Kurzgeschichten sind nichts für emotionale Feiglinge

Das ist ein Zitat aus einem Buch, das sich mit »Short Story – Die amerikanische Kunst Geschichten zu erzählen« beschäftigt.

Dasselbe gilt – würde ich sagen – auch für Gedichte. In einem Roman kann man sich für eine Weile vor sich selbst verstecken, man kann Landschaften beschreiben oder Leute, die eine nichts angehen, aber in einem Gedicht oder einer Kurzgeschichte kann man sich nicht verstecken, da legt man seine Seele offen auf den Tisch.

Emotionen können sich in einem Roman über lange Zeit entwickeln, viele, viele Seiten lang, in einer Kurzgeschichte muß die ganze Geschichte schon in diesen paar Seiten erzählt sein, also kann man sich nicht mit langen Beschreibungen oder versunkenen Betrachtungen aufhalten. Es muß gleich zur Sache gehen.

Das ist der größte Unterschied zwischen Roman und Kurzgeschichte: In eine Kurzgeschichte springt man an einem entscheidenden Punkt hinein, möglichst kurz vor dem Ende. Deshalb kann aus einer Familiensaga, die mit dem Eintreffen der Familie vor Hunderten von Jahren in Amerika beginnt, niemals eine Kurzgeschichte werden. Die Kurzgeschichte muß sich mit einem einzigen Ereignis befassen, beispielsweise wie der Sohn der Familie, die Hoffnung aller, direkt nach dem Eintreffen in Amerika von betrunkenen Soldaten erschossen wird.

Das ist geradezu Stoff für ein Melodram. Der Vater ist schon lange tot, die letzte Hoffnung der Familie war Amerika, der Sohn schien die einzige Garantie für die Mutter, die nicht weiß, wovon sie ihre drei Kinder ernähren soll. Nun ist der Sohn tot. Was geschieht weiter?

Ja, da sind ja noch die beiden kleinen Mädchen. Gut, eine ist vielleicht nicht mehr so klein, aber wie das früher so war: Mädchen oder Frauen wurden nicht als wichtig erachtet, nur die Männer zählten. Die ältere Tochter hilft der Mutter im Haushalt, hat sich schon ganz mit der Situation abgefunden, nicht so wichtig zu sein, obwohl sie sich von morgens bis abends krummarbeitet.

Aber die jüngere . . . die jüngere tut das nicht. Sie ist ein Wildfang (eventuell lesbisch?) und gerät immer wieder in gefährliche Situationen. Sie fürchtet sich vor nichts und niemandem. Als ihr Bruder erschossen wird, ist sie zuerst einmal vernichtet, wie ihre Mutter und ihre Schwester, aber sie gibt nicht auf. Sie hat ihren Bruder gemocht, heiß und innig geliebt, aber sie hat sich immer eher als sein kleiner Bruder denn als seine kleine Schwester betrachtet. Sie wollte sein wie er.

Das ist Emotion pur, kein Platz für Feiglinge, denn die kleine Emma ist auch keiner. Man kann auch einen Feigling zum Held oder zur Heldin einer Geschichte machen, aber mutige Menschen sind interessanter, vor allem, wenn sie sich mit einer neuen Situation auseinandersetzen müssen.

Emma ist phantasiebegabt, sie hat immer schon gern Geschichten erzählt und sich auch erzählen lassen, dadurch ist sie reifer als andere Kinder ihres Alters. Sie kann sich gut in andere hineinversetzen und ihre Gedanken erraten. Das nutzt sie nun, um ihre Familie, den Rest ihrer Familie, nämlich Schwester und Mutter, vor dem Verhungern und anderen Bedrohungen zu bewahren.

Für eine Kurzgeschichte müßten wir uns nun ein Ereignis ausdenken, das Emma und ihre Begabungen beschreibt, das genau illustriert, wie sie ist und wie sie in ihrem zukünftigen Leben sein wird. Wir können nicht ihre ganze Lebensgeschichte erzählen (können wir, aber dann wird es ein Roman), sondern wir müssen uns auf etwas Bezeichnendes beschränken, das den Rest ihres Lebens schon vorwegnimmt.

Da wäre beispielsweise die Nahrungssuche. Ja, ich verwende mit Absicht diese Bezeichnung, wie man sie eigentlich nur für Tiere verwendet, aber in diesem Falle trifft sie zu. Emma und ihre Familie haben kein Geld, sie können sich nichts kaufen, denn die Preise für die gerade Angekommenen sind horrend hoch. Emmas Mutter und ihre Schwester erhalten ständig Angebote, sich zu prostituieren und damit ihren Lebensunterhalt zu sichern. Bislang haben sie dieser Versuchung aus moralischen Gründen widerstanden, aber der Hunger zeichnet bereits ihre Gesichter, lange werden sie nicht mehr durchhalten können.

Emma sieht aus wie ein Junge und erhält dadurch solche Angebote nicht, aber sie muß für ihre Familie sorgen. Ihre Schwester und ihre Mutter, angepaßt an die Frauenrolle, wie sie sind, können das nicht. Es gibt genügend Einwanderinnen, die sich für ein Butterbrot verkaufen, entweder ihre Arbeitskraft oder gleich ihren Körper, da ist es hoffnungslos, auf Arbeit zu hoffen, die das Überleben der Familie sichern kann.

Und nun denken Sie sich ein Ereignis aus, das diesem Zustand ein Ende setzt. Emma rettet ihre Familie mit Phantasie und Witz. Seien Sie kein emotionaler Feigling. Tun Sie es.

Die Geschichte sollte nicht länger als 3000 Wörter sein.

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  • Heike

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    Nochmals vielen Dank
    :)
    Nach Ihrem Lob, fühle ich mich gleich wieder motivierter weiter zu schreiben.

    Montag, 4. Februar 2008 16:56
  • Ganz richtig, die Geschichte hier enden zu lassen, denn daß sie dann im Garten Obst und Gemüse anbauen, kann man sich schon denken, und was man sich denken kann, kann sich auch die Leserin denken, und deshalb braucht man das nicht extra noch hinzuschreiben.
    Das mit den Begriffen ist nicht weiter wichtig. Außerdem könnte die Geschichte ja auch in einer Zeit spielen, als OK schon eingeführt war, das ist ja hier nicht so festgelegt. So etwas hat nur dann eine Bedeutung, wenn es für die Geschichte wichtig ist. Und für diese Geschichte ist Emma wichtig und ihr Mut, das ist ganz richtig erfaßt und umgesetzt.

    Montag, 4. Februar 2008 16:50
  • Heike

    Permalink

    Vielen Dank Nicole,
    mag sein, daß es einige Begriffe damals noch nicht gab. Ich gestehe ich habe da nicht drauf geachtet. Mein Fehler.
    Hätte ich am Sägewerk aufgehört, hätte ich nur die Hälfte der Aufgabe erfüllt. Aber Emma sollte eine mutige Person sein und doch war sie ja auch noch ein Kind.
    Und vielen Dank Frau Gogoll, für Ihre Ausführung.
    Sie spiegelt das wieder, was ich mir dabei gedacht habe.

    Nachdem sie das Haus hatten, konnte sie wieder Kind sein, da ihre ältere Schwester eine Arbeit gefunden hatte.
    Vorgabe waren nicht mehr als 3000 Wörter zu schreiben. Ich hatte ursprünglich noch geschrieben, daß die Mutter im Garten Obst und Gemüse angebaut hatte. Mußte es dann aber streichen, da ich weit über 3000 Wörter kam.
    Gar nicht so einfach wenn ich einmal am schreiben bin. :)
    Ich finde das hier wirklich sehr interessant.

    Montag, 4. Februar 2008 16:30
  • Nein, ich finde nicht, daß die Geschichte zu lang geraten ist, denn die Anstellung im Sägewerk ist nichts weiter als eine Anstellung, also eine Abhängigkeit, sich dann mit dem gewonnenen Geld ein Häuschen zu kaufen, das ist Unabhängigkeit. Auch daß Emma nicht arbeiten gehen muß, sondern zur Schule gehen kann, ist äußerst wichtig, denn nichts ist im Leben wichtiger als Bildung.
    So ein Ende wünsche ich mir. :)
    Zudem zeigt gerade die Sache mit dem Spiel, daß Emma bereit ist, größere Risiken einzugehen. Das wird sie auch in Zukunft in ihrem Leben tun und dadurch viel Erfolg haben. Hätte sie sich nur auf die Anstellung beschränkt, hätte das geheißen, es liegt ihr nur an Sicherheit (die sie aber von jemand anderem abhängig macht), nicht daran, wirklich selbständig zu sein.
    Eine Anstellung kann man jederzeit wieder verlieren, und dann steht der Hunger wieder vor Tür. In einem kleinen Häuschen kann man Gemüse anbauen und sich selbst versorgen. Das ist die bessere Lösung.
    Und man weiß schon: dieses kleine Häuschen wird nicht das Ende des Weges sein. Emma wird dafür sorgen, daß es bald ein größeres wird. Sie wird sich nicht mit dem zufriedengeben, was sie hat.

    Montag, 4. Februar 2008 9:28
  • Nicole T.

    Permalink

    @ Heike: Ich finde die Geschichte recht gut. Allerdings ist sie meines Erachtens etwas zu lang geraten, der Auszug bis zu der Festanstelung im Sägewerk hätte gereich. Zudem hast du einige Forlulierungen drin, die zu der Zeit bestimmt nicht üblich waren, z.B. Ok, Chef.
    Nach der anerkanntesten wissenschaftlichen Theorie (zu dem Begriff gibt es Dutzende), wurde Ok das erste mal 1839 in der Boston Morning Post verwendet und wurde erst später Mode.

    Sonntag, 3. Februar 2008 23:05
  • Heike

    Permalink

    Oh, Danke, :)
    Daß wollte ich eigentlich auch schreiben. ich meine "anschaffen" ;)
    Schönen Sonntag noch
    und Kölle Allaf
    Gruß
    Heike

    Sonntag, 3. Februar 2008 17:40
  • Sehr schön. Allerdings heißt es wohl »anschaffen gehen«, denn »schaffen gehen« heißt ja einfach nur »arbeiten gehen«. »Schaffen« ist der normale schwäbische Ausdruck. Dort geht niemand arbeiten, sondern alle gehen »schaffen«, die wären wohl mit dieser Auslegung des Wortes nicht einverstanden. ;)
    Aber ansonsten: So schnell geschrieben und dann so gut. Respekt.

    Sonntag, 3. Februar 2008 16:14
  • Heike

    Permalink

    Ich habe mich mal versucht. Weiß aber nicht ob ich die Geschichte so getroffen habe, daß es paßt.
    Emmas Mutter saß weinend am Küchentisch und sprach zu ihrer großen Tochter, Klara.
    „Ich werde das Angebot annehmen und für uns Schaffen gehen.“
    „Aber Mutter, daß kannst du doch nicht machen. Was wird dann aus mir und Emma, wenn du nachts nicht zu Hause bist?“ rief Klara verzweifelt.
    „Aber Kind, wenn ich nicht gehe, werden wir verhungern. Mir bleibt doch keine andere Wahl“
    „Doch Mutter, dann muß ich gehen“, rief Klara und sprang auf die Beine.
    „Niemand von Euch wird gehen.“ Emma kam in den Kleidern ihres Bruders zur Tür herein.
    „Emma“, riefen Beide gleichzeitig. Die Mutter schlug sich die Hand vor den Mund und schluchzte laut auf.
    „Mein Gott, du siehst aus wie unser Bruder“ hauchte Karla.
    „Ja ich weiß, ich habe lange daran gearbeitete um es so hinzubekommen“ erklärte Emma stolz.
    „Du ziehst das sofort wieder aus und gehst ins Bett“ schimpfte die Mutter.
    „Nein Mutter, ich bin kein kleines Baby mehr. Ich habe genauso Hunger wie ihr und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, daß es uns wieder besser geht. Also werde ich morgen in der Früh, zum Sägewerk gehen und nach Arbeit fragen.“
    „Emma..“ warf auch die Schwester ein. Doch Emma unterbrach sie in dem sie mit dem Fuß aufstampfte.
    „Wenn ich versage, dann könnt ihr ja schaffen gehen. Aber bitte, ich muß es doch wenigstens versuchen“ flehte Emma.
    Die Mutter schüttelte nur stumm den Kopf und Karla klopfte Emma auf die Schultern.
    „Ok, Emma mach das, aber wenn es nicht klappt, dann….“
    „Ja, dann seid ihr dran.“ Wie zu einem Schwur hob Emma ihre rechte Hand ans Herz.
    Ihre Mutter nahm sie in die Arme und wiegte sie weinend. So standen sie alle drei einige Minuten zusammen. Dann riß sich Emma los und sagte: „Ich muß mich jetzt schlafen legen, damit ich morgen früh fit bin. Und ihr sollte auch schlafen gehen, wem nützt es sich hungrig auf den Beinen zu halten?“
    Die Nacht war viel zu schnell vorbei und Emma stahl sich noch im Morgengrauen aus dem Haus. Frösteln lief sie zum Sägewerk.
    „Was willst du hier?“ rief ein dicker Mann mit Brille.
    „Ich… ähm, ich suche Arbeit“ stotterte Emma.
    „Verschwinde, hier gibt es keine Arbeit für Taugenichtse“, brüllte der Dicke.
    Emma zuckte zusammen, doch wollte sie so schnell nicht aufgeben.
    „Ich bin kein Taugenichts und ich kann verdammt gut arbeiten. Warum willst du es nicht ausprobieren? Rauswerfen kannst du mich dann immer noch!“ Emma stemmte die Hände in die Hüften.
    Der Dicke lachte dröhnend und rief, „Ach kann ich das? Na los komm her, wie heißt du?“
    Emma überlegte rasch und ging auf den Dicken zu. „Tom“ sagte sie.
    „OK, Tom, ich werde es versuchen, stellst du dich zu dumm an, dann verfüttere ich dich an die Schweine“ grunzte der Dicke.
    „Ist OK Chef“ sagte Emma und salutierte leicht. So wie sie es oft bei ihrem Bruder gesehen hatte.
    Der Dicke gab Emma ein paar Handschuhe, Schüppe und Besen und ließ sie die Sägespäne auffegen.
    „Chef, ich bin fertig. Was kann ich noch tun?“ fragte Emma nach zwei Stunden.
    Der Dicke kratzte sich am Kinn und überlegte, „Hm, gleich ist Frühstückszeit, geh und hol Kaffee für die Belegschaft. Hinter der Scheune ist ein Küchenwagen, dort bekommst du alles. Und beeile dich.“
    Schon flitze Emma hinter die Scheune. Nicht ganz 10 Minuten später kam sie mit Kaffee und belegten Broten zurück. Ihr Magen knurrte laut und ein leichter Schwächeanfall kroch ihre Beine hoch. Doch sie riß sich zusammen und brachte das Frühstück an den langen Tisch.
    „He, Tom, komm und setzt dich zu mir“, rief der Dicke. Emma setzte sich neben ihm.
    Er reichte ihr ein Brot und Kaffee. „Na, wann hast du das letzte Mal gegessen?“ fragte er ahnungsvoll.
    „Och, so lange ist es noch nicht her. Nur wenige Tage“, gab Emma zur Antwort. Verdammt. rief sie stumm.
    Der Dicke nickte wissend: „Na dann stärke dich jetzt mal ein wenig. Deine nächste Aufgabe wird etwas schwerer werden.“
    Emma verschlang gierig das Brot und trank den Kaffee. Beim ersten Schluck, schüttelte sie sich leicht und verzog das Gesicht.
    Der Dicke beobachtete sie sehr genau und runzelte die Stirn. Emma lachte auf; „Igit, kein Zucker drin“
    „Ach und ich dachte schon du magst keinen Kaffee“ sagte der Dicke
    „Welcher Kerl mag keinen Kaffee? Der macht uns müde Männer doch erst richtig munter!“ erwiderte Emma und lachte.
    Der Dicke klopfte ihr auf den Rücken und stand auf. „Na dann komm mal mit, du müder Mann. Wir gehen zum Zuschnitt und ich möchte daß du genau das gleiche machst wie ich. Aber paß auf. Die Hand ist rasch entfernt, wenn du sie falsch hältst.“
    Emma nickte und betete daß sie auch das hinbekommen würde.
    Sie sah aufmerksam zu und versuchte sich an ihrem ersten Zuschnitt. Der Holzblock wurde von einer Maschine auf den Zuschnitte gelegt und Emma mußte ihn mit der Hand über die Sägemesser ziehen.
    So einfach wie es aussah ist es wohl doch nicht, dachte sie erschrocken.
    Den ersten Schnitt versägte sie und sah aus den Augenwinkeln wie der Dicke die Stirn krauste.
    Der zweite Schnitt war auch nicht viel besser und der Dicke kam leicht angesäuert zu ihr. „Verdammt noch mal hast du nicht richtig zugesehen? Geh mal weg da, ich zeig es dir noch einmal“, donnerte er.
    „Es tut mir leid, aber meine Kraft reicht scheinbar nicht aus“ sagte Emma resignierend.
    „Paperlapap, Kraft, man braucht keine Kraft. Sie hier, so einfach geht das“, dröhnte der Dicke und schob den Holzblock, als wäre er aus Butter, über die Sägemesser.
    „Komm her und stell dich hier hin“ befahl er laut und Emma zuckte zusammen, gehorchte aber und stellte sich ans Band. Der Dicke stellte sich hinter sie und griff nach ihren Händen. Er führte sie mit dem Holzblock über die Sägemesser und Emma stellte fest, daß man tatsächlich kaum Kraft dafür aufwenden mußte.
    Dreimal wiederholte der Dicke das mit Emma und ließ sie dann wieder alleine.
    Den Rest des Tages verbrachte Emma am Zuschnitt.
    Ein Pfeifton rief zum Feierabend. Der Dicke kam zu Emma und sagte: „Nun gut mein Junge, du hast dich heute sehr gut geschlagen. Sei morgen früh pünktlich um 5 Uhr hier, dann schauen wir mal weiter. Solltest du dich auch morgen gut schlagen, kannst du hier anfangen. Für heute gebe ich dir ein paar Cent.“
    „Danke Chef, viele Dank. Sie werden es nicht bereuen“, strahlte Emma.
    Mit den Cents in der Hand ging sie zum Bäcker.
    Glücklich und müde kam sie zu hause an. Sie wollte nur noch ins Bett fallen, aber ihre Mutter und Karla überhäuften sie mit Fragen.
    „Kind ich habe mir so große Sorgen um dich gemacht. Geht es dir gut?“ fragte die Mutter.
    „Ja Mutter mir geht es gut. Schau, ich habe Brot und Butter mitbringen können. Richtigen Lohn habe ich heute noch nicht erhalten, aber ich darf morgen früh wiederkommen und wenn ich mich gut anstelle, darf ich bleiben und gegen Lohn arbeiten“, Emma strahlte ihr Mutter an.
    „Wovon konntest du das Brot und die Butter kaufen, wenn du noch keinen Lohn bekommen hast?“ fragte Karla argwöhnisch.
    „Der Chef hat mir ein paar Cents gegeben weil ich gute Arbeit gemacht habe. Leider hatte es nicht für mehr gereicht“, sagte Emma traurig.
    Die Mutter nahm Emma in die Arme. „Ach Kind, das ist mehr als wir in den letzten Wochen hatten. Komm geh dich waschen, dann essen wir zu Abend“.
    Sie saßen am Tisch und hielten sich bei den Händen. Die Mutter sprach ein kleines Gebet und dankte Gott für die Gaben.
    Mit Bedacht aßen sie das Brot. „Laßt uns noch etwas für morgen früh aufheben“, sagte die Mutter leise und die beiden Mädchen nickten stumm.
    Am nächsten Morgen stand Emma wieder am Zuschnitt. Von Mal zu Mal stellte sie sich geschickter an und der Dicke rief sie in der Pause zu sich.
    „Du machst dich ganz gut am Zuschnitt. Ich denke ich kann dich dort gebrauchen. Am Ende der Woche wirst du deinen ersten Lohn erhalten. Deine Arbeitszeit ist von Montag bis Samstag“, sagte er. Dann brummte er noch; „Nur sieh zu, daß du vernünftig ißt. Du bist zu schmächtig“.
    „Ja Chef, daß werde ich danke“, vor Freude kamen Emma die Tränen und sie drehte sich schnell weg.
    Samstag mittag bekam sie ihren ersten Lohn und lief ohne Stopp nach hause. Völlig außer Atem stand sie vor ihrer Mutter und hielt ihr das Geld entgegen.
    „Mein Gott, Emma“, sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.
    „Ja, Mutter“ keuchte Emma immer noch Atemlos. „Jetzt kannst du uns etwas zu essen machen.“
    Karla rief; „Emma komm, ich habe dir Badewasser gemacht.“
    „Ich bin viel zu müde“, sagte Emma und stöhnte vor Schmerz auf, als ihre Mutter sie am Arm berührte.
    „Ach du je. Kind, komm du mußt rasch in die heiße Wanne und Karla wird dir die Arme massieren, damit du sie morgen noch bewegen kannst“, rief die Mutter aus und schob Emma in die Wohnküche.
    Eine große Plastikwanne stand in der Mitte des Raumes.
    „Karla, hilf Emma beim auskleiden und baden. Ich laufe schnell zum Fleischer“, sagte die Mutter und verließ die Küche.
    „Ich kann nicht. Ich bin so müde und mir tut alles weh“, jammerte Emma. Doch Karla hatte kein Mitleid und fing an Emma zu entkleiden.
    „Mein Gott, Emma. Wo hast du nur all diese blauen Flecken her? Hat man dich verhauen?“ rief Karla erschrocken als sie Emmas Körper betrachtete.
    „Nein, wirklich nicht. Aber die Hölzer trafen mich mehrfach, weil ich nicht richtig acht gegeben habe“, sagte Emma leise. „Sieht es so schlimm aus?“ schüchtern sah Emma ihre Schwester an.
    „Ja. Aber daß bekommen wir schon wieder hin“, sagte Karla resolut. „Komm jetzt in die Wanne, solange sie noch heiß ist. Es wird dir gut tun.“
    Emma gehorchte und stöhnte laut auf, als sie mit dem Fuß das heiße Wasser berührte. Mutig ließ sie sich in die Wanne gleiten. Nachdem ihr Körper die Hitze des Wassers aufgenommen hatte, fing sie an, sich zu entspannen.
    Karla nahm einen großen Schwamm und fing vorsichtig an über Emmas Rücken zu streifen. Als sie ihre Arme berührte stöhnte Emma auf und Karla zuckte zusammen. „Es tut mir schrecklich leid, Emma, aber ich bekomme den Staub nicht herunter. Beiß jetzt bitte die Zähne zusammen, es wird etwas weh tun“, sagte Karla leise.
    Emma schloß die Augen und stöhnte bei jeder Berührung auf. Ihr liefen die Tränen über die Wangen, doch dieses Mal ließ sie es geschehen.
    Die Mutter betrat mit zwei Tüten die Küche und vor Schreck fielen ihr diese aus der Hand.
    „Mein Gott, Emma. Wer hat dir das angetan?“ rief die Mutter und war mit zwei Schritten bei ihr.
    „Niemand Mutter. Ehrlich nicht. Ich hatte nur mehrmals einen Kampf mit den Holzblöcken“, sagte Emma schwach.
    „Wir brauchen etwas, womit ich Emma einreiben kann!“, sagte Karla
    „Ja ich habe etwas mitgebracht. Vielleicht hilft es ja“. Die Mutter gab Karla eine Lösung und nahm die Taschen wieder auf. „Ich koche uns eine Suppe zur Stärkung“, sagte sie.
    „Oh das ist toll, Mutter. Ich könnte einen Bären verschlingen…“ freute sich Emma.
    Nach dem Baden, rieb Karla ihre Schwester noch mit der Lösung ein und massierte ihre Oberarme. Danach durfte Emma sich ein wenig hinlegen.
    Die erste richtige Mahlzeit nach Wochen stand auf dem Tisch. Nach einem Gebet begangen sie zu essen.
    „Hm Mutter, wie gut das schmeckt“ schmatze Emma und Karla stimmte mit ein.
    „Ja und das alles haben wir unserer kleinen Emma zu verdanken“ sagte die Mutter voller Stolz.
    Die Monate vergingen und Emma schlug sich sehr gut im Sägewerk. Von dem Lohn, welches sie Woche für Woche nach Hause brachte, legte die Mutter immer wenige Cent weg. „Für schlechte Zeiten“, sagte sie dann leise.
    Schon seit Tagen, erzählte man sich, daß der Jahrmarkt in die Stadt kommen würde. Emma wurde von Kollegen aufgefordert mit auf den Jahrmarkt zu gehen.
    „He Tom, na los komm schon. So ein Ereignis kannst du dir nicht entgehen lassen“, rief ein Kollege.
    „Tut mir leid, aber ich kann nicht“, sagte sie scheu.
    „Was heißt hier du kannst nicht?“ donnerte der Dicke. „Natürlich kommst du mit. Wir gehen da alle hin.“
    Emma schluckte. Sie wußte nicht was sie tun sollte. Die Mutter wartete auf das Geld und sie war viel zu müde. Aber wenn sie nicht gehen würde, würde ihre Tarnung sicherlich auffliegen.
    Emma lachte gezwungen fröhlich. „Ja logisch komme ich mit, wenn alle dabei sind.“
    „Na also. Dann laßt uns mal losziehen. Und denkt daran, keine Schlägerei anzuzetteln. Das wirft ein schlechtes Licht auf uns“, polterte der Dicke noch, bevor alle loszogen.
    Auf dem Weg zum Jahrmarkt begegnete Emma ihrer Schwester und sah sie hilfesuchend an. Diese nickte leicht und ging ihnen langsam hinterher.
    An einer Ecke blieb Emma kurz stehen und tat als wolle sie ihre Schuhe binden. Karla schloß rasch auf und flüsterte: „Wo gehst du hin?“
    „Ach Karla, ich muß mit zum Jahrmarkt. Hier nimm das Geld und gib es Mutter“, flüsterte auch Emma.
    „He Tom, wo bleibst du denn?“ rief einer der Arbeiter.
    „Ich komme gleich“, rief Emma zurück.
    „Warte, hier nimm etwas Geld mit. Du wirst es brauchen. Paß auf dich auf“ Karla gab ihrer Schwester einen Kuß auf die Wange.
    In diesem Moment kam der Dicke um die Ecke und schnalzte mit der Zunge. „Ach jetzt verstehe ich warum du immer gleich nach hause rennst“, lachte er donnernd. „Du hast Geschmack mein Junge. Sag deinem Weib, daß es spät wird und dann komm.“
    „Ja Chef, mache ich.“ An Karla gerichtet sagte sie „Du hast gehört was mein Chef gesagt hat. Also warte nicht auf mich.“ Leiser sagte sie; „Keine Angst ich passe auf mich auf.“ Dann schloß sie zu den anderen Männern auf.
    „Hier Kleiner kommt und trink mal ein Männergetränk“, lachte ein Kollege und reichte ihr einen Whisky.
    Emma versuchte das brennende Gefühl zu ignorieren, aber ein Hustenanfall überkam sie völlig unerwartet. Das darauf folgende Gegröle war gekoppelt mit Witzen.
    „Na Tom. Dieser Männersaft ist wohl nichts für dich. Gib her, den trinke ich“ sagte der Dicke grinsend und nahm ihr das Glas ab. Er reichte ihr ein Bier.
    „Danke Chef“, sagte Emma immer noch röchelnd und trank vorsichtig einen Schluck aus der Flasche. Das Bier rann angenehm ihre Kehle hinunter. Aber sie trank langsam, wußte sie doch wie gefährlich es war, zu viel Alkohol zu trinken.
    Am späten Abend saß Emma mit zwei weiteren Kollegen an einem Tisch und spielte Karten.
    Ein gut gekleideter Mann setzte sich zu ihnen und fragte: „Wollen wir mal um etwas mehr als nur Centstücke spielen?“ Er legte mehrere Dollerscheine auf den Tisch.
    „Was meinst du Tom? Wollen wir es wagen?“ lallte ein Kollege
    „Ich weiß nicht. So viel Geld habe ich nicht bei“, sagte Emma vorsichtig.
    „Na komm schon, wir können ja zusammen werfen, wenn wir gewinnen, dann haben wir das Doppelte“, versuchte der Kollege Emma zu überreden.
    Der Gutgekleidete Mann, grinste hämisch. „Was ist, haste Schiß? Dein Kumpel hat ja Recht, versuche es doch mal. Alles oder nichts ist die Devise.“
    „Komm schon Tom, laß es uns versuchen“, lallte der Kollege nochmals.
    „Ich habe nur die paar Doller“, sagte Emma. „Das Geld von dir werde ich nicht nehmen. Wenn der Herr einverstanden ist, dann spiele ich mit meinem Geld oder gar nicht.“ Herausfordern sah sie den Fremden an.
    Er neigte leicht den Kopf. „Ok, dann leg auf den Tisch was du hast. Ich lege das Doppelt drauf.“
    Emma gewann das Spiel und nahm das Geld an sich. Sie strahlte und wollte sich verabschieden.
    „He komm schon, du kannst nicht einfach gehen. Ich habe noch eine Change verdient. Die darfst du mir nicht verwehren. Das ist doch Ehrensache“, sagte der Fremde und hielt Emma am Arm fest.
    Sie schaute auf seine Hand dann in sein Gesicht. „Nimm deine Hand da weg“, zischte sie leise.
    Er zog eine Augenbraue hoch, doch nahm er langsam seine Hand von Emmas Arm und wartete.
    „Ok, der Ehre wegen. Alles oder nichts!“ sagte sie ohne den Blick von dem Fremden zu nehmen.
    Einige Leute hatten sich mittlerweile um den Tisch versammelt.
    Emmas Glücksträhne nahm an diesem Abend nicht ab. Am Ende hatte sie mehrere Hundert Doller gewonnen. Der Fremde sah sie finster an und rief, „Verdammter Mistkerl, du hast betrogen.“ Er sprang auf und zeigte mit dem Finger auf Emma.
    Doch diese sammelte ruhig ihre Geldscheine ein. Dann erhob sie sich ebenfalls und sagte schneidend: „Nur der Ehrenhalber habe ich weitergespielt. Ich habe es nicht nötig zu betrügen.“
    „Recht so mein Junge. Wer etwas anderes behauptet bekommt es mit mir zu tun“, dröhnte der Chef von Emma, neben ihr.
    Sie sah ihm in die Augen und formte Wortlos. „Danke“.
    „Eine Runde Bier für alle“ rief Emma laut und gab dem Wirt ein paar Doller.
    Der Dicke nahm sie an die Seite und sagte leise: „Komm Junge ich bringe dich nach hause, bevor noch andere auf dumme Gedanken kommen.“
    Zwei weitere Kollegen kamen hinzu und zu viert machten sie sich auf den Weg. Der Fremde stand ein paar Häuser weiter und wartete. Als er jedoch Emma in Begleitung von drei Kräftigen Männer sah, verschwand er rasch in die andere Richtung.
    An ihrer Haustür gab Emma jedem Kollegen ein paar Doller und als sie ihrem Chef ebenfalls etwas Geld geben wollte, umschloß er ihre Hand und raunte ihr zu. „Verschwinde so bald wie möglich aus dieser Stadt, mit dem Geld kannst du dir und deiner Familie ein kleines Häuschen vor der Stadt kaufen. Aber mach schnell. Der Fremde wird versuchen sein Geld wieder zu bekommen.“ Er schob Emma ins Haus und verschwand mit den Jungs in die Nacht.
    Emma wurde bereits von ihrer Mutter erwartet.
    „Da bist du ja endlich. Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht“, flüsterte die Mutter.
    Emma legte das gesamte Geld auf den Tisch und die Mutter rief erschrocken. „Was ist das?“ sie hielt sich schnell die Hand vor dem Mund, doch durch die lauten Worte wurde Karla wach und kam zu ihnen.
    Als sie auf den Tisch sah rief sie laut: „Emma, was hast du getan?“.
    „Pst. Seid doch nicht so laut“, flüsterte Emma. „Ich habe beim Glückspiel gewonnen. Aber wir müssen so schnell wie möglich die Stadt verlassen. Dieser feine Pinkel, wird versuche das Geld zurück zubekommen. Laßt uns gleich morgen früh aufbrechen.“
    Die Mutter nickte stumm und sammelte das Geld ein.
    Einige Tagesmärsche von der Stadt entfernt kauften sie ein kleines Häuschen mit Garten. Sie waren nahe an einem kleinen Dorf. Dort fand Karla eine Anstellung im Kurzwarenladen und Emma ging in die dortige Schule.

    Sonntag, 3. Februar 2008 15:45

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