|
Gestern las ich, daß schon wieder eine Schaffnerin ein Kind aus einem Zug der Deutschen Bahn geworfen hat. Wird das jetzt zum Freizeitsport?
Es gibt Schwarzfahrer – ja. Und Schwarzfahren ist keinesfalls richtig. Daß dann Maßnahmen ergriffen werden, das akzeptiert jeder. Aber ein Kind, das seine Fahrkarte vergessen hat und zudem vorher noch einem behinderten Mann geholfen hat, der sogar noch angeboten hat, das Mädchen als seine »kostenlose Begleitperson«, die ihm offiziell zusteht, mitzunehmen, einfach aus einem Zug zu werfen, das ist keine akzeptable Maßnahme – und zudem sogar von der Bahn selbst verboten. Abgesehen davon, daß es in meinen Augen eine Straftat ist, ein zwölfjähriges Mädchen allein durch einen Wald laufen zu lassen, wenn gerade die Dunkelheit anbricht. Was wäre gewesen, wenn das Mädchen vergewaltigt worden wäre?
Schaffner und Schaffnerinnen werden schlecht bezahlt und müssen sich vielleicht auch von Fahrgästen so einiges anhören, zudem haben sie des öfteren mit echten Schwarzfahrern zu tun, die durchaus nicht immer nett sind und mit Absicht den Fahrpreis prellen wollen. Deshalb ist Schaffnerin zu sein wahrscheinlich nicht unbedingt der tollste Job. Aber ist das ein Grund, sich an einem Kind zu rächen, das einfach nur seine Fahrkarte vergessen hat?
Wie tief muß man moralisch gesunken sein, um so etwas zu tun? Gibt es keine andere Art, seinen Frust abzuladen? Sicherlich, es gibt schlimmere Dinge, Kindesmißbrauch, Tierquälerei, die Liste wäre endlos. Aber was veranlaßt einen Menschen dazu, so brutal zu sein? Ohne jeden Grund?
Es war natürlich früher auch schon so. Schaffner und Kontrolleure waren noch nie nette Menschen – was man zum Teil ja auch verstehen kann, denn ihr Job ist kein besonders angenehmer. Ähnlich wie Polizisten sollen sie Kriminelle finden und aus dem Verkehr ziehen, sie haben dazu aber weder die Ausbildung noch die Befugnis. Sie sind wie Sheriffs früher im Wilden Westen, die zwar für Ordnung sorgen sollten, aber keinerlei Unterstützung von der Bevölkerung erhielten.
Nur – niemand zwingt einen Menschen, Schaffner oder Kontrolleur zu sein. Man muß eine bestimmte Einstellung haben, damit man es gut findet, diesen Beruf auszuüben. Und diese Einstellung spiegelt sich dann in solchen Übersprungshandlungen wider. Gegen Erwachsene traut man sich vielleicht nicht vorzugehen, aber ein Kind ist ja schwach genug.
Das ist wie früher in der Schule, wo einige Jungs sich immer schwächere ausgesucht haben, um auf ihnen herumzuhauen. Gegen Jungs, die genauso stark waren wie sie selbst, trauten sie sich nicht. Es gab aber auch ein Wort für solche Jungs: Feiglinge. Offenbar gibt es das nun auch bei Mädchen und Frauen, zumindest bei den erwachsenen Schaffnerinnen der Bundesbahn.
Wie kann ausgerechnet eine Frau ein Mädchen einer solchen Gefahr aussetzen? Jede Frau weiß doch, was einem Mädchen passieren kann, wenn es allein abends in der Dunkelheit unterwegs ist.
Ich kann so ein Verhalten einfach nicht verstehen.
 |