Laura

Nie werde ich das Wochenende vergessen, an dem Laura starb. Eine silberne Sonne brannte vom Himmel wie durch ein gigantisches Vergrößerungsglas. Es war der heißeste Sonntag, an den ich mich erinnern konnte.

Ich fühlte mich, als wäre ich das letzte menschliche Wesen, das in New York übriggeblieben war, denn nach Lauras schrecklichem Tod war ich allein. Ich war der einzige, der sie wirklich gekannt hatte.

Das ist der Anfang des Films »Laura«, eines amerikanischen Schwarzweißfilms von Otto Preminger aus dem Jahr 1944, ein Klassiker des Kinos.

Fünf Sätze, die neugierig machen und einen in das Geschehen hineinziehen. Deshalb stelle ich sie hier als Beispiel für den Anfang einer Geschichte ein, der neugierig machen soll. Der Film »Laura« wurde nach einer Kurzgeschichte gedreht.

Wie oft erhalten wir Manuskripte, deren Anfänge leider in keiner Weise neugierig machen, wo der Anfang einfach die Beschreibung des langweiligen Alltags ist oder eines langweiligen Ereignissses.

Dieser Anfang hier hat nichts mit Alltag zu tun. Schon der erste Satz spricht von etwas nicht Alltäglichem, dem Tod. Nicht nur nicht alltäglich, sondern auch bedrohlich, denn wir alle fürchten uns vor dem Tod.

Ein Wochenende hingegen ist etwas höchst Alltägliches, sich ständig Wiederholendes, das mit dem nicht Alltäglichen, dem Sterben, kontrastiert wird, und daß hier von einem Wochenende die Rede ist und nicht von einem einzigen Tag, macht ebenfalls neugierig. Wenn von Tod oder Sterben die Rede ist, geht es meist um ein bestimmtes Datum, einen einzigen Tag, der dann als Todestag eingetragen wird, in einem Lexikon, wenn es sich um einen berühmten Menschen handelt, in einem Stammbuch der Familie, wenn der Mensch weniger berühmt ist. Also warum hat Laura keinen Todestag, sondern ein Todeswochenende?

Das sind eine Menge Fragen, die schon diese ersten fünf Sätze aufwerfen und die man beantwortet haben möchte.

Wer ist/war Laura? Warum ist sie tot? Wie starb sie? Welche Folgen hat ihr Tod? Was hat dieses Wochenende für eine Bedeutung?

In vielen Diskussionen während des LiteraturPreises wurden ähnliche Fragen aufgeworfen, weil Autorinnen es versäumt hatten, ihre Figuren oder die Situation, in der sie sich befanden, ausreichend zu beschreiben. Das gab Anlaß zur Kritik, denn die Leserin muß mit genügenden Informationen versorgt werden, um in die Geschichte eintauchen zu können.

Wenn – ja eben: wenn – man nicht mit einem Geheimnis beginnen möchte, das noch lange nicht aufgeklärt wird. Doch auch ein solches Geheimnis muß man gut verkaufen. Man kann nicht einfach alle Informationen weglassen, irgend etwas Banales beschreiben und erwarten, daß die Leserin dann folgt und weiterliest. Man muß die Neugier der Leserin wecken.

Das vergessen viele Autorinnen, wie wir es auch im diesjährigen LiteraturPreises wieder gesehen haben. Ich erinnere mich noch an die Antwort einer Autorin, die meinte, auf unserer Webseite wären ja »nur« die ersten 9.000 Wörter ihres Romans veröffentlicht. Deshalb könnte die Kritikerin, die kritisiert hatte, daß der Roman bis dahin nicht sehr spannend wäre, nicht beurteilen, ob der Roman spannend wäre oder nicht, denn erst danach würde die Geschichte richtig losgehen.

Was ist eine Geschichte wert, die nach 9.000 Wörtern immer noch nicht losgegangen ist, sich immer noch in Banalitäten verliert? Um die Wahrheit zu sagen: nichts. Denn eine solche Geschichte will niemand lesen.

Deshalb finde ich den Anfang von »Laura« so beeindruckend. In unseren Romanen haben wir es zwar weniger mit Tod, Mord oder Sterben zu tun, aber jede Autorin muß für den Anfang ihrer Geschichte etwas finden, das ähnlich aufregend und neugierig machend ist, damit die Leserin weiterliest.

Und das ist eine äußerst schwierige Aufgabe.

 

 

 

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People in this conversation

  • Ruth Gogoll
  • Carrie
  • Ruth Gogoll

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    Die Ich-Form allein ist kein Grund für Kritik, wenn das Buch gut geschrieben ist. Das sollte man voneinander unterscheiden. Allerdings beschränkt die Ich-Form die Perspektive extrem, weil man dann nur Sachen erzählen kann, die die Ich-Person erlebt, weshalb diese Perspektive nicht oder nur ausnahmsweise zu empfehlen ist.

    In diesem Fall ist es so, daß es nicht bei der Ich-Form bleibt, sondern dieser Anfang eine Art Tagebucheintrag des Journalisten ist, der die Geschichte zu Beginn erzählt. Später ändert sich die Perspektive, und es wird in der dritten Person erzählt.

    Für das, was ich hier zeigen wollte, ist es aber unerheblich, ob Ich-Perspektive oder 3. Person, es geht nur um die Atmosphäre und die Spannung.

    Freitag, 14. Mai 2010 23:02
  • Carrie

    Permalink

    Ich stimme Ihnen zu. Als Beispiel für das Erzeugen von Spannung, wie man in eine Geschichte hineinziehen soll, wie man seine Leserin fesseln sollte, ist der Beginn dieses Films sicher geeignet.
    Auch ich habe diesen unterschwelligen, ominösen Hauch gespürt, der diese Geschichte umweht.
    Trotzdem finde ich die Wahl dieses Auszuges nicht ganz gelungen - weil er eben in der Ich-Form geschrieben ist.
    Und auch dieser Umstand wurde im Wettbewerb vielen Autorinen angekreidet. Sicher, als Profi kann man sich so etwas durchaus mal erlauben und als Stil-Mittel eingestzt macht diese Schreibform auch manchmal durchaus Sinn.
    Aber da wir hier ja doch zum größten Teil Anfängerinnen sind, stört mich diese Form hier ein wenig, wenn sie mir nun plötzlich als "Anschauungsmaterial" aufgetischt wird.

    Gruß
    Carrie

    Freitag, 14. Mai 2010 19:18

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