Nimm nicht teil, beobachte

Kürzlich habe ich die »10 Schritte« hier veröffentlicht, die dabei helfen sollen, bessere Prosa zu schreiben. In erster Linie wollte ich darauf hinweisen, wie lustig maschinelle Übersetzungen sein können , aber natürlich ist auch der Inhalt dieser Anweisungen durchaus nicht uninteressant.

Ich picke mir einmal das heraus, was ich daran wichtig finde. Das erste wäre:

Stop participating and begin observing

Also »Nimm nicht teil, beobachte«. Das ist nämlich oft leichter gesagt als getan.

Wir alle sind Teilnehmerinnen, in unseren Familien, in unseren Beziehungen, an unserem Arbeitsplatz, selbst auf der Straße, wenn wir nur zum Einkaufen gehen oder dann dort, im Supermarkt.

Für die meisten von uns – gerade für uns Frauen – ist es oftmals schwierig, Distanz zu wahren. Viele Beziehungen scheitern daran, daß wir uns zu nahe kommen, daß wir nicht mehr zwischen »ich« und »sie« unterscheiden können. Es gibt nur noch ein »Wir«, das Unterschiede vernichtet.

Genau dasselbe geschieht, wenn wir keine Distanz zu unseren Texten wahren und zu deren Inhalt. Manchmal ist das gewollt, bei Tagebucheintragungen zum Beispiel oder bei sehr persönlichen Gedichten, die ich nur für mich schreibe oder vielleicht für die eine, einzige Person, an die sie gerichtet sind. Bei Prosa jedoch, Kurzgeschichten und Romanen, die ich nicht nur für mich schreibe, sondern die für ein Publikum gedacht sind, eine möglichst große Zahl von Leserinnen, die ich nicht kenne und von denen ich nichts weiß, ist das anders.

Ich spreche hier jetzt wiederum nur von Texten, die für eine Veröffentlichung gedacht sind, die ich also mit Blick auf die Leserin schreiben muß. Das wird oft vergessen. Wir sind so sehr Teilnehmerinnen an unserem eigenen Leben – logischerweise –, daß wir weniger mit Blick auf die Leserin schreiben als oft mit Blick auf uns. Und zudem lediglich aus unserem ganz persönlichen Blickwinkel.

Wir beobachten uns nicht selbst, wir analysieren uns nicht selbst, wir beschreiben einfach, was geschieht – und genau so, wie es geschieht. Ohne Rücksicht auf das, was für eine Leserin vielleicht interessant oder – man muß es leider so sagen –langweilig sein könnte. Für uns ist schließlich alles interessant. Es ist unser Leben. Wir sind natürliche Teilnehmerinnen daran, die Leserin aber nicht. Das muß man berücksichtigen.

Auch reicht es nicht aus, uns selbst zu beobachten, wir müssen vor allem andere beobachten, was sie tun, was sie sagen, wie sie sich verhalten. Analysieren, was die Gründe für ihr Verhalten sein könnten. Warum sie sind, wie sie sind. Warum sie so handeln, wie sie handeln. Da wir nicht jeden befragen können, den wir auf der Straße sehen und vielleicht beobachten, sind wir dabei naturgemäß auf Vermutungen angewiesen, Spekulationen, die unserer eigenen Phantasie entspringen, aber das macht nichts.

Es kommt nicht auf die Realität an, sondern auf unsere Vorstellungskraft. Wir wollen ja in unseren Romanen oder Kurzgeschichten dann auch nicht die Realität abbilden, sondern das, was für uns eine vorstellbare Realität wäre. Normalerweise eine schönere Realität als die, in der wir leben. Eine Realität voller lesbischer Frauen, die liebesfähig und bindungswillig sind, die keine Probleme mit Sex haben - jedenfalls keine, die sich nicht in einer Nacht überwinden ließen – und uns nicht mit unbegründeter Eifersucht verfolgen. Die uns nicht verletzen und nie, niemals im Stich lassen. Das lesbische Utopia eben.

Wie können wir uns in unseren Texten diesem Utopia nähern, wenn wir uns nicht von der Realität lösen? Sobald wir in unsere Texte eintauchen, sind wir eben keine Teilnehmerinnen an der Realität mehr, wir sind allerhöchstens Teilnehmerinnen an unserer Utopie – der von uns geschaffenen Welt, die uns allein gehört, die wir aber anderen über unsere Texte zugänglich machen wollen.

Nun hat jede ihre eigene Sichtweise, die vielleicht in einigen Punkten mit meiner übereinstimmt, aber nicht in allen. Ich muß mich also, während ich schreibe, in meine Leserin – es ist immer nur eine, in alle kann man sich nicht hineinversetzen – hineinversetzen und herausfinden, was sie, diese meine einzige Leserin, für die ich schreibe, erwartet.

Was muß ich ihr erklären, was kann ich weglassen? Was interessiert sie, was langweilt sie? Ich darf nicht mehr Teilnehmerin sein, ich muß Beobachterin sein. Ich muß mir vorstellen können, was andere interessiert, nicht was mich interessiert (das weiß ich ohnehin, mag aber andere langweilen).

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Beobachtens liegt darin, daß ich in einem Roman Figuren entwickeln muß, glaubhafte Charaktere. Ich muß wissen, wie sie denken, wie sie leben, was sie tun, was sie hassen, was sie lieben – und warum.

Selbst wenn man einen sehr großen Bekanntenkreis hat, kann man sich nicht einfach darauf verlassen, daß schon eine Figur daherkommen wird, die ich verwenden kann. Figuren müssen genau für eine Geschichte entworfen werden, sie müssen passen.

Das schafft man nur durch Beobachtung. Durch genaues Beobachten und Aufnehmen. Wie ein Videorecorder muß ich alles speichern, was mir begegnet. (Für diejenigen, die kein so gutes Gedächtnis haben: Es gibt Notizblöcke, Laptops, PDAs, Diktiergeräte, die man immer dabeihaben kann. Alles sofort aufzusprechen ist die einfachste Methode. Ein Diktiergerät oder PDA bzw. Handy mit Mikrofon reicht dafür aus.)

Wenn ich dann zu Hause bin, kann ich es aufschreiben und noch einmal darüber nachdenken. Ob die Figur oder die Figuren, die ich heute beobachtet habe, mir Material für eine Figur liefern könnten, die ich für meinen nächsten Roman brauche. Ob eine Verhaltensweise, die mir fremd vorkommt und unverständlich, sich vielleicht in eine Szene einbauen ließe, die genau das widerspiegeln soll: Fremdheit und Unverständnis.

Wichtig sind vor allen Dingen die Dinge, die ich nicht kenne. Was ich bereits kenne, ist uninteressant. Da kann ich aus meinem Fundus schöpfen, kann einfach Erinnerungen, Erfahrungen, Meinungen abrufen. Aber jeder Roman braucht auch die Spannung, die darin liegt, daß Meinungen auseinandergehen, das es unvereinbare Gegensätze und Konflikte gibt. Die werde ich kaum je in mir selbst finden. Das muß ich durch Beobachtung erfahren.

Ich muß mich davor hüten, zur Teilnehmerin zu werden. Wenn ich selbst beteiligt bin, kann ich nicht mehr beobachten. Ich kann nicht mehr objektiv wahrnehmen, wie die Menschen reagieren, wie die Umstände Einfluß nehmen.

Teilnehmen kann ich an dem, was ich nicht beschreibe. In der Familie, in der Beziehung, am Arbeitsplatz.

Aber überall dort, wo ein Text entstehen soll, der viele Leute anspricht, gilt:
»Nimm nicht teil, beobachte«
und verarbeite deine Beobachtungen so, daß sie die potentielle Leserin verstehen und nachvollziehen kann.

Bereite ihr ein spannendes – kein langweiliges – Leseerlebnis.

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