Ruth Gogoll: Wie Honig so süß

Ein Fortsetzungsroman in 250-Wörter-Abschnitten (Warum?)

Alle bisher veröffentlichten Folgen auf einen Blick

Der Mann rappelte sich benommen hoch, wusste offensichtlich kaum, wo er war, aber Emmas Hand leitete ihn zur Kutsche, in die sie ihn hineinschob, dann selbst hinterhersprang und dem Kutscher befahl: »Fahren Sie los! Schnell! Bevor die da wieder zu sich kommen«, fügte sie noch murmelnd hinzu.

Die Pferde zogen an, und schon waren sie so weit die Straße hinunter, dass die Menge ihnen nur noch dumm hinterhergaffen konnte.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte Emma den Mann, der immer noch etwas benommen neben ihr saß.

Er antwortete nicht, hob aber langsam den Kopf. »Ja, ich glaube schon, Mi-« Er brach ab, bevor er das letzte Wort aussprechen wollte. »Wer bist du denn?«, fragte er stattdessen barsch. Sein Blick musterte Emmas einfaches Kleid. Da sie allein in einer Kutsche saß, hatte er offensichtlich etwas anderes erwartet. Oder eher jemand anderen. Francie hätte ihn nicht überrascht.

»Die Frau, die Sie gerettet hat?« Emma hob die Augenbrauen.

»Ach was. So schlimm war es gar nicht.« Er klopfte sich den Staub von den Ärmeln. »Was mischst du dich in Sachen ein, die dich nichts angehen?« Sein Blick streifte sie abschätzig.

Ungläubig schüttelte Emma den Kopf. Sie hatte nicht den armen geschlagenen Iren gerettet, sondern den englischen Soldaten. Und dabei noch seine Ehre verletzt, weil er sich von einer Frau hatte helfen lassen müssen. Deshalb behauptete er, es wäre gar nicht nötig gewesen, obwohl seine Stirn immer noch Blutspuren trug.

»Ja, wieso habe ich das getan?«, murmelte sie.

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People in this conversation

  • Alexa
  • Ruth Gogoll
  • Alexa

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    Mich hat das Verhalten des Herrn doch sehr erschrocken! Wie man so undankbar sein kann.....Na ja, das gibt es heute ja leider auch noch. Aber nach Deiner Erklärung, Ruth, liegt es natürlich auf der Hand, dass er so reagiert. Obgleich es keine schöne Erfahrung für Emma ist.

    Mittwoch, 22. März 2017 11:38
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Ich bin gespannt, ob es mit dem Mann schon sein Bewenden hat, oder ob er sich noch erkenntlich zeigen wird.
    Hier in dieser Folge beginnt sich glaube ich abzuzeichnen, dass er sich gar nicht erkenntlich zeigen kann, weil das gegen die gesellschaftlichen Regeln verstoßen würde. Ein Gentleman kann ein arbeitendes Mädchen niemals anders behandeln als mit Arroganz und Ignoranz.

    Jeder Mensch, der für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste, war es damals nicht wert, dass man sich überhaupt mit ihm beschäftigte. Er stand so weit unten in der gesellschaftlichen Hierarchie, dass es fast unmöglich war, ihn überhaupt als Menschen zu betrachten. Nur jemand, der reich war, ohne arbeiten zu müssen, war ein Mensch. Alle anderen waren so etwas ähnliches wie Tiere, egal ob schwarz oder weiß.

    Emma ist also in seinen Augen nichts wert. Vor allem ist sie es nicht wert, höflich behandelt zu werden. Dazu steht sie zu weit unten auf der sozialen Leiter.

    Dienstag, 21. März 2017 16:17

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