Ruth Gogoll: Wie Honig so süß

Ein Fortsetzungsroman in 250-Wörter-Abschnitten (Warum?)

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Billy war schon davon betroffen worden, die Männer allgemein, aber Emma nahm an, dass es bald auch die Frauen betreffen würde, wenn die Männer nicht mehr da waren, wenn alles durcheinandergeriet, weil Arbeitskräfte fehlten. Schon jetzt gab es oft zu wenige davon.

Da sie aber nichts Genaues wusste, musste sie wohl erst einmal in Erfahrung bringen, ob dieses anscheinend so bedeutsame Ereignis, von dem sie bis vor einer Stunde noch nichts geahnt hatte, einen Einfluss auf ihr Leben haben würde.

Das Wort Baumwolle ging ihr aus irgendeinem Grund nicht mehr aus dem Kopf. Baumwolle war etwas so Banales, dass man normalerweise nicht darüber nachdachte. Es war ein Werkstoff, mit dem sie arbeitete, wenn sie sich ein Kleid nähte, mehr nicht.

Wenn aber keine Baumwolle aus dem Süden mehr kam, was dann? Soldaten – das wusste sie aus leidvoller Erfahrung in Irland – brauchten Uniformen. Und die bestanden aus Baumwolle.

Ihre blauen Augen begannen zu funkeln. Hektische Gedanken schossen dahinter hin und her.

Auf einmal strömten ihre Kolleginnen glucksend und kichernd wieder herein. Offenbar war Mrs. Mitchell nun doch aufgefallen, dass das hier Arbeitszeit war.

Während die anderen sich bereits setzten, die Gespräche langsam versickerten und die Arbeit wieder aufgenommen wurde, blieb Siobhan an Emmas Tisch stehen.

»Ich würde ja gern wissen, wo du den ganzen Nachmittag warst«, bemerkte sie stirnrunzelnd. »So eine lange Anprobe? Gab es so viele Änderungen?«

Emma wurde aus ihrer Versunkenheit gerissen und brauchte einen Moment, um überhaupt zu verstehen, was Siobhan gesagt hatte. Auch wenn sie sich das vor einer Viertelstunde noch nicht hätte vorstellen können, aber ihre Gedanken hatten sich in den letzten Minuten ausnahmsweise tatsächlich nicht mit Francie beschäftigt, sondern mit ganz etwas anderem.

»Ja«, entgegnete sie schnell. »Viele Änderungen.«

»Obwohl es zuerst hieß, eine Anprobe wäre überhaupt nicht nötig?«

Verblüfft biss Emma sich auf die Unterlippe. Da hatte Siobhan aber gut aufgepasst. Viel zu gut. Sie zuckte die Schultern. »Du weißt, wie diese Ladys sind. Ändern ihre Meinung von jetzt auf gleich.« Nun musste sie aufpassen, denn auf einmal konnte sie es gar nicht verhindern, an Francie zu denken, und die Reaktionen folgten auf dem Fuße.

»Schon . . .«, erwiderte Siobhan gedehnt, aber ihre Augen bohrten sich in Emmas Gesicht wie die Nägel in ein Hufeisen beim Beschlagen.

»Mrs. Mitchell war ja in einer Mordslaune«, wechselte Emma geflissentlich das Thema und griff sich das Kleid, an dem sie gearbeitet hatte, bevor sie gegangen war. »Ist sonst noch etwas passiert?«

»Nichts, was dich interessieren durfte«, meinte Siobhan. »Oder vielleicht doch. Jimmy Mitchell hat sich ebenfalls zur Armee gemeldet. Ich glaube, darüber war die Alte viel saurer als über Billys ›Verrat‹, wie sie es nannte.«

Emma schüttelte besorgt den Kopf. »Billy ist noch so jung. Er weiß nicht, was er tut. Hoffentlich kommt er heil und gesund zurück.«

»Jimmy Mitchell hoffentlich auch«, setzte Siobhan hinzu und beobachtete Emma ziemlich eindringlich. »Oder interessiert dich das nicht?«

»Siobhan . . .« Emma lächelte sie an. »Denkst du immer noch, ich hätte etwas mit Jimmy Mitchell?«

»Weiß man’s?« Siobhan zuckte die Schultern. »Er war auch den ganzen Nachmittag verschwunden.«

»Du bist verrückt.« Kopfschüttelnd wandte Emma sich ihrer Arbeit zu, von der an diesem Nachmittag genug liegengeblieben war. Aber – sie lächelte still in sich hinein – es hatte sich gelohnt.

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