Ravens Geheimnis 02

2

Raven fühlte, wie sie die Sonne an der Nase kitzelte. Der Morgen war schon da.

Sie streckte sich mit geschlossenen Augen. Sie brauchte ihre Augen nicht zu öffnen, um zu wissen, was um sie herum vorging.

Lautes Geklapper an der Tür entlockte ihr ein unwilliges Stirnrunzeln. Sie hatte keinen Auftrag, sie brauchte nicht aufzustehen, sie konnte ausschlafen. Wer störte ihre wohlverdiente Ruhe?

Doch schon öffnete sich die Tür, und ein junges Mädchen wankte schwerbeladen mit Wasserkrug und anderen Utensilien herein. Ächzend stellte sie alles auf einer Art Kommode ab, die an der Wand stand.

„Frisches Wasser, Herrin“, sagte sie. „Wenn du mehr brauchst, kann ich mehr bringen. Oder soll ich im Badehaus ein Bad vorbereiten lassen?“ Ihr scheuer Blick erinnerte Raven an einen anderen scheuen Blick von gestern Abend.

„Nein“, sagte sie. „Ist schon gut. Und nenn mich nicht Herrin. Ich bin keine.“

„Ja, Herrin“, antwortete das junge Mädchen ohne zu überlegen.

Raven hätte fast den Kopf geschüttelt, aber sie wusste, es war sinnlos. Wer Geld hatte, war automatisch ein Herr oder eine Herrin, wer keins hatte, war nichts.

Sie wusste, wie es war, zu der letzten Gruppe zu gehören, denn sie war ohne Besitz geboren. Dass es jetzt anders war, verdankte sie etwas, das dieses Kind ohnehin nicht beurteilen konnte und nie verstehen würde.

„Bring mir etwas zu essen“, sagte sie. „Ich will mich nicht in die Gaststube setzen.“

„Sofort, Herrin.“ Das junge Mädchen eilte davon.

Raven stand auf und wusch sich. Mittlerweile hatte sie festgestellt, dass die Sonne wirklich schon sehr hoch stand. Es war nicht mehr Morgen, es ging schon auf Mittag zu.

Kein Wunder. Sie lächelte. Lektra hatte recht gehabt. Die Neue aus Conams Kneipe war genau ihr Fall gewesen. Sie hatte Raven mehr Genuss bereitet, als sie erwartet hatte, bevor sie in die Stadt gekommen war. Und anders als so oft mit diesen Frauen, die man in Kneipen traf, war der Genuss gegenseitig gewesen. Sie hatte es gespürt.

Raven fühlte einige der Empfindungen zurückkehren und schloss für einen Moment die Augen, als sie sie erneut überschwemmten. Es war jedesmal viel zu lange her. Sie sollte öfter in die Stadt kommen.

Sie seufzte und öffnete die Augen wieder. Ja, Zulya war es wert zurückzukommen, aber Raven wusste, dass dieser Zustand bei den Frauen, die neu in den Kneipen waren, nie lange anhielt. Das nächste Mal würde sie Raven schon nicht mehr erkennen, und sie würde nichts mehr fühlen, nur noch ihrem Geschäft nachgehen wie alle anderen.

Ich könnte eine Weile hierbleiben und sie für mich reservieren, dachte Raven. Ihr würde es bestimmt nichts ausmachen, und Conam auch nicht, solange er sein Geld bekommt.

Sie nickte. Ja, darüber konnte sie nachdenken.

Wieder kündigte lautes Geklapper das Erscheinen des Mädchens an. Raven warf sich schnell ihre Tunika über. Niemand nahm Rücksicht auf die Putzmädchen, sie wurden wie Mobiliar behandelt, und ganz sicher hatte auch dieses Kind schon mehr Nacktheit gesehen, als ihr gut tat, aber Raven hatte sich nie angewöhnt, die Menschen als Mobiliar zu betrachten, deshalb nahm sie Rücksicht.

Erneut öffnete sich die Tür, und das Mädchen kam mit einem Tablett herein. „Es war nicht mehr viel da“, entschuldigte sie sich und zog ängstlich die Schultern ein. Sie war wohl schon für geringere Vergehen geschlagen worden. „Aber ich kann dir sofort etwas holen, Herrin. Gib mir nur ein Kupferstück, und ich laufe zum Schlachter.“

Raven überflog das Angebot auf dem Tablett, Brei, trockenes Brot und ein winziges Stück Trockenwurst, in der Tat nicht sehr verführerisch, aber sie hatte schon Schlimmeres gegessen.

„Ich brauche kein Fleisch“, sagte sie, „aber eine Kanne Tee wäre schön. Hier“, sie warf dem Mädchen ein Kupferstück zu, „kauf was und mach mir welchen.“ Sie lächelte leicht. „Und den Rest kannst du behalten.“

„Oh, Herrin, danke, Herrin, danke!“ Das Mädchen fiel vor Raven auf die Knie und griff nach ihrer Hand, um sie zu küssen.

Raven zog die Hand schnell weg. „Nun mach schon“, sagte sie barsch. „Ich bin es nicht gewohnt zu warten.“

„Ja, Herrin. Ja, natürlich, Herrin.“ Die Kleine sprang auf und lief zur Tür hinaus, ohne sie hinter sich zu schließen.

Kurz darauf hörte Raven sie die Treppe hinunterpoltern. Besonders elegant war dieses Kind nicht, aber sie hatte ein gutes Herz, das hatte Raven gespürt.

Sie atmete tief durch. Sie konnte nicht die ganze Welt retten, gestern das Kind, das sie zu Lektra gebracht hatte, heute dieses. Das überstieg selbst ihre Möglichkeiten.

Sie setzte sich aufs Bett und begann den Brei zu löffeln. Er war kalt. Angewidert verzog sie das Gesicht und stellte die Schale wieder ab. Sie sollte zu Lektra gehen, dort war das Essen immer gut, weil die Chefin darauf achtete.

Sie stand auf und schloss die Tür. Beim Anziehen musste ihr niemand zuschauen. Sie wusste, wie die Leute auf ihren Körper reagierten.

Beiläufig ließ sie die Tunika fallen und stand nackt da. In dem kleinen Spiegel über der Kommode, der schon fast blind war, glitzerten Teile ihrer bloßen Haut. Für einen Moment erzitterte sie, als sie daran dachte, wie Zulya diese Haut berührt hatte.

Ihre Brustwarzen stellten sich auf, und eine davon war deutlich im Spiegel zu erkennen, sie hob sich nur leicht dunkler von der hellen Haut ab.

Raven schüttelte den Kopf und bedeckte sich schnell mit dem Hemd, das sie üblicherweise unter der Tunika trug. Jetzt war nicht die richtige Zeit, sich mit Gelüsten der Nacht zu beschäftigen. Wenn sie in der Stadt bleiben wollte, musste sie sich offiziell anmelden, so war es vorgeschrieben.

Natürlich hielten sich viele Leute nicht daran, aber die fielen dann oft den korrupten Patrouillen in die Hände und zahlten doppelt dafür.

Zwar konnte Raven sich vor so etwas schützen, aber es war den Aufwand nicht wert, da war es einfacher, sich ein offizielles Permit zu holen, dass sie das Recht hatte, in der Stadt zu bleiben.

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