Das Ostergeschenk

Diese Geschichte hatte ich vor Jahren schon einmal unter »Was ich mir so denke« veröffentlicht, aber da sie so gut zu Ostern paßt, kommt sie jetzt noch einmal.

  ***

Ostern. Ein paar Tage ohne Hektik und Streß. Und was kann man sonst noch damit anfangen? Ostereier suchen bei el!es. Gut, das wäre eine Möglichkeit, aber auch damit ist man – schätzungsweise – kaum mehrere Tage beschäftigt. Was also noch?

Vielleicht wäre es ja mal eine gute Gelegenheit, eine neue Frau kennenzulernen? Am besten die Frau, die Frau, die Richtige, genau die, die ich brauche? Wenn sie nicht zu Ostern auf Mallorca ist . . .

Aber Lesbendisco an Ostern? Hat frau das schon je mal erlebt? Nein.

Also bleibt nur der konventionelle Weg. Sehe ich es den Frauen auf der Straße oder im Café an, ob sie lesbisch sind? Na ja, den meisten schon. Aber kann ich sie deshalb einfach so ansprechen? Hm. Große Frage.

Ich stelle mir das so vor: Ich gehe auf eine große, blonde, attraktive Frau zu und frage sie erst mal: »Bist du lesbisch?«

Dann schaut sie mich vermutlich schon etwas irritiert an.

War wohl nichts, denke ich, und will mich schon umdrehen, da lächelt sie und sagt: »Ja.«

So, jetzt steh’ ich da mit ihr. Und was mache ich nun?

Nein. – Nein, ich fürchte, diese Variante bringt’s nicht. Oder soll ich sie etwa zum Ostereiersuchen einladen? Was, wenn sie das falsch versteht?

Aber die Geschichte mit der Frau zu Ostern, die läßt mich nicht mehr los. Eine Frau als Ostergeschenk. Es ist nicht politisch korrekt, ich weiß, aber wann war ich das schon je? Also daran soll’s nicht scheitern. Mit einer Schleife drum als Verpackung. Schön ausgebreitet auf einem Bett voller Blumen . . . mhmhm . . . das hätte schon was.

Nur: Wo soll ich sie erst mal finden, diese Frau? Meine Freundinnen haben mir jetzt auch noch nie eine Frau geschenkt, noch nicht mal zum Geburtstag – geschweige denn zu Ostern, wo sie sowieso alle . . . irgendwo sind. Also muß ich das wohl allein in die Hand nehmen.

Ich blättere die Zeitung durch. Was findet denn heute alles so statt? Theater, Kino, Musik, Ostereiersuchen in der Gemeinde – zumindest in manchen Kirchengärten funktioniert es also noch. Oder stehen dann Frau und Herr Pfarrer allein da? Ich weiß es nicht, denn ich beteilige mich nicht an solchen Veranstaltungen – und die Lesbenquote dürfte da auch ziemlich gering sein. War also wieder nichts.

Zum Schluß entscheide ich mich dann fürs Theater, weil sie da »Die Peanuts – Ein Musical für Erwachsene« ankündigen. Vielleicht ist das zu Ostern ziemlich leer, so daß ich mich nicht zwischen zwei viel zu enge Plätze quetschen muß, die von deutschen Wohlstandsbürgern oder -bürgerinnen ausgefüllt werden, für die sie in dieser Größe nicht gemacht sind.

Mir scheint, die Maße für Theater- oder Kinositze stammen aus den 40er oder 50er Jahren, als alle nach dem Krieg notgedrungen noch rank und schlank waren. So muß man sich heute schon des öfteren mit überhängenden Armen oder Schenkeln von links und/oder rechts herumschlagen und sitzt so eingeklemmt da, als ob man seinen eigenen Platz gar nicht bezahlt hätte – oder als ob man mit einem zwar bezahlten, aber eigentlich wertlosen Ticket der Bundesbahn an einem Freitag im Intercity von Basel nach Frankfurt führe – natürlich stehend für lächerliche 400 Mark.

Nun ja, so weit ist es in den Theatern noch nicht, das ist wohl tatsächlich eine Spezialität der Bahn mit ihrer fehlenden Organisation. Theater sind immer noch Horte der Rechtschaffenheit: Es werden nur so viele Karten verkauft, wie es auch Plätze gibt.

Und davon gibt es tatsächlich reichlich an diesem Ostertag. Außer mir haben sich nur wenige Theaterbegeisterte eingefunden – vielleicht haben viele die »Peanuts« gar nicht so geliebt in ihrer Kindheit. Ich schon. Ich fand Charlie Brown, den Verlierer, immer beruhigend, und Lucy, die Freche, genauso beunruhigend. Hätte ich so sein sollen als Mädchen?

»Was kann schon schiefgehen an einem Tag wie diesen?« fragt Charlie Brown resigniert auf der Bühne, und ich kann es mir auch nicht vorstellen.

Die Vorstellung läuft schon eine Weile, und ich sitze allein da, links und rechts sind jeweils ein paar Plätze frei, und kann ausnahmsweise einmal meine eigenen Arme und Schenkel überhängen lassen. Erholung, das Musical ist auch gut – was will ich mehr?

Etwas zu spät drängt sich noch jemand durch die Reihen – es sitzt zwar kaum jemand dort, aber die Reihen sind trotzdem eng –, als es schon dunkel im Zuschauerraum ist. Auf der Bühne ist es auch nicht gerade hell, und so ist kaum zu erkennen, wer da kommt. Ist ja auch egal. Es gibt genug Platz.

Oder vielleicht doch nicht genug? Sie kommt näher – am Duft habe ich erkannt, daß es eine Frau ist, ihre Silhouette ist zu schwarz, zu uneindeutig – immer näher . . . und setzt sich genau neben mich.

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