Nichts be-/verurteilen

Heute beschäftige ich mich mit einer weiteren Aussage aus den »10 Schritten«:

Don’t pass judgment

Einer der wichtigsten Hinweise zum Schreiben überhaupt. Wir beurteilen in unserem täglichen Leben eigentlich ständig. Wir müssen entscheiden, ob das Fleisch und das Gemüse im Supermarkt gut und preisgünstig sind, wir müssen entscheiden, ob wir einen Menschen mögen oder nicht, wir müssen beurteilen können, was ein Risiko darstellt (zum Beispiel bei Rot über die Straße zu gehen), und was sicher ist.

Eine Situation zu beurteilen ist also nichts Besonderes, es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, es ist lebensnotwendig. Es ist etwas, das wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben, damit wir unser Leben überhaupt leben können.

Anders aber ist es beim Schreiben. Wenn ich beobachte ist alles gleichwertig. Ich darf dem, was ich beobachte, nicht gleich einen Stempel aufdrücken. Gut, schlecht, brauchbar, unbrauchbar, sympathisch, unsympathisch. Als Beobachtende bin ich eine Jägerin und Sammlerin, die alles in sich aufnimmt, ohne es zu beurteilen – und vor allem ohne es zu verurteilen.

Ich darf mich in keiner Weise dazu hinreißen lassen teilzunehmen. Denn sobald ich beurteile oder verurteile, nehme ich am Geschehen teil.

Es ist ein Übel unserer Zeit – nein, nicht nur unserer, das gab es schon immer –, Dinge so gut wie nie objektiv zu betrachten. Wir sehen alles immer nur subjektiv, aus unserer Position heraus. »Das mag ich«, »das mag ich nicht«.

Als Schreibende ist es aber nicht relevant, ob ich etwas mag oder nicht mag. Solange ich mich im Stadium des Sammelns und Beobachtens befinde, ist es sogar fatal, so zu denken. Denn dadurch sortiere ich Dinge aus meiner Wahrnehmung aus, die vielleicht für meine Geschichte wichtig sind. Besonders, wenn sie nicht meiner eigenen Erfahrung entsprechen.

Natürlich gilt dasselbe auch für unser tägliches Leben. Wir sollten Dinge und Menschen nie vorab in eine Schublade stecken, in die sie vielleicht gar nicht gehören. Unser Leben wird dadurch ärmer, nicht reicher.

Dennoch kann im Alltag jede selbst entscheiden, wie sie das handhabt, als Schreibende haben wir diese Freiheit nicht.

Wir müssen objektiv bleiben, sonst wird das, was wir schreiben, niemand interessieren außer uns selbst.

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