Unterschied Kurzgeschichte – Roman

Wir haben das schon öfter diskutiert, und ich denke, theoretisch ist das auch klar, aber vielleicht der größte Unterschied zwischen dem Schreiben einer Kurzgeschichte und dem Schreiben eines Romans ist der, dass man sich beim Roman etwas Zeit lassen kann mit der Entwicklung der Geschichte, bei einer Kurzgeschichte muss man direkt vor dem entscheidenden Ereignis hineinspringen. Davor passiert nicht viel. Das entscheidende Ereignis setzt die Geschichte in Gang und ist fast gleichzeitig ihr Höhepunkt.

Romanautorinnen haben damit oft Probleme. Ich auch. Wir brauchen einfach mehr Zeit, beschäftigen uns mehr mit Details, bevor die Geschichte richtig losgeht. Wenn man eine Geschichte so anfängt, muss es tatsächlich ein Roman werden, denn das Verhältnis zwischen Details und dem entscheidenden Ereignis muss im Gleichgewicht bleiben.

Wenn man dieses Gleichgewicht nicht berücksichtigt, kann es vorkommen, dass man statt direkt vor dem entscheidenden Ereignis zu starten erst einmal eine Menge Dinge beschreibt, die damit nichts zu tun haben. Also erwartet die Leserin einen Roman. Aber dann wird es nur eine Kurzgeschichte.

Das entscheidende Ereignis ist Teil des Konflikts beziehungsweise es deutet auf den Konflikt hin. Es darf also nichts Alltägliches sein. Überhaupt kommt in einer Kurzgeschichte so gut wie nichts Alltägliches vor, denn wie ich schon einmal in einem anderen Artikel hier schrieb: Spannend wird eine Geschichte erst dort, wo der Alltag aufhört.

Das heißt also, alles, was Alltag ist, gehört erst einmal nicht in die Geschichte oder nur ganz am Rande. In einer Kurzgeschichte muss man sich auf den Kern konzentrieren, noch mehr als in einem Roman. Dort gibt es eventuell sogar mehrere Kerne, in einer Kurzgeschichte gibt es nur einen. Einen Konflikt, eine Hauptperson, ein Ort, eine Zeit.

Was bedeutet das? Alles, was Alltag ist, sollte gar nicht erst beschrieben werden (oder es muss im nachhinein bei der Überarbeitung gestrichen werden). Keine langen Szenen, in denen nichts passiert außer dass die Figuren beispielsweise im Büro sind. Keine langen Szenen, in denen die Charaktere über ihre Arbeit sprechen oder sich gegenseitig ihre Biographie erzählen, als würden sie einen Lebenslauf für eine Bewerbung abliefern.

Das muss sich alles so nebenbei ergeben, darf niemals Kerninhalt eines Gesprächs sein. In einem Gespräch, einem Dialog muss es um wichtige Dinge gehen, und das bedeutet bei einer Liebesgeschichte: um Gefühle.

Alle Szenen in einer Kurzgeschichte müssen genau auf den Punkt geschrieben sein, müssen irgendetwas mit dem Konflikt zu tun haben.

Was ist der Konflikt? Der Konflikt muss in jeder einzelnen Szene durchscheinen, denn in einer Kurzgeschichte haben wir nicht so viele Szenen wie in einem Roman, wo es auch mal Übergänge geben darf, in denen nicht so viel passiert.

Dennoch muss sich am Ende der Szene oder am Ende des Kapitels etwas verändert haben. Und normalerweise sollte das etwas innerhalb der Person sein, keine äußerlichen Umstände. Es sei denn, die äußeren Umstände wirken wieder auf die Person zurück.

Wenn es keinen Konflikt gibt, gibt es keine Geschichte. Darüber haben wir ja schon oft gesprochen. Gibt es keinen Konflikt zwischen Protagonistin und Antagonistin, plätschert die Geschichte nur so vor sich hin, entwickelt sich nicht weiter, hat keine Höhen und Tiefen.

Deshalb ist es ganz, ganz wichtig, sich über den Konflikt Gedanken zu machen. Welche Konflikte können zwei Personen haben, die ein Liebespaar werden sollen?

Leider gibt es da nicht unendlich viele, weil so gut wie alles schon einmal geschrieben worden ist. Man muss also aus den bekannten Zutaten immer etwas Neues kreieren. Wie beim Kochen. wink

Missverständnisse sind meistens ein guter Nährboden für den Fortgang einer Geschichte, denn sie müssen aufgeklärt werden. Einfach mal darauf achten, wie oft ein Missverständnis, über das nicht gesprochen wird, eine Geschichte trägt. Öfter, als man denkt.

Außer Missverständnissen gibt es auch noch andere Dinge, die zu Konflikten führen können, Angst vor zu viel Nähe zum Beispiel oder die Angst, verlassen zu werden (weshalb man sich lieber gar nicht erst auf eine Beziehung einlässt), Ängste generell. Aber auch hier muss eine Lösung gefunden werden, diese Ängste zu überwinden wie im anderen Fall eine Lösung für das Missverständnis.

In einer Kurzgeschichte muss das relativ schnell vonstatten gehen, weshalb man keine Zeit mit unnötigen Details oder Vorbereitungen auf die Geschichte verschwenden darf. Eine Szene folgt wie ein Knalleffekt auf die andere. In der einen Szene schlagen sie sich, in der nächsten küssen sie sich sozusagen. laughing

So geht es ein paarmal hin und her, bis sie sich in der letzten Szene dann endgültig küssen, ohne dass man erwartet, daran würde sich so schnell wieder etwas ändern. Das ist dann das glückliche Ende nach einigen (aber nicht zu vielen wie in einem Roman) Irrungen und Wirrungen.

Das eine große Missverständnis wird aufgeklärt, und damit ist der Weg frei für eine glückliche, wenn auch vielleicht nicht ganz unholperige Beziehung.

In einem Roman könnte nach diesem ersten Missverständnis und dessen Aufklärung (oder auch erst einmal noch nicht Aufklärung) noch ein weiteres folgen oder sogar noch ein drittes – die auch miteinander verschränkt sein können –, aber in einer Kurzgeschichte gibt es nur dieses eine.

Darauf muss man sich beschränken, auch wenn einem noch tausend andere Ideen kommen. Dann muss man entweder einen Roman schreiben oder ganz viele verschiedene Kurzgeschichten. laughing

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment
  • No comments found

Übungen

  • 5 Wörter – Teil 1 +

    Wie fange ich eigentlich an zu schreiben? Was muß ich beachten? Das sind so die zentralen Fragen, die man sich Weiterlesen
  • 5 Wörter – Teil 2 +

    So, hier sind sie, die nächsten fünf Wörter, aus denen Sie die Story Ihres Lebens machen können. Weiterlesen
  • 5 Wörter – Teil 3 +

    Es ist wieder einmal Samstag, und das bedeutet neue Schreibübungen für diejenigen, die an ihrem Stil feilen wollen.Hier die Wörter Weiterlesen
  • 5 Wörter – Teil 4 +

    Neue Wörter für die Schreibinteressierten:Baum, Mauer, Blumenvase, Kaffeemaschine, Rolltreppe Ich bin schon gespannt auf die Geschichten. Weiterlesen
  • 5 Wörter – Teil 5 +

    Da die ausgewählten Wörter anscheinend so anregend sind und so schöne Schreibübungen hervorgebracht haben, freue ich mich, die nächsten fünf Weiterlesen
  • Die 250-Wörter-Challenge +

    Jeden Tag 250 Wörter, dann hat man Ende des Jahres einen Roman. Diese Idee von Catherine Fox greife ich hier Weiterlesen
  • Die 48-Minuten-Herausforderung +

    Es gibt immer wieder neue Methoden, die beim Schreiben helfen sollen. Eine davon ist der Vorschlag, in Abschnitten von exakt Weiterlesen
  • Die verfluchte erste Zeile! – Teil 1 +

    Ich weiß ja schon, worüber ich schreiben will. Ich weiß es ganz genau. Aber die erste Zeile, die fällt mir Weiterlesen
  • Die verfluchte erste Zeile! – Teil 2 +

    Und schon geht es weiter. Eine neue erste Zeile für den nächsten Roman oder die nächste Kurzgeschichte aus Ihrer Feder. Weiterlesen
  • Die verfluchte erste Zeile! – Teil 3 +

    Hier ist die dritte erste Zeile:Ich werde einen langen Brief an Mutter schreiben und ihr erzählen, was geschehen ist.Da wird Weiterlesen
  • Die verfluchte erste Zeile! – Teil 4 +

    Die vierte erste Zeile: In der Hitze dieser Nacht hätte alles geschehen können.   Weiterlesen
  • Die verfluchte erste Zeile! – Teil 5 +

    Die fünfte erste Zeile: Als ich sie sah, wusste ich, dass dieser Sommer entweder wundervoll oder furchtbar werden würde. Weiterlesen
  • Drabble – Eine Geschichte in 100 Wörtern +

    Kann man eine Geschichte in 100 Wörtern erzählen? 100 Wörter sind extrem wenig, und die Geschichte sollte Anfang, Mitte und Weiterlesen
  • Lass die Geschichte von der App schreiben +

    Ganz so einfach, wie der Titel sagt, ist es nicht, aber Richard Norden hat auf seinem Blog eine App vorgestellt, Weiterlesen
  • Schriftstellertraining, 1. Übung +

    Eines der schwierigsten Dinge beim Schreiben ist das Anfangen. Wie fange ich an? Womit? Wann schreibt es sich am besten? Weiterlesen
  • Schriftstellertraining, 2. Übung +

    Schreiben ist in erster Linie Handwerk. Damit verkünde ich nichts Neues, das habe ich selbst schon Dutzende Male gesagt, und Weiterlesen
  • Schriftstellertraining, 3. Übung +

    Gefühle. Gefühle zu beschreiben ist eine ganz spezielle Kunst. Die beiden ersten Übungen bezogen sich mehr auf Äußerlichkeiten, jedesmal wurde Weiterlesen
  • Schriftstellertraining, 4. Übung +

    Heute einmal keine einzelnen Wörter und kein erster Satz, sondern die Vorgabe für eine kleine Geschichte. Zwei Frauen treffen sich Weiterlesen
  • Virtuelle Romanwerkstatt +

    Gerade stolperte ich über eine ganz interessante Idee, die aber leider schon wieder eingestellt wurde: eine virtuelle Romanwerkstatt, bei der Weiterlesen
  • Wer findet hierzu eine Geschichte (1)? +

    Da wir gerade so gut im Schwange sind, gibt es für diejenigen, die immer noch nicht genug haben ;), eine neue Weiterlesen
  • 1
  • 2

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche