie wies auf einen Stuhl, der am Tisch stand. Oder … war das ein Stuhl … und war das ein Tisch? Beides war sehr hoch, wie eine Theke mit Stühlen davor, deren Beine viel zu lang waren.

Die Frau ließ sich auf einen der Stühle gleiten. Man saß darauf ein bisschen wie auf einem Pferd.

In diesem Moment klingelte es. Nein, es klingelte nicht, es machte nur kurz „Pling!“

Die Frau stand wieder auf und nahm einen Teller aus einem Schrank, der oben an der Wand hing. Sie ging damit zu dem kleinen Schrank mit der Glastür, öffnete sie und nahm das Brot mit einem Schieber heraus. Es dampfte, als wäre es in dieser kurzen Zeit heiß geworden. Aber das konnte ja nicht sein. Alice fiel auf, dass der Fliegenschwarm aufgehört hatte zu summen.

„Hier“, sagte Mara und stellte den Teller auf den Tisch. Oder die Theke. Was immer es war. „Vorsicht. Sehr heiß.“ Sie machte eine auffordernde Handbewegung. „Möchtest du lieber Saft oder Wasser? Vielleicht ist Kaffee ja nicht so dein Ding. Du siehst sehr jung aus. Wie alt bist du eigentlich?“

„Siebeneinhalb“, sagte Alice und zog sich ein wenig an einem dieser merkwürdigen Stühle hoch, um sich zu setzen.

Die Frau begann schallend zu lachen. „Schon in Ordnung, du willst es mir nicht sagen. Du findest wohl, ich bin zu neugierig. Addieren wir noch zehn dazu, dann kommt es wohl eher hin. Siebzehn?“

Alice starrte fasziniert auf das dampfende Brot. Vorsichtig berührte sie den Rand mit einem Finger und zog ihn gleich wieder zurück.

„Ich sagte ja, es ist heiß“, bemerkte Mara, zog eine Schublade auf und legte Messer und Gabel vor Alice hin. Dann schaute sie Alice forschend an, ging zum Kühlschrank, nahm ein Tetrapak mit Saft heraus und goss etwas in ein Glas, das sie ebenfalls vor Alice hinstellte. „Hier, der Saft ist kalt. Und für die Pizza nimmst du wohl besser Messer und Gabel. Aber trotzdem Vorsicht.“

„Das Brot … ist heiß“, stotterte Alice.

Mara hob die Augenbrauen. „Sage ich doch die ganze Zeit. Die Mikrowelle –“ Sie brach ab und ließ ihren Blick erneut über Alices Kleid gleiten. „Ich habe es gerade erst gebacken“, fügte sie vorsichtig hinzu. „Das ist ein Ofen.“

„Sieht nicht aus wie ein Ofen“, sagte Alice. „Und du hast gar kein Holz reingetan. Außerdem ging es so schnell.“

„Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt erst einmal isst“, sagte Mara. „Sonst ist es nämlich gleich wieder kalt.“ Sie musterte Alice mit einem merkwürdigen Blick.

Alice vergaß für einen Moment die merkwürdige Umgebung, denn das Brot duftete verführerisch. Sie schnitt ein Stück ab und schob es sich mit der Gabel in den Mund. Es schmeckte wie nichts, was sie je gegessen hatte. Sie nahm einen Schluck Saft. „Orange!“, rief sie begeistert aus. „Du hast Orangen im Garten?“

„Nicht direkt …“, antwortete Mara gedehnt. Ihr Blick wurde immer merkwürdiger. „Ich muss mal gerade …“ Sie wies unbestimmt zur Tür hinaus. „Kommst du allein zurecht?“

Alice nickte mit vollem Mund.

Mara ging zum Telefon und wählte schnell eine Nummer. „Susanne? Hast du gerade viel zu tun? Ich glaube, ich habe hier eine … Ausreißerin. Aber es ist alles mehr als merkwürdig.“

„Eine Ausreißerin? Wo hast du die denn aufgegabelt? Am Bahnhof?“

„Nein, ehrlich gesagt … in meiner Diele“, murmelte Mara unentschlossen.

„Sie ist bei dir eingebrochen?“ Susanne holte tief Luft. „Ach, diese Kinder immer … Gut, dass du mich angerufen hast und nicht die Polizei. Wer weiß, was da wieder los ist.“

„Deshalb dachte ich, du als Sozialarbeiterin –“

„Ja, klar.“ Susanne lachte. „Es ist aber nicht ein Szenario aus einem deiner Bücher, oder?“

„Nein.“ Mara schüttelte heftig den Kopf. „Ganz und gar nicht. Solche Bücher schreibe ich nicht, das weißt du doch.“

„In was für einem Zustand ist sie?“, fragte Susanne. „Ist sie aggressiv? Drogen, Alkohol, Prostitution?“

Mara lachte leicht. „Glaube ich nicht. Sie behauptet, sie ist siebeneinhalb. Im Moment sitzt sie bei mir in der Küche, isst Pizza und trinkt Saft.“

„Siebeneinhalb?“ Susannes erstaunten Gesichtsausdruck konnte man sich lebhaft vorstellen. „Das heißt, sie ist psychisch beeinträchtigt? Zurückgeblieben?“

Einen Moment überlegte Mara. „Nein“, sagte sie dann. „Eigentlich macht sie nicht den Eindruck. Sie hat sehr wache, intelligente Augen.“ Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich glaube, sie wollte mich nur auf den Arm nehmen. Du weißt doch, wie Teenager sind: Fragst du sie was, fühlen sie sich gleich auf den Schlips getreten. Sie wollte nicht sagen, wie alt sie ist, aber ich würde schätzen, sechzehn, siebzehn. Manchmal wirkt sie jünger. Sie scheint weder Mikrowellen noch Kühlschränke zu kennen. Aber vielleicht …“, sie musste nun endgültig lachen, „ist das auch nur ein Scherz von ihr. Eventuell ist sie aber auch irgendwo aufgewachsen, wo es so etwas nicht gibt. Bei den Amischen, kam mir so in den Sinn.“

„Es gibt keine Amischen in Deutschland“, wandte Susanne ein. „Dann müsste sie aus Amerika kommen. Spricht sie Englisch?“

„Nein, Deutsch.“ Mara runzelte die Stirn. „Aber ich habe mal gelesen, dass die Amischen auch Deutsch in ihren Schulen lernen, weil sie viele Schriften von ihren deutschen Vorfahren haben, die sie im Original lesen wollen.“

„Hm, komisch klingt das schon“, sagte Susanne. „Ich komme. Aber sofort kann ich nicht da sein. Eine Stunde wird es wohl dauern.“

„Schon gut“, sagte Mara. „Ich glaube nicht, dass sie wegläuft. So sieht sie nicht aus. Sie hatte großen Hunger, vielleicht ist sie auch müde. Dann wird sie nach dem Essen schlafen.“

 

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