Die Welt braucht deinen Roman

Das ist das Motto des NaNoWriMo – und es gibt viele vor allem junge Leute, die sich davon aufgerufen fühlen, endlich DEN Roman zu schreiben, den sie immer schon schreiben wollten.

Das gefällt mir, denn das Romanschreiben wird oft in komische (sprich: merkwürdige) Dimensionen gehoben, als wäre es eine Aufgabe für große Literaten, für alte Leute, die schon viel gelernt haben und ihre Erfahrung weitergeben wollen, für Leute, die Sprachen studiert haben, für Leute, die in der Schule als Streber galten und von niemandem gemocht wurden, für Leute, die als Nerds irgendwo in der Ecke hocken und nur vor sich hintippen, sonst keine Interessen haben, für Leute also, die im Grunde genommen nicht so sind wie der Rest.

Damit hat der NaNoWriMo aufgeräumt, und das ist gut so, denn dort kann wirklich jeder und jede mitmachen, ganz egal, ob sie schon Ahnung vom Schreiben hat oder gerade erst anfängt, ob sie eine Geschichte hat oder gar nicht weiß, worüber sie schreiben soll, ob es eine Liebesgeschichte, ein Krimi, ein Thriller, SciFi oder Fantasy werden soll (oder was einer sonst so einfällt. Die Liste kann beliebig ergänzt werden).

 Wer Geschichten liest, kann auch Geschichten schreiben. Denn mit jeder Geschichte, die wir lesen, lernen wir, wie Geschichten funktionieren. Man schaue sich nur Harry Potter an. Wenn man diese sieben Bände gelesen hat, bleiben eigentlich keine Fragen mehr offen, wie eine Geschichte aufgebaut sein sollte.

Eine Geschichte lebt von einem sympathischen Helden oder einer sympathischen Heldin. Sympathisch sind nicht die Alleskönner, die Besserwisser, die, die sich allen anderen überlegen fühlen, sondern sympathisch sind in erster Linie die Underdogs.

Harry Potter ist kein Gewinner – auf den ersten Blick. Er lebt ziemlich unterdrückt bei seiner erweiterten Familie, die ihm noch nicht einmal ein Zimmer zugesteht, sondern nur einen Verschlag unter der Treppe. Das erinnert doch sehr an Aschenputtel, nicht wahr? Oder wer auf große Literatur zurückgreifen will: an Les Misérables von Victor Hugo. Viele kennen sicherlich den Film und das Musical. Ich wage nicht anzunehmen, dass die meisten das Buch gelesen haben. wink

Es geht also darum, dass es am Anfang nicht so gut aussieht für die Hauptfigur. Sie hat nichts, sie ist nichts, und die Zukunft scheint auch nicht viel rosiger als die Gegenwart.

Aber das ist ein hervorragender Ausgangspunkt, um zu wachsen. Wer will etwas über eine erfolgreiche Figur lesen, die alles hat, sich um nichts sorgen muss, von der Welt anerkannt und geschätzt wird? Das wäre ein Thema für eine Biographie, aber niemals für einen Roman.

Ein Roman ist eine Entwicklung. Es gibt am Anfang etwas, das fehlt, etwas, wonach sich die Hauptfigur sehnt, was sie gern haben würde. Wofür sie eine Menge tun würde, um es zu bekommen. Eine sympathische Hauptfigur würde natürlich nichts Böses tun, aber sie darf ruhig ehrgeizig sein. Wenn man nur Zweien in der Schule hatte, wollte man ja auch lieber die Einsen. Das ist nichts Schlimmes.

Da es oft junge Menschen sind, um die es in solchen Büchern geht, braucht so eine Figur dann einen Mentor oder eine Mentorin, jemanden, der/die sie aufweckt und auf den Weg in eine bessere Zukunft bringt.

Dieser Weg ist allerdings mit allerlei Hindernissen gepflastert, die die Figur überwinden muss, um am Ende das zu bekommen, wonach sie sich immer gesehnt hat.

Übertragen auf einen Liebesroman muss es keine so junge Figur sein (kann aber), die bisher ein Leben geführt hat, in dem etwas fehlte. Vorzugsweise die richtige Frau. laughing

Auch sie lebt übertragen gesprochen in einem Verschlag unter der Treppe. Selbst wenn sie ein großes Haus besitzt.

Das ist also der Ausgangspunkt. Es fehlt etwas, das die Hauptfigur haben will.

Harry Potter wird dann aus diesem Verschlag unter der Treppe herausgerissen, indem er nach Hogwarts geschickt wird, auf die Zauberschule. Das ist der Anfang seiner Odyssee durch den mythischen Wald, seiner Heldenreise.

Die Frau am Anfang eines Liebesromans wird durch die erste Begegnung mit der Frau ihres Lebens aus ihrem Verschlag gerissen. Auf einmal reicht er ihr nicht mehr. Sie muss in gewisser Weise auch auf die Schule gehen, denn sie muss lernen, ihre Zukunft nicht mehr einsam und allein zu sehen, sondern zu zweit.

Harry Potter ist glücklich in Hogwarts, aber schon dräuen die bösen Mächte im Hintergrund, die dieses Glück nicht sehen können.

Unsere verliebte Frau genauso. Sich zu verlieben ist ein wunderbarer Rausch, aber dann wird man auf die Erde zurückgeholt. Es gibt irgendetwas, das diese Liebe an der Erfüllung hindert.

Harry Potter wird schon früh mit der Bedrohung durch „den, dessen Namen man nicht nennt“ bekannt gemacht. Er weiß noch gar nicht, wie die Bedrohung aussieht, da muss er sich schon dagegen wehren.

Genauso unsere Liebende. Sie schwebt eigentlich noch im siebten Himmel, da wird schon klar, dass Liebe allein nicht reichen wird, um zu der Erfüllung ihrer Wünsche zu gelangen.

Der arme Harry muss dann sieben Bände gegen die Bedrohung ankämpfen, bei uns reicht dazu normalerweise ein Band. wink

Die Bedrohung liegt entweder in den Charakteren der Beteiligten oder in nicht direkt beteiligten Charakteren, die aber Einfluss auf die Hauptcharaktere haben. Auch Naturgewalten können Menschen trennen, widrige Umstände, das ist aber für einen Roman nicht so günstig, denn eine persönliche Bedrohung birgt mehr dramaturgisches Potential.

Somit brauchen wir also unseren Voldemort oder Snape, der die Liebe verhindern will.

Das kann jedoch auch die Frau sein, der die Liebe der Hauptperson gilt. Sie hat vielleicht ein Päckchen zu tragen, von dem die Hauptfigur nichts weiß, und lehnt deshalb selbst ihr eigenes Glück ab, arbeitet sogar bewusst dagegen, weil sie eine Erfüllung der Liebe für unmöglich hält.

Die Liebende, die Protagonistin, muss nun also diesen Drachen besiegen, damit die Liebe in Erfüllung gehen kann. So wie Harry Potter seinen letzten Kampf gegen Voldemort zu fechten hat, hat auch die Liebende ihren Kampf auszufechten und zu gewinnen, damit die Welt ihr und ihrer Liebsten gehören kann.

Wer also Harry Potter gelesen hat, kann auf jeden Fall einen Roman schreiben. Man muss sich nur an das Muster halten. laughing

Und die Welt braucht solche Romane.

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  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

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    Gestern im Chat beim #NaNoWriMo2016 unterhielten wir uns so, und da erzählte eine Teilnehmerin, die schon seit Jahren jedes Jahr am #NaNoWriMo teilnimmt, dass sie bald nicht mehr erzählt, dass sie daran teilnimmt, weil dann oft so Antworten kommen wie „Ich schreibe auch. Und ich bin schon auf Seite 2 meines Romans.“ Das ist dann für jemanden, der 50.000 Wörter in 30 Tagen schreiben will und das schon mehrere Jahre jedes Jahr getan hat, eher abtörnend. Allerdings meinte sie dann auch, wenn man fünf Jahre später nach diesem „Roman“ fragt, sind sie immer noch auf Seite 2.

    Von solchen Leute sollte man sich nicht demotivieren lassen. Dieses „Ich schreibe auch“ ist so etwas wie eine Schutzbehauptung. Man macht dadurch die Leistung eines Menschen, der wirklich schreibt, klein und kommt sich selbst besser vor. Aber Leute, die „auch“ schreiben, machen das Schreiben nicht zum Zentrum ihres Lebens, nicht einmal für einen Monat. Für sie ist das entweder ein Nebenbei-Hobby oder sie wollen angeben, aber mit „Schreiben“ hat so ein „Ich schreibe auch“ nicht wirklich etwas zu tun.

    Wenn man wirklich schreiben will, ist man nicht nach Jahren immer noch bei Seite 2, dann hat man die Geschichte oder den Roman fertig oder zumindest einen großen Teil davon geschrieben. Weil man einfach schreiben muss.

    Es gibt immer wieder die Diskussion, wann man ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin ist. Manche sagen, wenn man veröffentlicht ist, wenn man seine Bücher im Regal stehen hat. Aber ich glaube, Schriftstellerin darf man sich durchaus nennen, wenn man mit Leidenschaft schreibt, wenn man jeden Tag oder fast jeden Tag schreibt, wenn man keine längere Zeitspanne leben kann, ohne zu schreiben. Schreiben ist eine Passion, kein Beruf wie andere, die man auch ausüben kann, wenn man keine Leidenschaft dafür empfindet.

    Und wer diese Leidenschaft nicht empfindet, sollte anderen nicht erzählen: „Ich schreibe auch“. Denn das stimmt nicht. Es gibt ja auch andere schöne Hobbys. ;)

    Montag, 14. November 2016 7:37

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