Ruth Gogoll: Wie Honig so süß

Ein Fortsetzungsroman in 250-Wörter-Abschnitten (Warum?)

Alle bisher veröffentlichten Folgen auf einen Blick

Er hätte sich lieber totschlagen lassen als zuzugeben, dass eine Frau die Situation besser im Griff hatte als er. Und dann noch eine Frau, die keine Lady war. Bei einer Lady wäre es schon schlimm genug gewesen, aber ein einfaches Mädchen aus dem Volke . . . So etwas war undenkbar. Sollte er ihr jetzt etwa dankbar sein?

»Was machst du denn in einer Kutsche?«, fragte er misstrauisch. »Denk nur ja nicht, dass ich dir jetzt Geld gebe.« Auf einmal trat ein Funkeln in seine Augen. »Oder vielleicht doch . . . Wenn du nett zu mir bist . . .« Er beugte sich zu ihr.

Emma zog die Beine an und stieß sie ihm hart in den Bauch, er flog nach hinten, die nur locker verschlossene Seitentür der Kutsche öffnete sich, und sein Flug endete auf der Straße.

»Südstaatler raus«, stieß Emma wütend hervor. »Jetzt verstehe ich das.« Sie zog die Tür zu und erkannte nicht nur den Mann im Staub, der hinter der Kutsche zurückgeblieben war und nun noch ein paar mehr blaue Flecken hatte, sondern auch, dass sie bereits kurz vor Francies Haus waren. »Anhalten!«, rief sie dem Kutscher zu. Es wäre zu auffällig gewesen, wenn sie die Kutsche direkt vor dem Haus verlassen hätte. Die letzten paar Meter würde sie zu Fuß gehen, so dass es so erscheinen musste, als hätte sie das die ganze Strecke getan.

Sie stieg aus und bezahlte den Kutscher, und schon währenddessen schlich sich ein erwartungsvolles Lächeln in ihr Gesicht. Gleich würde sie Francie sehen. Endlich.

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  • Sima
  • Babs
  • Alexa
  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Wie Du siehst, Alexa, kann es sogar noch schlimmer kommen als gestern. Ich denke, das ist durchaus realistisch. Weniger realistisch ist, wie Emma sich wehrt, aber ich fand, das musste sein. Jemand wie Emma kann sich so etwas nicht bieten oder sich gar vergewaltigen lassen. Sie weiß, wie man kämpft, und das ist auch gut so. Von selbst kommt man zu nichts. Schon gar nicht in der damaligen Zeit. Wer nicht kämpfen kann, geht unter.

    Mittwoch, 22. März 2017 12:27
  • Sehr richtig. Emmas Reaktion passt auch zu ihr. Sie ist eben sehr selbstbewusst, bereits von klein auf, und lässt sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen. Sie ist eine Kämpferin. Zu dem Mann kann ich jetzt nur noch sagen: geschieht ihm recht!
    Obwohl du es sehr schön geschrieben hast, ertappe ich mich immer wieder beim Lesen dabei, dass ich mehr in der heutigen Zeit bin, was das Verhalten der Figuren angeht. So einfach ist es gar nicht, das nachzuempfinden. Daher meinen Respekt, Ruth. Das machst du sehr gut.

    Mittwoch, 22. März 2017 14:17
  • Ruth Gogoll

    Alexa Permalink

    Ich denke, das Verhalten ist auf jeden Fall fiktiv. Gut, dass des Mannes vielleicht nicht. Frauen waren eben nur Objekte damals, und eine Frau ohne Status, ohne Familie, ohne geerbtes Geld war das noch mehr als eine Frau aus einer guten Familie. Aber auch bei Francie hat man ja gesehen, dass sie nur eine Ware war. Da hat Emma sogar noch mehr Spielraum.

    Aber die alte Geschichte, dass Dienstmädchen zum Beispiel nur die Spielzeuge der Herren des Hauses waren, und wenn sie schwanger wurden, wurden sie einfach auf die Straße geworfen und endeten dort dann vielleicht als Prostituierte, ist ja vielfach belegt. Die Männer nahmen sich, was sie wollten, und den Frauen, die sich nicht wehren konnten, wurde dafür die Schuld gegeben. Ihr Leben war zerstört, während der Herr oder der Sohn des Hauses sich am nächsten Dienstmädchen verging und sich „die Hörner abstieß“, wie das so beschönigend hieß.

    Frauen waren immer nur Mittel zum Zweck. Entweder um die sexuellen Gelüste der Männer zu befriedigen oder um ihnen gesellschaftlichen Status und/oder Geld zu verschaffen, wenn sie beispielsweise reiche Erbinnen waren. Und selbst viele Frauen stellten nicht in Frage, dass es so war. Die Männer schon gar nicht.

    Ob eine Frau wie Emma damals so, wie ich sie hier beschreibe, hätte existieren können, bezweifle ich sehr. Man konnte als Frau nicht einfach beschließen, ein selbständiges Leben ohne Mann zu führen. Es war einer Frau nicht erlaubt, Geldgeschäfte zu tätigen, sich einen Beruf zu suchen oder sonstwie über ihr Leben zu bestimmen. Es wurde über sie bestimmt, und sie hatte zu gehorchen, erst ihrem Vater oder ihrem Bruder oder einem Onkel oder wer immer das männliche Oberhaupt der Familie war, dann ihrem Ehemann. Ohne Widerspruch.

    Der Sex wurde ihr aufgezwungen, ob sie wollte oder nicht, und wenn sie dann schwanger war, immer wieder, konnte sie sowieso nichts mehr tun, denn als schwangere Frau war es unschicklich, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Da konnte sie nur im Haus bleiben.

    Für ein armes Mädchen wie Emma hätte diese Schicklichkeitsregel zwar nicht gegolten, aber niemand wollte schwangere Dienstboten oder Arbeiterinnen im Haus haben. Und schon gar nicht das Kind, das da auf dem Wege war. Also wäre auch für sie eine Schwangerschaft wahrscheinlich mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes einhergegangen. Und damit mit dem Verlust ihrer Existenz, mit Hunger und Not. Und sie hätte noch das Kind zu versorgen gehabt. Das dann aber oft starb, weil die Umstände ja z.B. auch keine medizinische Versorgung boten.

    Ich denke, es ist immer mal wieder gut, sich klarzumachen, in welchem Luxus wir heute leben, dass wir uns um all diese Dinge keine Sorgen zu machen brauchen.

    Mittwoch, 22. März 2017 21:00
  • Ich möchte nicht wissen und es mir auch nicht vorstellen, was Emma angetan werden könnte, wenn der Kerl sie zu einem späteren Zeitpunkt irgendwo sehen und er sich an sie erinnern würde. Ich denke, Emmas Schicksal wäre besiegelt :(
    Ja, wir sollten uns bewusst sein oder werden, wie gut wir es eigentlich haben. Ich denke das inzwischen jeden Tag mehrmals ...

    Donnerstag, 23. März 2017 7:48
  • Ruth Gogoll

    Babs Permalink

    Ich glaube eigentlich nicht, dass das den Mann dann noch interessieren würde. Es sei denn, er hätte sich speziell in Emma verguckt. Aber wahrscheinlich würde er sie gar nicht wiedererkennen, weil er so gut wie gar nicht in ihr Gesicht geschaut hat. Er hat nur gesehen, dass sie nicht seiner Gesellschaftsschicht angehört und deshalb war sie Freiwild für ihn.

    Außerdem habe ich in meinem Leben die Erfahrung gemacht (und ich denke, das galt auch damals schon), dass solche Männer auf leichte Beute aus sind. Frauen, die sich wehren, mögen sie nicht so. Und Frauen, die ausstrahlen, dass sie über sich selbst bestimmen, dass sie keine Angst haben. Von denen halten sie gleich Abstand. Es gibt genügend Frauen, die sich ängstlich verhalten, die von vornherein den Mann für stärker halten und dadurch ausstrahlen, dass sie leicht zu haben sind. Die werden schnell zum Opfer.

    Emma ist von Natur aus kein Opfer. Wenn der Mann nicht gerade psychopathische Züge hat, ist sie uninteressant für ihn. Er will seine Befriedigung auf bequeme Art, er will sich nicht dafür anstrengen müssen. Und Emma wäre anstrengend zu bekommen. Er wird sich nach Frauen umsehen, die ihm keinen Widerstand entgegensetzen. Das ist so meine Vorstellung von ihm.

    Frauen, die sich nicht wie Opfer verhalten, werden meistens auch nicht zum Opfer.

    Donnerstag, 23. März 2017 8:30
  • Frauen, die sich nicht wie Opfer verhalten, werden meistens auch nicht zum Opfer ... na ja ... ich finde das jetzt schon sehr hart formuliert. Denn oft hat das alles auch mit Macht, Rache und Genugtuung zu tun. Ganz abgesehen von den doch recht vielen kranken Köpfen, die da draussen frei herum spazieren. So jemand kann sich nämlich genau so eine starke Frau als Beute und somit als Freiwild herauspicken, weil er diesen Kick braucht.
    Aber ich denke, wir lassen das Thema jetzt besser ruhen. Es ist irgendwo zu grausam. Wäre zu schade um die schöne Geschichte. Es passiert genug Schreckliches in unserer Welt.
    Ich würde mich freuen, wenn wir von dem Scheisskerl nichts mehr lesen müssten ;):)

    Donnerstag, 23. März 2017 8:46
  • Ich glaube, Ruth bezieht sich mit dieser These auch auf wissenschaftlich und statistisch belegte Fakten. Tatsächlich gibt es nämlich einen gewissen Opfertypus, allein schon vom Auftreten und der Körpersprache her. Und der Täter erkennt das sofort. Daher sind manche Menschen gefährdeter und anfälliger dafür, ein Opfer, in welcher Hinsicht auch immer, zu werden. Verallgemeinern kann man das freilich nicht.

    Donnerstag, 23. März 2017 11:27
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Genau. Deshalb habe ich jetzt mal den Artikel Sich wehren dazu geschrieben, denn hier in Honig ist das wirklich nur so ein kleiner Nebenschauplatz, um zu zeigen, dass Emma sich so etwas nicht gefallen lässt, um ihre Persönlichkeit noch deutlicher hervortreten zu lassen. Dieser Mann ist völlig unwichtig. Er ist nur ein Mittel zum Zweck, um Emma zu charakterisieren. Ansonsten hat er keine Bedeutung.

    Donnerstag, 23. März 2017 11:51

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