Ravens Nemesis (Teil 5)

„Dafür kann ich doch nichts.“ Raven breitete hilflos die Arme aus. „Meine Mutter hat es mir heute erst gesagt ... wie alles andere.“ Sie stand ebenfalls auf. „Aber das ändert doch nichts. Zwischen uns.“

Reola verschränkte die Arme und legte den Kopf schief, als wäre ihr gerade eben ein Gedanke gekommen. „Könnte ich dann wenigstens auch ein Kind von dir haben? Selbst wenn es keine Do-Lla ist?“

Raven lachte auf. „Aber natürlich!“ Sie umarmte Reola glücklich. „Warum sollte das nicht gehen?“

„Es geht nicht.“ Eine Stimme unterbrach ihren Kuss.

Die Köpfe der beiden jungen Frauen fuhren herum.

„Du hast uns beobachtet, Lektra?“, fragte Raven scharf.

„Nicht mit Absicht“, erwiderte Lektra und kam auf sie zu. „Ich habe nur die letzten Sätze gehört.“

„Ich dachte, ihr seid so wild darauf, dass ich Kinder zeuge“, bemerkte Raven säuerlich. „Was geht denn nun wieder nicht?“

„Es ist einer Do-Lla nicht gestattet –“, setzte Lektra an.

Reola stöhnte auf. „Ich wusste es!“ Sie starrte Lektra wütend ins Gesicht. „Ich bin es, nicht wahr? Ich darf kein Kind von Raven haben, weil ich ... weil ich nicht ... würdig bin, mit einer Do-Lla –“

„Es geht nicht um würdig“, unterbrach Lektra sie. „Es geht darum, was passieren könnte.“

„Was könnte denn passieren?“

„Das kann niemand voraussagen.“ Lektra lächelte Reola beruhigend an. „Es hat wirklich nichts mit dir zu tun, aber es gab einmal einen solchen Fall ... schon sehr lange her ..., wo eine Do-Lla mit einem Mann aus dem einfachen Volk“, sie warf Reola einen entschuldigenden Blick zu, „ein Kind gezeugt hat. Dieses Kind war ... es konnte seine Kräfte nicht beherrschen. Sein Geist war nicht stark genug.“

„Es starb?“, fragte Reola tonlos.

Lektra nickte. „Ja. Aber erst, nachdem es großen Schaden angerichtet und –“ Sie zögerte.

„Und was?“, fragte Raven beklommen, die versucht hatte, in Lektras Aura zu lesen und dort etwas Dunkles schimmern sah.

„Und seine Mutter umgebracht hatte“, beendete Lektra den Satz. „Sie hätte sich wehren können, aber sie konnte ihr eigenes Kind nicht töten. Also tötete es sie.“

Einen Augenblick war es furchtbar still im Garten.

„Nein ...“, hauchte Reola dann.

„Es tut mir so leid.“ Lektras Augen richteten sich mitfühlend auf sie. „Ich würde euch so sehr wünschen, dass es anders wäre. Aber nur die Verbindung zweier Menschen aus den sieben Familien garantiert, dass der Geist des Kindes den Anforderungen gewachsen ist.“

Raven verzog das Gesicht. „Wie Adriana? Mehr Schaden als sie kann jenes Kind kaum angerichtet haben. Und sie stammte aus der mächtigsten der sieben Familien.“

„Das ist wahr.“ Lektra seufzte. „So etwas ist leider nicht auszuschließen. Aber es war nicht ihr Geist, der den Anforderungen nicht gewachsen war, es war ihre Moral. Ihr Charakter, wenn man so will. Darauf hat niemand einen Einfluss, selbst die besten Eltern nicht.“ Sie wandte sich mit einem zuversichtlichen Gesichtsausdruck an Raven. „Es muss ja keine fremde junge Frau sein. Zulya stammt auch –“

„Zulya?“ Reola schrie den Namen fast heraus. „Sie war eine – Und sie ist gut genug? Aber ich nicht?“ Aufstöhnend wie ein waidwundes Tier riss sie sich los und rannte davon.

Lektra schaute ihr bedauernd hinterher. „Sie begreift es immer noch nicht. Ich will sie doch nur schützen.“ Sie hielt Raven am Arm fest, die Reola hinterherwollte. „Lass sie. Sie muss sich erst einmal beruhigen. Sie wird dir jetzt ohnehin nicht zuhören.“

„Vielleicht doch. Wenn ich ihr etwas sage, das sie freuen wird“, erwiderte Raven grimmig.

„Was willst du ihr sagen?“ Aber Raven konnte Lektra ansehen, dass sie es schon wusste.

„Genau das“, nickte sie. „Ich habe brav alles wiederholt, was ihr mir eingetrichtert habt, Mutter und du. Den ganzen Murks von Verpflichtung, das Glück der anderen ... Aber das bin nicht ich. Wann hat mich das Glück der anderen je interessiert? Menschen, die mich bespuckt und gedemütigt haben, weil ich anders war als sie? Um deren Glück soll ich mich sorgen? Haben sie sich denn um meins gesorgt? Tun sie es jetzt?“ Sie schüttelte den Kopf. „Und Reola? Was hat sie alles durchmachen müssen? Hat sie jemand vor ihrem Vater oder diesem Kerl bewahrt, der ihre Jungfräulichkeit an den Meistbietenden verschachern wollte? Und sie ist nicht anders. Sie ist ein liebes, nettes Mädchen, das niemandem etwas getan hat.“

Du hast sie davor bewahrt“, entgegnete Lektra ruhig.

In Ravens Augen blitzte Widerspruch auf, der jedoch langsam von Verstehen abgelöst wurde. „Ich –“ Sie brach ab. „Ich war nur zufällig da“, fuhr sie immer noch widerspenstig fort. „Es hätte auch jemand anderer sein können.“

„Kaum“, sagte Lektra. „Und das weißt du. Das, was du für sie getan hast, ist deine Aufgabe – in einem viel größeren Rahmen. Vor dieser Aufgabe kannst du nicht davonlaufen. Du hast es noch nicht einmal getan, als du noch gar nichts davon wusstest. Es gibt viele andere Menschen, die auf deine Hilfe angewiesen sind – wie damals Reola.“

„Aber sie ist auch ... auf mich angewiesen.“ Und ich auf sie, dachte Raven. So sehr.

„Ich weiß, es ist hart“, wiederholte Lektra Elaynas Worte. Es war nicht ganz klar, ob sie sich auf das bezog, was Raven gesagt oder was sie nur gedacht hatte. „Aber vielleicht wäre es am besten, wenn sie das Schloss verlassen würde. Sie lenkt dich zu sehr von deiner eigentlichen Aufgabe ab.“

Raven starrte sie fassungslos an.

„Du brichst mir das Herz mit diesem Blick“, sagte Lektra leise. „Ich bin kein Monster. Und deine Mutter ist es auch nicht. Aber wir glauben, es wäre das Beste. Wie soll Reola das überstehen, was du tun musst? Wenn sie hier ist? Es wäre unmenschlich von dir, das von ihr zu verlangen. Sie würde sich die ganze Zeit nur quälen. Selbst dann, wenn ihr zusammen wärt. Und noch viel mehr, wenn ihr es nicht wärt. Wenn du deine Pflicht erfüllen musst.“

Raven schloss die Augen. Ihr schwirrte der Kopf. Schwindel ergriff sie. „Ich wollte mit ihr weggehen ...“, flüsterte sie.

„Ich weiß“, sagte Lektra. „Und niemand kann dich davon abhalten, wenn du das beschließt. Es ist deine Entscheidung.“

Sie strich noch einmal tröstend über Ravens Arm, dann ging sie.

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