Ärger im Paradies (Neue Welt) - Teil 5

„Die Aufzeichnungen sind für jeden zugänglich?“, fragte Corey.

„Im Prinzip schon“, bestätigte Luhan. „Hier hat niemand etwas zu verstecken. Allerdings hatte ich nach etwas anderem gesucht. Nach der Analyse der Gen-Daten von Neoma und mir. Und die …“, sie machte eine kunstvolle Pause, „habe ich nicht gefunden, obwohl sie eigentlich da sein müssten.“

„Das kann ein Versehen sein“, meinte Corey langsam. „Menschliche Fehler kann man nie ausschließen. Aber andererseits –“

„Genau“, sagte Luhan. „Ich wäre nie darauf gekommen, wenn ich nicht eine Frau getroffen hätte, die ihre Daten ebenfalls nicht finden kann. Und die Fortpflanzungstechnikerinnen wissen selbst nicht, warum. Die Frau hat ebenso wie Neoma und ich mehrere Kinder. Sie müsste irgendwo verzeichnet sein.“ Sie holte tief Luft. „Und das war nur der Anfang. Als ich einmal misstrauisch geworden war, habe ich weitergesucht. Meine Reise in den Norden hat dasselbe bestätigt: Irgendetwas ist faul.“

„Ein Staat im Staat“, sagte Corey.

Neoma und Luhan schauten sie verständnislos an.

„Alte Erdengeschichte“, erklärte Corey. „In vielen Nationen gab es neben dem offiziellen Staat noch einen geheimen Staat, von dem niemand etwas wusste. Eine Organisation – oftmals sogar vom offiziellen Staat finanziert –, die aber nicht für den Staat, sondern gegen ihn arbeitete, im eigenen Interesse. Meist von einer Person ohne Gewissen geführt, die nur den eigenen Vorteil im Sinn hatte.“

Alle dachten sie das gleiche: Dahn.

„Aber was sollte ihr Interesse sein, ihr Vorteil?“, fragte Luhan. „Hier bei uns gibt es nicht viele Unterschiede. Wir arbeiten alle zusammen für das Wohl aller. Jede von uns.“

„Und trotzdem ist jede ein Individuum“, stellte Corey fest. „Mit sicherlich auch individuellen Zielen. So ist es überall. Auch ihr seid keine Ameisen.“

„Niemand kontrolliert Dahn“, sagte Neoma leise. „Jede Beauftragte ist genug mit ihrem eigenen Auftrag beschäftigt. Und alle anderen arbeiten jeden Tag für ihren Lebensunterhalt, kümmern sich um die Kinder, haben keine Zeit für Regierungsgeschäfte. Nur Thora hat den Überblick, unterhält sich mit allen.“

„Möglicherweise hat sie etwas herausgefunden“, vermutete Corey. „Warum lebt sie mit Dahn zusammen?“

Neoma lachte auf. „Das fragen wir uns alle! Besonders die, die schon einmal etwas mit Dahn zu tun hatten.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich war nur kurz mit Dahn zusammen, aber ich kann dir sagen, so etwas habe ich nie wieder erlebt. Sie ist wie keine Frau, die ich davor oder danach getroffen habe.“

Ein kaltes Gefühl kroch an Coreys Rücken hoch. „Ich habe Angst um Thora“, flüsterte sie. „Sie ist verschwunden.“

„Verschwunden?“ Zwei Augenpaare richteten sich auf sie.

„Ich denke, ja.“ Corey nickte langsam. „Bromila hat zwar behauptet, dass sie in die Minen gefahren ist –“

„Das kann ich rausfinden“, sagte Luhan sofort. „Die Minen sind mein Revier.“ Sie sprang auf und ging ins Nebenzimmer hinüber. Nach kurzer Zeit kehrte sie zurück. „Thora ist nicht verschwunden“, sagte sie. „Sie ist da. Genau wie Bromila gesagt hat.“

Erleichtert lehnte Corey sich zurück. „Und Dahn?“, fragte sie.

„Keine Spur.“ Luhan zuckte die Achseln. „Thora ist allein dort. Mit ihrem Gefolge.“

„Zu dem vielleicht zufällig eine Frau gehört, die den ersten Preis im Schlammcatchen gewonnen hat?“, fragte Corey sarkastisch.

Schlammcatchen war Neoma und Luhan kein Begriff, und Luhan hatte nicht gefragt, wer alles mit Thora mitgekommen war, aber das war auch überflüssig. Corey war überzeugt davon, dass Dahn Thora nicht ohne Bodyguard in die Minen hatte fahren lassen. Es war vielleicht tatsächlich ein ganz normaler Termin, der zu Thoras Aufgaben gehörte, aber Dahn ließ sie sicher nicht aus den Augen, auch wenn die Augen im Kopf einer anderen Person saßen.

Aber Dahn war definitiv nicht dort, und Corey traute sich durchaus zu, mit dieser Boxerfigur fertig zu werden. Ihre eigene Ausbildung in sämtlichen Kampftechniken, die es gab, sollte dazu mehr als ausreichen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es hier auf diesem Planeten eine Ausbildung gab, die dem auch nur entfernt nahekam.

„Ich muss in die Minen.“ Sie stand mit entschlossenem Gesichtsausdruck auf. „Ist das weit?“ Ihr Blick richtete sich fragend auf Luhan.

„Schon“, sagte Luhan. „Eine halbe Tagesreise. Selbst mit dem schnellsten Quad.“

„Gibt es Karten?“, fragte Corey. „Dann fahre ich sofort los.“

„Jetzt? Nachts?“ Neoma und Luhan schüttelten gleichzeitig den Kopf. „Das geht nicht.“

„Die Quads haben doch eine automatische Steuerung“, sagte Corey. „Die brauchen kein Tageslicht.“

„Und wenn du liegenbleibst?“ Luhan blickte zweifelnd. „Du kannst verdursten. Niemand würde dich finden, falls ein Sturm aufkommt.“

„Das Risiko muss ich eingehen“, sagte Corey. „Ich muss Thora sprechen, bevor sie in die Stadt zurückkehrt. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind da draußen die technischen Möglichkeiten beschränkt. Jedenfalls was die Überwachung angeht.“

„Sicher …“ Immer noch sah Luhan nicht überzeugt aus.

„Ich würde dasselbe tun“, sagte Neoma plötzlich. „Wenn du da draußen wärst.“ Sie hakte sich bei Luhan ein. „Ich kann Corey gut verstehen.“

Luhan überlegte einen Augenblick. „Gut“, sagte sie dann. „Aber ich lasse dich nicht allein fahren. Ich bin die Strecke schon so oft gefahren, ich traue mir zu, das auch im Dunkeln zu tun.“ Sie warf einen Blick auf Neoma.

Die nickte. „Das habe ich mir jetzt wohl selbst eingebrockt. Du hast recht. Zu zweit habt ihr bessere Chancen.“

Sie packten eine Menge Kema in das Quad, damit sie genug zu trinken hatten, und Neoma verabschiedete sich mit einem innigen Kuss von Luhan. „Kaum bist du da, bist du schon wieder weg“, sagte sie liebevoll. „Das nächste Mal erwarte ich, dass du ein bisschen länger bleibst.“

Luhan umfasste sie mit einem zärtlichen Blick. „Ich hatte mir das auch etwas anders vorgestellt.“

„Du musst nicht mitkommen“, sagte Corey.

„Doch.“ Luhan stieg ein und winkte Neoma kurz zu, dann fuhren sie los.

***

Es war noch immer nicht ganz hell, als sie in den Minen ankamen. Dass Thora in der Zwischenzeit zurückgefahren sein konnte, war kaum möglich. Niemand fuhr nachts. Nur Verrückte wie Corey.

Weil sie praktisch ohne Pause durchgefahren waren, fühlten sie sich völlig erschöpft, auch wenn sie sich mit dem Schlafen abgewechselt hatten. Corey war dankbar, dass Luhan dabei war. Sie kannte sich so gut aus, dass sie einige gefährliche Klippen auf der Strecke umschiffen konnten, denen Corey möglicherweise zum Opfer gefallen wäre. So gut war die automatische Steuerung nicht. Sie fuhr nur geradeaus.

Sie glitten eine staubige Sandstraße hinunter, an der links und rechts ein paar Hütten standen. Häuser konnte man das kaum nennen. Das Leben der Minenarbeiterinnen war in der Tat hart. Die kleine Ansiedlung bot kaum Komfort, geschweige denn Luxus. Kein Wunder, dass ein Besuch in der Stadt hier als Belohnung galt.

Luhan wies mit dem Kopf nach vorn. „Da ist mein Haus. Ich meine, das Haus, in dem ich normalerweise wohne.“ Sie hielt an. „Thora ist bei der Minenleitung untergebracht. Dort gibt es Gästequartiere.“

„Wo ist das?“, fragte Corey.

„Du kommst jetzt erst mal mit mir.“ Luhan wirkte entschlossen. „Die anderen werden mehr wissen. Bevor wir irgendetwas tun, sollten wir uns bei ihnen erkundigen.“

Coreys erster Impuls war zu widersprechen, aber dann sah sie ein, dass Luhan recht hatte. Sie kannte sich hier wesentlich besser aus, und jede Information konnte nützlich sein.

Sie betraten das Haus. Stille empfing sie. Doch das blieb nicht lange so. Die Arbeit in den Minen begann früh, und kaum hatte Luhan so etwas Ähnliches wie Kaffee zubereitet, um sich und Corey wachzuhalten, erschienen auch schon die ersten Arbeiterinnen.

„Luhan. Du bist zurück?“, begrüßte eine sie und nahm sich gleich einen Becher von dem dunkelgrünen Getränk. „Schon?“

Luhan nickte. „Ich höre, die Erste Beraterin ist hier?“

„Ja“, bestätigte die andere. „Aber viel sehen tun wir von ihr nicht.“

„Hängt immer nur mit der Minenleitung rum“, fügte eine ältere Frau hinzu, die auf schweren Stiefeln hereinschlurfte. „Gar nicht wie sonst, wo sie sich alles selbst angesehen hat.“

„Was ist denn los, dass die Minenleitung Beratung angefordert hat?“, fragte Luhan. „Als ich abfuhr, war nicht die Rede davon.“

Beide zuckten die Achseln. „Sie war plötzlich da. Wir wussten vorher gar nicht, dass sie kommt.“

Luhan hob die Augenbrauen und schaute Corey an. „Das ist merkwürdig“, sagte sie. „Sonst gibt es doch immer einen Anlass.“

„Ach, wer weiß schon, was in ihrem schönen Köpfchen vor sich geht?“ Mehrere Frauen, denn mittlerweile hatten sich noch etliche aus den Schlafquartieren zu ihnen gesellt, grinsten bei der Bemerkung. „Auf jeden Fall ist sie immer ein netter Anblick. Macht die Arbeit gleich viel leichter.“

„Na, dann ist sie eben nur als moralische Unterstützung gekommen“, stellte Luhan beiläufig fest. „Kann ja sein. Die Rohstoffproduktion ist schließlich wichtig.“ Sie ging zur Tür. „Übrigens, das ist Corey“, stellte sie vor. „Sie ist auch nur zu Besuch hier. Von der Erde.“

Eine der Frauen nickte. „So, du bist das“, sagte sie und musterte Corey von oben bis unten. „Hast dich bisher ja noch nicht bei uns blicken lassen. Die Erde interessiert sich wohl nicht sehr für uns.“

Corey lächelte. „So lange bin ich ja noch nicht da. Euer Planet ist groß. Und wie ihr seht“, sie nickte in die Runde, „seid ihr jetzt dran.“

Ehrlich gesagt war bei ihrer Mission nur ein oberflächlicher Kontakt vorgesehen. Zur Regierung. Alles andere wäre späteren Missionen vorbehalten. Corey war nichts weiter als eine Kundschafterin, die sich mit Details nicht lange aufhalten sollte – oder mit einzelnen Menschen. Sie sollte Daten sammeln, mit dem Regierungschef reden, das war’s eigentlich.

Aber wie schon so oft ging ihr Interesse weiter als ihr Auftrag. Allerdings war das Interesse momentan nur auf eine einzige Person gerichtet.

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  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

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    Da sich nicht alle nur für Abnehmen oder Rezepte interessieren, hier zum Sonntag etwas zu lesen. Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, ich habe schon sehr viel mehr geschrieben, und mir fehlen nur noch die letzten Seiten.

    Sonntag, 25. Oktober 2015 10:58

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